Werbeblocker | | von Tobias Weidemann

Schutzgeld 2.0: Adblock Plus ist "das klassische Mafia-Modell "

Mafia-Methoden wirft Sebastian Hirsch, Chefredakteur der PC-Welt, den Machern von Adblock Plus vor. Bisher hatten sich die Adblocker immer den Anstrich der Wohlanständigkeit gegeben. Daran kratzte diese Woche Blogger Sascha Pallenberg in seinem Blog Mobilegeeks. Dabei ist er nicht der einzige, der die Strategie von Adblock Plus kritisiert. Bereits Mitte Mai berichtete LEAD digital über das umstrittene Vorgehen der Macher von Adblock Plus. Der Werbefilter ist eine der meistgenutzten Erweiterungen für den insbesondere in Deutschland populären Browser Firefox (auch erhältlich für Chrome, Opera und unter Android). 15 Millionen Anwender nutzen das Tool regelmäßig, etwa ein Fünftel davon in Deutschland. Hinter Adblock Plus, das wurde jahrelang kolportiert, steht eine Community, die mit ihrer Schwarmintelligenz darüber urteilt, welche Werbung gut ist und welche böse.

Doch es gibt auch eine Firma hinter dem Werbefilter, die Eyeo GmbH. Die hat die Acceptable-Ads-Initiative ins Leben gerufen, die wenig störende Werbung im Interesse der Website-Betreiber in eine Whitelist aufnehmen soll. im Rahmen der Kampagne arbeitet man mit Website-Betreibern zusammen, die das Projekt „freiwillig finanziell unterstützen“, wie Geschäftsführer Till Faida es auf LEAD-digital-Anfrage formuliert. Doch ganz so freiwillig tun das offenbar nicht alle. So kritisierte beispielsweise das Computerportal pcwelt.de, dass man aufgefordert worden sei, das Add-on finanziell zu unterstützen, um umgekehrt in deren Whitelist aufgenommen zu werden. „Faida hat uns sein Angebot vorgestellt, das im Wesentlichen darauf hinaus lief, dass er uns mittelfristig gegen Umsatzanteil auf die Whitelist setzt“, berichtet Sebastian Hirsch, Chefredakteur der PC-Welt. „Also das klassische Mafia-Modell – ich blocke Dich nicht, wenn Du zahlst. Wir haben abgelehnt und seitdem nie mehr Kontakt gehabt.“

Nun erhebt auch Sascha Pallenberg, Blogger und Website-Betreiber von Portalen wie netbooknews.de und mobilegeeks.de, schwere Vorwürfe gegen die Adblock-Plus-Macher: „Das erfolgreiche Add-on entpuppt sich als perfide konzipiertes Hintertürchen, das sich als Erpressungswerkzeug für jeden Website-Betreiber einsetzen lässt“, erklärt der in Taipei ansässige Blogger. Pallenberg legt in einer ausführlichen Recherche diverse Verquickungen der Geschäftsführer, Investoren und Anteilseigner offen, die zeigen, dass einige der in der Whitelist aufgeführten Websites über Geschäftspartner mit dem Unternehmen, das hinter Adblock Plus steht, verbunden sind. Zudem stellt Pallenberg dar, dass einige der in der Whitelist auftauchenden Websites wohl nicht unbedingt unter von den Nutzern erwünschte Werbeformen fallen. Dabei handelt es sich etwa um  Websites wie Yieldkit, ein Angebot, das Keywords in Texten automatisiert mit Affiliate-Links ausstattet, ohne dass diese als Werbung gekennzeichnet werden. Denn auch wenn diese als reine Textlinks wenig störend wirken, sind sie für den Nutzer nicht zweifelsfrei als Werbung erkennbar.

