NEXT Berlin 2012 | | von Anika Kehrer

Salontreffen hat Staub angesetzt

Die NEXT entstand 2006 als Geburtstagsfest der renommierten Kommunikationsagentur SinnerSchrader. Im Jahr 2012 positioniert sie sich als "Treffpunkt der digitalen Industrie". Mit der quirligen Netzkonferenz re:publica muss sich die NEXT umso mehr messen lassen, als dass sie fast zur selben Zeit und dieses Jahr sogar am selben Ort stattfindet: in einem ehemaligen Postgüterbahnhof aus dem Jahr 1875 nahe Potsdamer Platz.

Die NEXT fällt klar ab. Die Stände im Foyer sind mit schlichten anthrazitfarbenen Messebausteine aufgebaut, was den szenigen Zauber der rohen Umgebung vernachlässigt. Der Eingangsbereich ist geradlinig und langweilig. Es ist sehr viel weniger voll und auch sehr viel weniger vibrierend als auf der re:publica - zumindest tagsüber. Doch es liegt nicht nur im Vergleich das Problem.

Teilnehmer bemängeln fehlenden Kick

Einen klaren Vorteil hat die NEXT: Hier trifft man Kollegen, Konkurrenten, Entrepreneure, Kommunikationsprofis und andere Kreative. "Es ist gut hier", sagt ein Teilnehmer am Rande der Konferenz, "denn hier treffen sich die namhaften Agenturen." Die Vorträge sind auch gut, meint er - wenn sie auch etwas werblich seien. Doch das erwarte man in diesem Branchenkontext, man wolle eben etwas verkaufen. Wichtiger jedoch: Der Kick fehle.

Besucher, Themen, Sponsoren - alles überschneide sich mit der re:publica. Hier sei es aber um einiges teurer. Außerdem, wünscht er sich, könnte die Konferenz doch auch brancheneigene Trends thematisieren: Etwa, dass Outsourcing langsam wieder out sei, um die Kraft wieder in die Agenturen zu holen. Nicht unbedingt ein digitales Thema, aber eines, das die Branche beschäftige. Digitale Innovation sei hier eh nicht besonders zu finden.

 

Ein anderer Teilnehmer bringt es harscher auf den Punkt: "Ich war bisher bei jeder NEXT, und diese ist der Tiefpunkt." Wenn man sich als europäisch führender Treffpunkt der digitalen Industrie bezeichne, so die Argumentation, sollte man zum Beispiel mit den entsprechenden Persönlichkeiten aufwarten, etwa von Facebook oder Twitter. Ein weiterer Kritikpunkt sei die mangelnde Relevanz der Vorträge und die Lieblosigkeit einer Standard-Inszenierung.

Aus der Sicht eines Besuchers, der nicht nur für das Klassentreffengefühl hier ist, wirkt das Konferenzformat durchaus etwas passiv. Es gab zum Beispiel öfters keine Fragerunde am Ende von Vorträgen. Und mancher Vortrag wirkt in Stil und Inhalt ein wenig wie eingeschlafene Füße. Dazu grassiert die Unart, während des Vortrags Videos zu zeigen und damit die Interaktion völlig zum Erliegen zu bringen. Das war allerdings auf der re:publica auch anzutreffen.

Ein Blick in die Vortragssäle

Franziska von Lewinski, gestandene CEO der Münchner Kommunikatikonsagentur Interone, wirbt in ihrem Vortrag "How digital technologies change the way we watch" für Smart und Social TV. Ihre Agentur hat gerade dazu eine Studie verfasst, die man sich als Whitepaper herunterladen kann (gegen Nennung einer E-Mail-Adresse). Aber: Überraschend sind die Ergebnisse nicht, wenn man sich bereits ein bisschen mit digitalen Trends beschäftigt hat. Und dass man das hat, könnte man bei Besuchern einer führenden Digitalkonferenz eigentlich voraussetzen.

 

Andernorts gibt Jeremy Abbett eine eher verzichtbare Einführung in die zweiteilige Vortragsgruppe "Developing New Tools": Er spricht von Kindern und neuem Umgang mit Technologie. Oder so. Schade, der Mitgründer der Tech-Design-Kreativschmiede Truth Dare Double Dare hätte sicher Konkreteres, Interessanteres zu erzählen. Doch dann bringt Kyle McDonalds Schwung auf die Bühne, ein scheinbar Unbekannter, der noch nicht einmal im Vortragsprogramm auf der Webseite zu finden ist.

Er stellt die Open-Source-Software Openframeworks.cc vor sowie sein eigenes Software-Projekt FaceOSC. Jetzt wird es kreativ: Es geht um 3D-Scannen, Körpererfassung und Gestensteuerung - vor allem geht es um Experimentierfreude. Er zeigt auch Videos, aber nur zu Demozwecken: In ihnen erzeugen Menschen Musik mit Körperbewegungen, twittern mit den Augenbrauen oder werden beim Gähnen vor dem Computer von diesem aufgefordert, gefälligst wieder an die Arbeit zu gehen. Der Referent hat sichtlich Spaß an der Sache. Und das Publikum auch. Ein bisschen.

Alles Nachteulen?

Das Publikum lacht zwischendurch mal vorsichtig, ist aber eher ernst, wenn es überhaupt zuhört. Vielleicht liegt das daran, dass es sich über die über die teuren Tickets ärgert. Vielleicht erwartet es aber auch nichts. Aufmachung und Inhalt der Konferenz reißen nicht vom Hocker, die Aufbereitung des Programms auf der Webseite ist überfrachtet, so dass die Benutzbarkeit leidet, und zum Abendessen gibt es Frikadellen mit Kartoffelsalat und geschnetzelte Currywurst mit Brötchen.

Gegen Abend wird es dennoch lebendig. Man trifft sich und redet - entspannt und ehrlich. Die Branche erwacht. Endlich!

Wozu eigentlich die Vorträge?

Salontreffen hat Staub angesetzt

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