Einzelhandel | | von Annette Mattgey

Offline vs. Online: Der Kampf zeigt Wirkung

Jahrelang agierte der Einzelhandel wie das Kaninchen vor der Schlange in Bezug auf die Konkurrenz aus dem Netz. Doch jetzt sind die Händler aufgewacht und denken über Multichannel-Strategien nach. Prompt stottert das Internet als Wachstumsmotor des Einzelhandels. Nun holt die Innenstadt auf - mit neuem Konzept.

Die Wachstumsprognose, die der Bundesverband E-Commerce (BEVH) eben herausgab, würde anderen Branchen angesichts der gedämpften Konjunkturstimmung die Tränen in die Augen treiben. Ein Plus im mittleren einstelligen Prozentbereich ist für die Internethändler aber ein deutliches Eingeständnis: Es läuft nicht mehr rund. 2013 war die Branche noch um knapp 23 Prozent gewachsen, Zielmarke für 2014 waren zu Jahresbeginn noch mehr als 15 Prozent. Diesen Erwartungen werden die Händler nun nicht gerecht.

Die Zeiten rasanter Wachstumsraten seien erstmal vorbei, urteilt auch das EHI Retail Institut. Das zeige aber vor allem, dass der Markt erwachsen werde. Neun Prozent der Waren im deutschen Einzelhandel werden nach Zahlen des Handelsverbands Deutschland (HDE) inzwischen online gekauft.

Vor allem bei Handys, Laptops und anderer Unterhaltungselektronik steigen die Umsätze deutlich, im dritten Quartal allein um fast ein Viertel. Bei Bekleidung jedoch läuft es nach Angaben des Bundesverbands Textileinzelhandel derzeit weder online noch in den Läden. Und der Internet-Erlös mit Büchern ging laut BEVH um mehr als ein Fünftel zurück.

"Wir sehen einen Trend, dass der stationäre Buchhandel sich seinen Platz zurückerkämpft", sagte Verbandspräsident Gero Furchheim dem "Tagesspiegel". Mit schickeren Läden, "weniger staubig". Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels kann diese Entwicklung mit Zahlen belegen: So stieg der Umsatz traditioneller Buchhandlungen im vergangenen Jahr um 0,9 Prozent, im Internethandel sank er um 0,5 Prozent. "Das setzt sich dieses Jahr fort", sagt Sprecherin Claudia Paul. Gut laufe es vor allem für Händler, die neben dem Laden noch eine Internetseite haben.

In der Branchensprache nennt man das Multi-Channeling. Ein Drittel der Einzelhändler habe inzwischen auch ein Standbein im Internet, sagt HDE-Sprecher Stefan Hertel. Er könne daher auch nicht erkennen, dass es mit dem Online-Handel bergab gehe. Der Trend gehe vielmehr dahin, die Kunden dort abzuholen, wo sie einkaufen wollten: In der Innenstadt, vor dem PC aber auch mit dem Smartphone im Bus. Einen ersten Eindruck, wie ein neu gestalteter Laden aussehen könnte, der für den Mulitchannel-Handel gerüstet ist, präsentierte in dieser Woche der Elektronik-Fachmarkt Saturn in Ingolstadt.

Zwar entfällt der größte Umsatzanteil im Netz nach wie vor auf Marktplätze wie Ebay und Amazon, die im dritten Quartal rund 5,2 Millionen Euro erwirtschafteten. Doch damit verloren sie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum rund 20 Prozent. Die sogenannten Multi-Channel-Anbieter, die nicht auf Klicks setzten, legten dagegen um mehr als 27 Prozent auf fast 4,4 Millionen zu. Entscheidend für die Entwicklung der Branche werde nun, wie der Internetverkauf von Lebensmitteln und Möbeln ankomme, sagt Furchheim. Zumindest bei Lebensmitteln läuft es schleppend, nach HDE-Zahlen liegt der Online-Handel hier unter einem Prozent. Der schwedische Möbelmarkt Ikea und die Baumärkte dagegen, so urteilt Hansjürgen Heinick vom Kölner Institut für Handelsforschung, zeigten wie es gehen könne.
(am/Theresa Münch, dpa)

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