Kommentar | | von Tobias Weidemann

Computer-Zeitschriften: Die Letzten ihrer Art

Die amerikanische PCWorld hat sich in dieser Woche von der gedruckten Ausgabe verabschiedet. Mit der Einstellung der Papierausgabe der letzten großen Computerzeitschrift in den Vereinigten Staaten geht so eine Ära von rund 30 Jahren zu Ende. Das ist wenig überraschend, wie auch der langjährige Redakteur Harry McCracken (heute beim Time Magazine) kommentiert. Man hat es über kurz oder lang kommen sehen, dass das Totholzmedium immer mehr seine Daseinsberechtigung verliert (insbesondere wenn man das eigene Mediennutzungsverhalten kritisch beäugt, so wie es McCracken tut).

Nun ist der amerikanische Zeitschriftenmarkt ein gänzlich anderer als der hiesige und von der fast endlosen Zahl an Titeln und Line Extensions, die man in deutschen Zeitschriftenläden sieht, waren die Amerikaner schon seit jeher weit entfernt. Das andere Vertriebssystem als hierzulande spielt in den Staaten Tablet- und PDF-Ausgaben einfach in die Hände. Viel verdient haben dürfte man dort mit Print-Abos schon seit Jahren nicht mehr – für 20 Dollar konnte der Leser ein Jahresabo erhalten, für 30 eines für zwei Jahre.

In Deutschland sieht die Situation dennoch anders aus: Zwar gibt es auch hier eine Konsolidierung – rund 15 bis 20 Prozent der Printauflage sind seit 2010 jährlich (!) in der IT-Presse weggebrochen und eine "Computerbild", die es um die Jahrtausendwende auf rund 1,2 Millionen verkaufte Hefte brachte, schafft heute nicht mal mehr die halbe Million. Dennoch ist das Zeitschriftensterben hier – von Einstellungen wie der "PC Professionell", der "PC Direkt" oder der "MacUp" abgesehen – bislang ausgeblieben. Immer noch sind die PC-Zeitschriften mit einer oder mehreren CDs oder DVDs ausgestattet, auch wenn die Vielzahl der Ausgaben oftmals allenfalls noch aus Gründen der Reichweite aufrecht erhalten wird und die Vollversions-Materialschlacht der Nullerjahre (von Ausnahmen abgesehen) endgültig vorbei ist.

Und doch ist das, was da in der IT-Presse passiert, nur die Vorhut dessen, was auch andere Zeitschriftengenres ereilen wird – hier wie dort: Die Leser sind netzaffiner als andere Zielgruppen, so dass Entwicklungen hier früher zu spüren sind als in anderen Genres. Die klassische Domäne der PC-Presse, dem Anwender mit Tipps, Tricks und Tools weiter zu helfen, mutet in Zeiten, in denen man eine Fehlermeldung schnell mal bei Google eintippt oder ein Problem mit wenigen Stichworten über Foren löst, anachronistisch an. Und auch die Testtiefe mancher Redaktion steht hinter mancher Special-Interest-Site zurück. Die Verlage müssen sich warm anziehen, denn nirgendwo sonst ist die Zahl semiprofessioneller, aber oft gut informierter Blogger und Publisher größer. Das Mehr an Qualität und die Unabhängigkeit, die der zahlende Leser hier zu Recht erwartet, muss täglich neu unter Beweis gestellt werden.

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Disclaimer: Der Autor war von 2001 bis 2011 Redakteur der deutschen PC-Welt.

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