Kommentar | | von Annette Mattgey

Wasser predigen, Wein trinken: "Adblock Plus handelt zynisch"

Mediascale-Geschäftsführer Dominik Frings sieht in der aktuellen Debatte um Adblocker und die aktuelle Kampagne der Verlage Heuchelei auf beiden Seiten. Er kritisiert sowohl seine werbeabstinenten Kollegen, die mit ihrer Haltung den Ast absägen auf dem sie sitzen, als auch das Unternehmen Eyeo, das hinter Adblock Plus steht. Nach außen wettert es gegen aufdringliche Werbung, aber auf der eigenen Internet-Seite springt den User ein fettes Pop-up an.  

Text: Dominik Frings

Sind Sie  Teil der Werbeindustrie? Dann kennen Sie das: Erzählt man, was beruflich das tägliche Schnitzel sichert, fallen folgende Sätze so gut wie immer: (Online-)Werbung? Die ignoriere ich. Banner? Habe ich noch nie drauf geklickt! TV-Werbung? Schalte ich weg!

Werbung  ist halt ein Thema, zu dem niemand stehen möchte und reiht sich ein in eine Vielzahl von Themen, die man am liebsten verdrängt: Umweltverschmutzung? Machen andere - und ab geht es mit dem Urlaubflieger auf die CO2-Antillen. Würden offiziöse Meinungsäußerungen auch nur ansatzweise zutreffen, wäre die Erotikindustrie von sehr überschaubarer Größe und das TV-Programm hätte wieder Niveau. Dass es nicht so ist, können sie auf RTL2 eindrucksvoll mit ihrer getauschten Frau bestaunen.

Die Steigerung des Gutmenschen ist der Realitätsignorant, der z.B. ein öffentliches Nahverkehrssystem mit 24-Stunden-Beförderungsgarantie wünscht, jedoch nicht bereit ist ein Ticket zu kaufen. Ein O-Ton, den ich live erleben durfte: „Ich hasse Schaffner und würde nie regulär zahlen. Die Bahn kommt ja auch eh immer zu spät.“ Der Sinngehalt einer solchen Aussage lässt sich in einer Amöbe spielend unterbringen. Gleiches gilt für die Kollegen, die freudestrahlend erzählen, dass sie nunmehr Werbung via Adblocker unterdrücken, was ohnehin viel besser sei und das Internet besser macht.

Dass sie damit am Ast sägen, auf dem sie sitzen, ist nicht vermittelbar. Versucht man es missionarisch mit Erläuterungen, warum es auch für sie qualitativ ganz gut ist, wenn der Spiegel Online-Redakteur sein Geld nicht als Power Seller bei Ebay nebenbei verdienen müsste, kommen Ausflüchte wie: „Ich würde ja auch für Werbefreiheit zahlen.“ Deshalb funktionieren ja auch Bezahlmodelle so wahnsinnig gut  und die Verlage verbrennen gerade die 100 Euro-Scheine, um Platz für die 500 Euro-Noten zu schaffen.

Der politisch korrekte User: Niemals auf Youporn und alles bio

Lieber unbekannter User, du bist auch genau der, der noch nie auf Youporn war und die Gurken ökologisch korrekt in der Garage selbst anpflanzt. Dass der Mensch ist, wie er ist, wird sich wohl nur bedingt ändern lassen. Deshalb war der Versuch einiger Verlage mittels einer Anti-Adblocker-Kampagne User von der Notwendigkeit von Werbung zu überzeugen, wohl auch von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Neben der diskutablen Umsetzung (ich hätte es ja mal redaktionell versucht), ist aber die Intention durchaus richtig: Es geht hier doch nicht um weniger als um die Sicherstellung wirtschaftlicher Grundlagen im Internet.

Das nun die Anbieter von Adblockern sich selber feiern und glauben etwas Gutes zu tun, ist dann doch ein wenig zynisch. Hinter Adblock Plus steht laut Impressum die Eyeo GmbH, die sich gemäß Eigenaussage auf die Fahne geschrieben hat „durch die Möglichkeit zum Abschalten ungewollter Werbung das Internet insgesamt positiv beeinflussen zu wollen, indem Anreize für Werbetreibende zur Einhaltung von Richtlinien für bessere Werbung geschaffen werden“. Soweit so gut. Stellt sich jedoch  die Frage, wer darüber entscheidet, was „ungewollt“ ist. Und ob das dann auch der User weiß.

Eyeo missachtet eigene Kriterien für unaufringliche Werbung

Daneben kämpft die gleiche Firma gegen „ungewolltes“ Kampagnentracking, was jedoch der Wahrscheinlichkeit von möglichst relevanter und nicht nerviger (weil irrelevanter) Werbung  eher abträglich ist. Ich kenne zumindest keinen Kunden und keine Agentur, die bewusst an der Zielgruppe vorbeiplanen. „Aufdringliche Werbung wird aussterben, wie das mit PopUp-Fenstern bereits geschehen ist“, prophezeit AdBlock plus auf seiner eher spartanischen Webseite.  Und dann kommt auf der Seite eine Stellenanzeige, die sich als neues Fenster  wie ein Pop Up (!) über die Seite legt.

 

Die Verbreitung des AddOns laut Eigenangabe schwankt übrigens zwischen 45 Mio. und 150 Mio. Usern weltweit bzw. 10 bis 15 Mio. Downloads in Deutschland, je nachdem ob man der Website oder die Presseaussagen zu Grunde legt. Neben derlei Ungereimtheiten grassiert noch das böse Gerücht, dass sich der ein oder andere Werbedollar durchaus positiv auf die Einstellungen des Adblocker auswirken kann. „Media Mafiosos“ haben die US-Kollegen von Digital Trends so etwas genannt. Auch Gutmenschen scheinen demnach Schnitzel zu mögen.

Dominik Frings, 34, hat sein BWL-Studium im holländischen Venlo absolviert und 2003 abgeschlossen. Danach trat er seine Stelle bei Mediascale an. Angefangen hat er dort als Kundenberater, stieg zum Leiter Beratung auf und ist seit 2011 Geschäftsleiter. Seine Verantwortungsfelder sind strategische Kundenbetreuung, Online und Performance.

Wasser predigen, Wein trinken: "Adblock Plus handelt zynisch"

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