Nina Diercks | | von Nina Diercks

10 Gründe, warum Sie auch 2015 garantiert keinen Anwalt brauchen

Das Jahr ist jung. Ich hoffe, Sie sind besser reingekommen als ich. So ein Fahrradunfall, bei dem der Kopf nahezu ungebremst dem Bürgersteig entgegentritt, ist – trotz Helm – absolut nicht zu empfehlen. Aber kommen wir zum Thema. Ich habe nachgesehen, wann Sie das letzte Mal von mir an dieser Stelle gelesen haben. Das war… *räusper, vor einem halben Jahr. *Hust. Der Grund, nun ja, ein wenig viel Arbeit, Sie wissen schon, die von den Mandanten, die dafür bezahlen, dass man für sie arbeitet. Wir sahen uns gar gezwungen, eine weitere Anwältin einzustellen. Aber das mit dieser Arbeit, das will ja keiner. Und deswegen erkläre ich Ihnen nach langer Abstinenz an dieser Stelle gleich einmal, warum Sie 2015 besser gleich auf einen Anwalt verzichten.

1. Anwälte können keine Werbung!

Sie sehen doch schon an dieser subtil-bescheuerten Einleitung, warum man keinen Anwalt braucht. Als würde keiner merken, wohin der Werbe-Hase läuft.

(Ja, ja, Sie haben ja recht. Aber lesen Sie ruhig weiter, das wird Ihren Eindruck voll und ganz bestätigen.)  

2. Macher gehen nicht zum Anwalt!

Sie brauchen keine Beratung zu dem geplanten Geschäftsmodell. Denn datenschutzrechtliche, markenrechtliche oder sonstige rechtliche Bedenken, wie etwa die Frage, ob Sie eine Banklizenz für Ihren Vermittlungsdienst auf Provisionsbasis benötigen könnten, sind schlicht Gedanken von Leuten, die immer nur reden, aber nie machen. Man sieht doch, wo Deutschland vor lauter Bedenkenträgerei steht: Kein Google, kein Amazon, kein Facebook, kein Tinder stammt von hier. So kommen wir nicht zu disruptiven Geschäftsmodellen und Startups, die den Namen verdienen!

(Dass Firmen wie Protonet, die mit dem Themen IT-Sicherheit & Datenschutz  Crowd-Finanzierungen in Sekunden erhalten, so wie andere Leute allenfalls das Herbstlaub ihrer Nachbarn auf ihre Terrasse oder, dass Unternehmen wie Glassdoor beim deutschen Markteintritt offensichtlich gerade über den Datenschutz stolpern, das lassen wir nun einmal außen vor – das würde ja die Story kaputt machen.)

3. Anwälte zerstören jedes vernünftige Geschäft unter Kaufleuten!

Sie brauchen auch keinen Vertrag. Denn Sie wissen, des Kaufmanns Ehrenwort hat Bestand. Sie haben Ihre Geschäfte bisher immer per Handschlag besiegelt. Es wissen doch auch alle, dass Anwälte ein ehrliches Geschäft nur kompliziert machen. Wenn die schwarzen Raben da erst mal dran waren, weiß schließlich keiner der Beteiligten mehr, was eigentlich vereinbart war. Und wenn es unter dem Projekt dann doch mal schwierig wird und keine Einigkeit mehr darüber besteht, was der Auftraggeber dem Auftragnehmer zu liefern hatte oder wer wem welche Rechte in welchem Umfang eigentlich eingeräumt hatte – nun, dann, dann kriegen Sie die Kuh schon vom Eis. Irgendwie. Bestimmt. Ist ja auch nicht so dramatisch, wenn es im Ergebnis um einen Großteil Ihres Jahresumsatzes geht.

