Lebensqualität | | von Nico Rose

Zu viel des Guten: Wo Genügsamkeit angebracht ist

Freiheit. Ein großes Wort. Jeder will sie. Auch ich bin lieber frei als unfrei. Und sehr dankbar für die Tatsache, dass ich in einer westlichen Demokratie inklusive Marktwirtschaft geboren wurde – und somit (mehr oder weniger) tun und lassen kann, was ich will. Es gibt einerseits einen klaren statistischen Zusammenhang zwischen dem vorherrschenden politischen System in einem Land und der übergreifenden Zufriedenheit seiner Bürger; derart, dass Menschen in demokratischen Systemen im Mittel glücklicher sind als in weniger freiheitlich geprägten Regierungsformen. Anderseits zeigt sich auch ein klarer Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes und der Zufriedenheit seiner Bürger. Dies ist leicht zu erkennen, wenn man die Weltkarten für den Index für Lebenszufriedenheit und den sogenannten Human Development Index gedanklich übereinander legt.

Doch kann es auch ein Zuviel an Freiheit und Wahlmöglichkeiten geben? Wenn ich heute in einen Supermarkt gehe, kann ich aus  gefühlten 50 Varianten von Frühstücksflocken auswählen. Es gibt derzeit geschätzte 17.000 Studiengänge in Deutschland. Um vom Informationsoverkill im Internet will ich gar nicht erst anfangen. Hier stößt man nun auf ein interessantes Paradoxon: zwar kann man – wie beschrieben – feststellen, dass Menschen in Volkswirtschaften mit vergleichsweise mehr Einkommen und persönlichen Freiheitsgraden glücklicher sind. Aber: der Zuwachs an Einkommen und Freiheitsgraden innerhalb dieser Volkswirtschaften über die letzten Jahrzehnte führte kaum zu einem Mehr an Zufriedenheit. Es gibt verschiedene Hypothesen zur Frage, warum dies so ist. Eine stammt von dem amerikanischen Psychologen Barry Schwartz. Er behauptet sinngemäß:

Zu viele Wahlmöglichkeiten machen unglücklich

Vor einigen Monaten schrieb eine Vertreterin der Generation Y auf 'Zeit Online' einen Essay darüber, wie die „Generation der tausend Möglichkeiten“ unter genau diesen Freiheitsgraden leidet – zumindest auch leidet. Das Stichwort lautet: FOMO (Fear of missing out). Damals habe ich mich in einer Replik noch ein wenig darüber mokiert – heute weiß ich es besser. Mit jeder zusätzlichen Wahlmöglichkeit:

  • steigt potenziell der ‚mentale Aufwand‘ für die Entscheidungsfindung;
  • sind wir potenziell gezwungen, mehr und mehr Trade-offs zu machen, weil verschiedene Optionen neben gemeinsamen auch unterschiedliche Vor- und Nachteile haben;
  • steigen potenziell die Opportunitätskosten und das Potenzial für Reue, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben;
  • steigen potenziell unsere (hypothetischen) Qualitätsstandards.

All dies führt nachweislich zu Unzufriedenheit und bisweilen zu einer Art Entscheidungslähmung. Und je mehr Optionen ein Markt hergibt, desto schlimmer wird es. Dies erklärt (zumindest zum Teil), warum mit der wirtschaftlichen Entwicklung in der westlichen Hemisphäre nicht gleichzeitig auch ein spürbares Plus an Lebenszufriedenheit einhergeht.

Ein mittlerweile klassisches Experiment dazu: man ließ eine Gruppe von Menschen aus einer Reihe von 6 attraktiven Marmeladensorten auswählen, eine andere Gruppe aus einer Reihe von 24. Ergebnis: die Menschen mit der begrenzten Auswahl kauften im Anschluss deutlich mehr. Außerdem waren diese spürbar zufriedener mit ihrer Wahl. Dieser Mechanismus greift aber nicht nur bei so trivialen Entscheidungen wie dem Lebensmittelkauf. Er kann uns auch weitaus folgenschwerere Entscheidungen verhageln, z.B. jene zum zukünftigen Arbeitgeber.

Gehalt hoch – Zufriedenheit runter

Für eine Studie befragten Barry Schwartz und Kollegen die Absolventen von elf amerikanischen Universitäten mehrfach während der Jobsuche in den letzten Monaten des Studiums, sowie einige Zeit nach dem Berufseinstieg. Die gute Nachricht für die Perfektionisten unter uns:

Jene Absolventen, die besonders viele Bewerbungen schrieben und Vorstellungsgespräche wahrnahmen, erzielten im Mittel ein um etwa 7.000 Dollar höheres Einstiegsgehalt im Vergleich zu ihren genügsameren Kommilitonen. Die schlechte Nachricht: In den Worten der Forscher war diese Gruppe trotz ihres Erfolges „weniger zufrieden mit dem Ergebnis der Jobsuche, und pessimistischer, gestresster, müder, ängstlicher,  […], und depressiver im Laufe des Prozesses.“

Dumm gelaufen…

Schwartz nennt Menschen, die immer 'das Beste' wollen und Suchprozesse ins Extrem ausreizen 'Maximizer'; und jene Gruppe, die sich zumeist mit 'gut ist gut genug' zufrieden geben (also eine Option wählen, die ihren Mindestansprüchen genügt und dann die Suche abbrechen) 'Satisficer'. In den letzten Jahren konnte wieder und wieder nachgewiesen werden, dass 'Maximizer' weniger zufrieden mit ihren Entscheidungen sind – und auch übergreifend betrachtet ein unglücklicheres Leben führen.

Freiheit in der Beschränkung finden*

Was rät Barry Schwartz Menschen, um in einer Welt überbordender Freiheitsgerade die eigene Zufriedenheit zu wahren? Unter anderem:

  • Entscheiden Sie sich, wann Sie entscheiden wollen – und wann nicht. Ein Weg, nicht zu entscheiden, ist die Nutzung von ‚Defaults‘ (Voreinstellungen). Ich habe z.B. fünf Jahre ohne Fernseher gelebt – und nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Ganz im Gegenteil.
  • Ein anderer Weg, nicht entscheiden zu müssen, ist das Ausbilden von Gewohnheiten. Die meisten von uns müssen (gottseidank) nicht darüber nachdenken, sich morgens die Zähne zu putzen. Wir tun es einfach. Wo könnten Sie dieses Prinzip noch anwenden?
  • Plus: Machen Sie Entscheidungen möglichst unumkehrbar – es verhindert das Nachdenken über 'Was-wäre-wenn?' Wenn Sie z.B. Klamotten oder Schuhe aussortieren: geben Sie sie direkt zur Altkleidersammlung. Im Keller sind sie noch nicht aus dem Sinn.

Wer keine Lust hast, Forschungspapiere im Original zu lesen: Barry Schwartz hat ein unterhaltsames und lehrreiches Buch mit dem Namen 'Anleitung zur Unzufriedenheit: Warum weniger glücklicher macht' geschrieben.

* P.S. Unternehmen, die dieses Prinzip verinnerlicht haben, sind z.B. Apple, Google und Aldi…

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", einer festen Gruppe von Bloggern, die ab sofort ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreiten. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Zu viel des Guten: Wo Genügsamkeit angebracht ist

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