Für Eyeo-Geschäftsführer Till Faida stellt all das kein Problem dar, er leugnet die recherchierten Verbindungen auch nicht: „Wir sehen in der Vernetzung keinen Gewissenskonflikt, sondern profitieren von den Erfahrungen und Kontakten unserer Mitarbeiter und Unterstützer. Eine Bevorzugung dieser Firmen gibt es nicht, jede Website kann sich bewerben und die Kriterien sind für alle gleich.“ Auch Yieldkit sei erst nach öffentlicher Diskussion auf die Whitelist gesetzt worden. Für die kleinen und mittelgroßen (Zahlen oder Kriterien hierfür nennt er keine) sei dies auch kostenlos, ein festes Pricing-Modell gäbe es aber nicht. So sei es auch nicht möglich, sich quasi in die Whitelist einzukaufen.

Mit selbstgemachten Siegeln Vertrauenswürdigkeit vorgegaukelt

Über welche Macht Adblock Plus inzwischen verfügt, zeigen ein paar Zahlen: Bei großen Nachrichtenportalen liegt der Anteil der User, die Werbung unterdrücken, inzwischen bei rund 20 bis 25 Prozent, bei technikaffinen Portalen sogar noch deutlich höher. Angebote aus dem Gaming-Umfeld berichten von 40 bis 50 Prozent von Anwendern, die Werbung bewusst ausblenden. Portale gehen daher vermehrt dazu über, ihren Content nur nach Überprüfung, ob der Nutzer keinen Werbeblocker verwendet und Cookies erlaubt, auch auszuliefern, um Werbeverweigerer auszusperren.

Doch es gibt noch mehr Vorwürfe: So wurde Adblock Plus über längere Zeit auf dem Blog chromeadblock.org beworben, das angeblich “no affiliation with Google, Adblock Plus, or any other trademark mentioned” hat. Die Domain ist allerdings auf Till Faidas Privatadresse angemeldet. Auch der Verweis auf eine Auszeichnung und ein Testurteil durch die Site chrome-plugins.org als beste Erweiterung für den Chrome-Browser ist unglaubwürdig – denn auch diese Domain gehört Faida selbst. Im Nachhinein räumt er ein, dass dies ungeschickt gewesen sei und er dies nicht noch einmal tun würde.

Werden Werbeblocker zum Gatekeeper für Online Ads?

Fragwürdig ist zudem der Umgang mit den Kritikern an Adblock Plus: So riefen im Mai einige große Portale wie Spiegel Online, Zeit Online und Süddeutsche.de ihre Leser dazu auf, zumindest deren Werbung in die Liste der erwünschten Werbung aufzunehmen, um das bestehende Kostenlos-Geschäftsmodell nicht zu gefährden. Adblock Plus reagierte schnell – und blockierte die Nachrichten der Verlage: „Grundsätzlich unterstützen wir solche Aufrufe, jedoch nicht wenn die Nachricht selbst als störend empfunden wird.“ Auch eine Strategie, um den Anwendern die Wahlfreiheit zu nehmen und Inhalte, die über Werbung hinausgehen, zu zensieren. Man kann übrigens darüber streiten, ob der Schritt der Verlage glücklich war. So berichtet Adblock Plus über gestiegene Zugriffszahlen aufgrund der Initiative der Portale; offenbar sind erst hierdurch viele Nutzer auf den Werbeblocker aufmerksam geworden.

Die „freiwillige“ Unterstützung des Projekts kann sich also für den Publisher durchaus auszahlen. Denn nur so erhält er das Geld, das ihm vom Werbekunden zusteht, auch tatsächlich. Für viele Portale dürfte es allerdings schwer werden, alle Voraussetzungen für eine Acceptable-Ads-Zertifizierung zu erfüllen.Unterm Strich ist hier also bereits ein neuer Gatekeeper entstanden, der über Erfolg und Misserfolg im Online-Marketing mitentscheidet und für eine Umverteilung der Werbegelder sorgt. „Hier geht es darum, Seitenbetreibern in Masse die Finanzierung zu entziehen, um ihnen dann gegen einen entsprechenden Obolus eine wundersam aus dem Hut gezauberte Alternative unterzujubeln“, erklärt Pallenberg. „Das grenzt in der Konsequenz an Erpressung unter dem Deckmäntelchen eines gesäuberten Internets.“

Schutzgeld 2.0: Adblock Plus ist "das klassische Mafia-Modell "

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