4. Abmahnungen kommen immer von schwarzen Schafen!

Wenn bei Ihnen eine Abmahnung im (elektronischen) Briefkasten liegt,  brauchen Sie wirklich keinen Anwalt. Man kann doch in der einschlägigen (Online-)Presse beständig nachlesen, dass die Abmahner alle schwarze Schafe und Abmahnungen per se unrechtmäßig sind. Der ehemalige Anwalt Urmann, der musste doch auch seine Zulassung nach diesen Abzock-Abmahnungen abgeben  (oder so ähnlich). Da sieht man es doch.

Sie wissen ja auch, dass eine markenrechtliche Abmahnung schnell bei Streitwerten von 100.000,00 Euro liegt. Aber das macht nichts. Das sind nur knapp 5.000,00 Euro für Ihren eigenen und den gegnerischen Anwalt im außergerichtlichen Verfahren. Da hoffen Sie dann besser darauf, dass der gegnerische Anwalt diese Androhung, den Anspruch seines Mandanten im gerichtlichen Verfahren durchzusetzen, nun bestimmt nicht ernst meinte. Schließlich kommt das Verfahren im ersten Rechtszug mit dem günstigen Kostenrisiko von 13.000,00 Euro daher. Und wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Dass Sie im Falle des Unterliegens vor Gericht die gerade in den Markt getriebene Geschäftsbezeichnung wieder ändern müssen: Geschenkt..

Das könnten Sie sich finanziell wie nervlich natürlich sparen. Aber wer will das schon. Siehe Punkt 2, Macher gehen nicht zum Anwalt.

5. Ich zahl doch nicht schon für das Angebot!

Während einem eine Werbe-Agentur das schicke neue Vermarktungs-Konzept für lau präsentiert und man sich anschließend überlegen kann, ob man es denn gerne hätte (gut, die Zeiten sind an sich auch vorbei, aber sei es jetzt mal drum), sollen Sie beim Anwalt schon dann bezahlen, wenn Sie nur eine ganz kurze Frage haben, die sich sicher doch sofort am Telefon erläutern lässt und die der Anwalt "sowieso" schon weiß. Der Anwalt nennt das dann einfach "Erstberatung" und erzählt irgendwas von seiner Verantwortlichkeit für die Aussage und der Haftung, um die Kostennote zu rechtfertigen.

6. Sie können doch selber lesen!

Anwälte sind teuer. Und das obwohl es nur um Sprache und ein paar Formulierungen geht. Dabei können Sie doch auch lesen. Also, klar, dass Sie die Herz-OP nicht selber machen, nur weil es dazu online eine Anleitung gibt. Aber so ein Vertrag? Oder die Erwiderung auf eine anwaltliche Abmahnung? Oder gar auf eine Klagschrift? Ich bitte Sie, Sie können doch googeln. Da finden Sie genügend Formulierungen für Nutzungsrechtevereinbarungen und Foreneinträge, wie mit einer Abmahnung (egal welche, ist ohnehin alles das Gleiche) umzugehen ist. Das können Sie wirklich selber nachlesen und zusammenschreiben. Und Sie wissen auch, wenn Sie etwas speziellere Fragestellungen haben, dann gucken Sie einfach mal bei der näheren Konkurrenz und schreiben da ab. Die veröffentlichen ja alle ihre AGB auf den Webseiten. Das wird schon passen. Klingt doch jedenfalls genau, wie das, was Sie für Ihren Fall brauchen.

(Sollten Sie eine Klage von einem Landgericht erhalten haben, tja, dann nützt es alles nichts, Sie müssen zum Anwalt. Das sagt die Zivilprozessordnung (ZPO). Aber dem Anwalt ersparen Sie ganz viel Arbeit, wenn Sie das vorher alles schon googeln und die Lösung präsentieren, der freut sich. Total. Und gewährt gleich einen Preisnachlass. Bestimmt.)

