Nicht jeder chinesische Deutschland-Tourist wird sich einen BMW kaufen. Aber jeder von ihnen lässt rund 3000 Euro im Land.
Nicht jeder chinesische Deutschland-Tourist wird sich einen BMW kaufen. Aber jeder von ihnen lässt rund 3000 Euro im Land. © Foto:BMW

Für chinesische Touristen | | von Annette Mattgey

Mobile Payment: Chinesische Internetriesen wollen nach Deutschland

Während die Deutschen noch skeptisch sind, zahlen die Chinesen bereits begeistert per App. Das sollen sie künftig auch auf ihren Urlaubsreisen nach Deutschland tun. Deswegen starten Tencent und Alibaba hierzulande mit Mobile-Payment-Lösungen. 

Die in der südchinesischen Wirtschaftsmetropole Shenzhen ansässige Tencent wird von November an mit dem Chatprogramm WeChat für chinesische Touristen in Deutschland mobiles Bezahlen mit dem Handy an der Ladenkasse anbieten. Das teilte der deutsche Partner Wirecard in München mit. Jörn Leogrande, Executive Vice President Mobile Services bei Wirecard, sagt: "Wir sind stolz darauf, einer der ersten Partner von WeChat Pay für POS-Akzeptanz in Europa zu sein. Diese Zusammenarbeit ist für uns ein weiterer Schritt, um Einzelhändlern mit nur einer einzigen Schnittstelle, die regelmäßig um zusätzliche Zahlungsmethoden erweitert werden kann, eine ganze Palette alternativer und klassischer Bezahlmethoden anzubieten. Dank unserer ConnectedPOS-Plattform lassen sich diese mit minimalem Arbeitsaufwand in das vorhandene Kassensystem integrieren. Wir freuen uns darauf, unser Geschäft zu expandieren und Händlern in ganz Europa die Möglichkeit zu bieten, WeChat Pay zu akzeptieren."

Bereits seit 2015 expandiert Tencents schärfster Konkurrent Alibaba, der mit der App Alipay die Pionierrolle übernommen hatte. Das in München ansässige Unternehmen Wirecard, ein internationaler Dienstleister für elektronischen Zahlungsverkehr, ist Partner für beide Unternehmen. Ihnen geht es nicht um deutsche Kunden, sondern die heimische Klientel.

Die mobile Bezahllösung WeChat Pay hat über 600 Millionen aktive Nutzer - dies entspricht einem Marktanteil von fast 40 Prozent im chinesischen Mobile-Payment-Markt.

China ist einer der wichtigsten Tourismus-Märkte für europäische Länder. Laut einer Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua aus dem vergangenen Jahr summierten sich 2015 die Ausgaben chinesischer Touristen in Deutschland bereits auf 76 Milliarden US-Dollar, weiteres Wachstum wird erwartet. Laut Wirecard belaufen sich die Durchschnittsausgaben pro chinesischem Tourist auf 3.000 Euro - mit einer stark steigenden Tendenz. Vor allem Luxuswaren wie Bekleidung, Schmuck und Uhren, Kosmetik und Haushaltartikel von namhaften Marken sind gefragt. Da Chinesen gewohnheitsmäßig eher via Mobile Payment als per Karte bezahlen, lohnt es sich für europäische Händler, diese Zahlungsmethode zusätzlich anzubieten. Der Flughafen München hat sich schon auf die neue Klientel eingestellt und hat Ende 2015 Alipay implementiert.  Seitdem sind dort die Umsätze mit chinesischen Touristen laut Wirecard um 92 Prozent gestiegen - fast eine Verdopplung.

"In Europa wird Alipay von 10.000 Einzelhändlern akzeptiert, davon über 2000 in Deutschland", sagte Yang Xinyun, Sprecherin der Alibaba-Finanztochter Ant Financial in Hongkong. Dazu zählen etwa die Drogeriekette Rossmann, die Ladenkette des in China sehr beliebten Kochtopfherstellers WMF, das Münchner Edelkaufhaus Ludwig Beck sowie der Münchner Flughafen.

In China haben die beiden Konzerne eine mit Google und Amazon vergleichbare Marktmacht. Tencent beziffert die Zahl der WeChat-Nutzerkonten auf 938 Millionen. Alipay hat mehr als 500 Millionen Nutzer. Nach einer im April publizierten UN-Studie wurden 2016 über beide Apps fast drei Billionen Dollar bewegt.

Alipay ist eine reine Bezahl-App, WeChat ein Chatprogramm mit integrierter Zahlmöglichkeit. Den meisten Deutschen ist die Entwicklung bislang aus einem einfachen Grund verborgen geblieben: Von Alipay gibt es gar keine deutsche Version, der deutschen WeChat-Ausgabe fehlt die Bezahlfunktion.

"Beim mobilen Bezahlen sehen wir im Gegensatz zur großen Akzeptanz bei anderen bargeldlosen Verfahren beim deutschen Verbraucher immer noch eine große Zurückhaltung", sagt Marco Liesenjohann vom IT-Branchenverband Bitkom. "Die Entwicklung des mobilen Bezahlens hängt von einer Verhaltensänderung des Verbrauchers ab." Und dieser Prozess werde maßgeblich davon bestimmt werden, wie stark das Smartphone als universelles Werkzeug im Alltag verstanden werde - und damit eben auch als Mittel der Wahl zum Bezahlen, meint Liesenjohann.

Die Bedeutung der Entwicklung geht über den deutschen Einzelhandel weit hinaus. "Die gigantischen chinesischen Technologiefirmen, ausgestattet mit einem Überfluss an Geld und IT-Infrastruktur, haben weitreichende globale Ambitionen", schrieben die Fachleute der Unternehmensberatung EY 2016 in einer Studie zur chinesischen Finanztechnologie (Fintech).

Alibaba und Tencent stoßen mit großer Wucht in nichtchinesische Märkte vor: "Derzeit sind wir mehr auf die Bereitstellung finanzieller Dienstleistungen in Entwicklungsländern fokussiert", sagt Ant-Financial-Sprecherin Yang. Das Unternehmen sei aber offen für mögliche Kooperationen mit europäischen Partnern. Alipay expandiert derzeit in globalem Maßstab; unter anderem in den USA, Indonesien, auf den Philippinen, in Südkorea, Brasilien und Russland. Und wo Alipay hingeht, ist Tencent nicht weit.

am/mit dpa

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