Wie weit sollten wir uns optimieren, fragt sich Soulsurf-Chef Alex Krapp.
Wie weit sollten wir uns optimieren, fragt sich Soulsurf-Chef Alex Krapp. © Foto:Soulsurf

Fitness-Wahn | | von Alexander Krapp

Wenn Leistungssteigerung zur Selbstausbeutung verkommt

Das Gläschen Wein zum Business-Lunch ist längst passé, genauso wie die Zigarette im Meeting. Die abendliche Pizza, das gemeinsame Feierabend-Bier, ein paar Naschereien beim Programmieren und tagsüber zwei, drei Tassen Kaffee sind inzwischen auch schon verpönt. Besser, weil viel gesünder, sind natürlich Low-Carb-Gerichte und Proteinshakes. Wasser geht natürlich auch. Aber dann ohne Sprudel. Rülpsgefahr.

Schritte zählen, Puls messen, Kalorienzufuhr stoppen. Ausgerechnet die Digitalbranche ist weit vorn in der #SelbstoptimierungistgleichGlück-Bewegung. Gerade schwappt aus den USA eine neue Trendwelle zu uns hinüber. Gerne bewegt man sich neuerdings im Silicon Valley zusammen mit seinen Arbeitskollegen im Takt dröhnender Bässe: SoulCycle, die neue Trendsportart für Körper und Geist, findet nicht nur in der Bay Area größten Anklang, sondern inzwischen auch bei uns in Deutschland. Dabei handelt es sich um eine Spinning-Steigerung, bei der sich junge und aufstrebende Profis auspowern und an ihre Grenzen gehen. Dafür sorgt ein Fitnesstrainer bzw. eine Fitnesstrainerin, mit meist bedenklich niedrigem Körperfettanteil. Das ganze findet zu lauter Musik und im Halbdunkeln statt – Partyatmosphäre also - damit nicht das Gefühl entsteht, für den perfekten Körper Schwerstarbeit verrichten zu müssen. Die aufstrebenden Jungprofis sollen sich innerhalb der 60-minütigen Einheiten "dem Moment hingeben". Spirituelle Erlebnisse inklusive.  

Und so leben wir inzwischen das, was wir auch im Berufsalltag predigen: Performance-Steigerung ist immer machbar! Doch anders als in der digitalen Welt, in der wir durch das Drehen einige Stellschrauben Google-Platzierungen und Conversion-Rate optimieren können, fragt man sich hier: bis zu welchem Punkt? Was passiert mit einer Branche, in der alle sich auf ich persönliches Maximum an Leistungsfähigkeit optimiert haben? Ist dann der Peak der Produktivität erreicht?

Ich glaube das nicht, weil wir hier nämlich gern die Risiken und Nebenwirkungen ausblenden. Zum einen, weil eben nicht jeder sein persönliches Glück im Triathlon findet und eben besser bei Ballerspielen mit einer Tüte Chips abschalten kann. Und zum anderen, weil schnell der Kontakt zur Außenwelt verloren geht, wer nur um das eigene Ich kreist und dabei stets seinen Blick nach innen richtet. Nicht selten bleiben dabei Inspiration, Kreativität und auch Empathie auf der Strecke. Teambuilding funktioniert dann nicht mehr bei einer Runde Beck's nach einem gewonnen Pitch, sondern nur noch über eine Gutscheinkarte bei Jochen Schweizer. Die Steigerung der Leistungsfähigkeit wird so zum Bumerang, eine Form der Selbstausbeutung, die weder Agentur noch Kunden nutzt. Im Gegenteil.

Nichts gegen einen gesunden Lebensstil. Alles schon gehabt: Mitarbeiter, die erst mittags verkatert in der Agentur auftauchen – das will keiner (wir sind ja schließlich keine Rock-Stars…). Doch muss es nicht immer in einem Wettstreit mit sich selbst ausarten. Es genügt auch, zwischendurch mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren oder einen kleinen Spaziergang in der Mittagspause zu machen. Eben alles in Maßen. Auch so kann die Bewegung in den Arbeitsalltag integriert und Ausgleich zum Arbeitsalltag werden – und nicht ein zusätzlicher Teil davon.

Alexander Krapp ist Gründer und Geschäftsführer von Soulsurf. Das digitale Beratungsunternehmen mit Sitz in München entwickelt und implementiert seit 2009 digitale Geschäftsmodelle für Unternehmen wie Deloitte, Moët & Chandon und die NFON. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Wenn Leistungssteigerung zur Selbstausbeutung verkommt

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