7. Der Sohn des Kollegen studiert doch Jura!

Anwälte sind teuer. Und der Sohn des Kollegen studiert im 6. Semester Jura. Perfekt! Der hat zwar bislang im Studium weder Vertragsgestaltung noch Urheberrecht gehabt, aber für die Prüfung der Nutzungsrechtkette zwischen Produktionsfirma, Models, Agentur und Endkunde wird es ja wohl schon reichen. Das ist dann ja auch wieder nicht so dramatisch, wenn man als Agentur am Ende dem Endkunden erklären muss, dass man ihm zwar eine Leistung verkauft hat, er aber leider nicht die Rechte im gedachten Umfang erhalten kann, die hat man nämlich, mhm, irgendwie selber nicht bekommen. Wird schon. Muss halt noch schnell ein großes Kundenevent veranstaltet werden, dann beruhigt eben dieser sich schon wieder.

8. Die Programmierer und das Marketing müssen auch bezahlt werden!

Anwälte sind teuer. Dabei müssen doch die Programmierer, die Marketing-Agentur, die schicken Räume in dem coolen Loft und vor allem die große Launch-Party mit dem aus Ibiza eingeflogenen DJ bezahlt werden. Der Markteintritt soll schließlich das Ereignis des Jahres werden! Mindestens. Da ist nun wirklich kein Geld dafür da, am Anfang einmal grundlegend zu klären, welche Gesellschaftsform sinnvoll wäre oder welche rechtlichen Risiken mit dem geplanten Geschäftsmodell einhergehen, ganz zu schweigen von etwaigen Nutzungsbedingungen oder Allgemeinen Geschäftsbedingungen für Ihre zahlenden Kunden (das sind die, die sie langfristig am Leben halten). Also, wirklich.

9. "Das kommt darauf an"

Anwälte sind teuer. Als Gegenleistung für die horrende Kostennote bekommen Sie hinterher irgendein Kauderwelsch, das keiner versteht oder am besten noch den Satz "Das kommt darauf an", bei dem Sie nun auch nicht wissen, was Sie tun oder lassen sollen. Sie können es also gleich lassen. Bringt ja nichts, so eine Risikoabwägung.

10.    Anwälte wollen immer das letzte Wort behalten

Sie haben die 10 Punkte zu Ende gelesen und festgestellt, dass Sie gedanklich schon bei Punkt 1 Recht hatten. – Ja, ich hab es Ihnen doch gesagt!

11.    Anwälten ist Selbstironie fremd

(Punkt 11 gibt es in Wahrheit, weil  es in diesen bescheuerten Listen immer noch einen on top gibt)

Der Anwalt hält sich selbst für das Maß der Dinge und alle anderen, nun ja. Die Fähigkeit zur Selbstironie ist nicht im Mindestmaß vorhanden. – Dieser Artikel belegt dies vollumfänglich.

Dass Anwälte ironiefreie Rechthaber sind (Punkt 10 und 11) macht aber überhaupt nichts. Sie müssen, wie Sie jetzt wissen, auch 2015 absolut keinen Anwalt sehen.

Und sollten Sie (unter welch unvorstellbarer Zwangssituation auch immer) dann doch irgendwann bei einem Anwalt sitzen und sich die Haare raufen, dann wahren Sie bitte die Fassung und denken Sie immer daran "Ich brauche keinen Anwalt!", Sie fragen in dem Fall nur einen entfernten Bekannten zufällig gegen Geld um Rat.   

In diesem Sinne,

auf bald, wenn ich Ihnen mal wieder gänzlich ironiefrei erkläre, warum in der einen oder anderen Angelegenheit ein Anwalt doch hilfreich wäre. ;-)

Wichtige Randbemerkung: Dieser Text ist von dem hochgeschätzten Theodossios Theodoridis, seines Zeichens freier PR-Berater in Hamburg, bzw. vielmehr von seinem Text "10 Tipps für erfolglose PR" inspiriert. Besten Dank. Und auf bald, Dossi!

Nina Diercks ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zur Autorin und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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