Was ist eigentlich Coaching – und ist es für mich wichtig?
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Nico Rose | | von Nico Rose

Was ist eigentlich Coaching – und ist es für mich wichtig?

Ich arbeite seit 2007 mit einem Teil meiner Zeit* als Coach. Wenn man so einen Satz auf einer Konferenz oder Party fallen lässt, folgt nach meiner Erfahrung in 90 Prozent der Fälle als nächstes genau diese Frage:

Oh, interessant. Was für Coaching machen Sie denn?

Dann zucke ich meist mit den Schultern und antworte, dass ich das nicht so genau sagen könne. Etwa 90 Prozent meiner Klienten sind Business-Menschen (i.w.S.): Inhaber und Leiter von kleinen und mittelständischen Unternehmen, Führungskräfte der oberen Ebenen aus Großunternehmen sowie regelmäßig auch Selbstständige und Freiberufler (Architekten, Anwälte etc.). Eher selten verirrt sich z.B. mal ein Lehrer oder jemand aus dem Non-Profit-Umfeld zu mir. Ich schätze, da ich selbst hauptberuflich als Führungskraft in einem großen Unternehmen arbeite, genieße ich in der erstgenannten Gruppe einfach mehr Glaubwürdigkeit – wahrgenommene Feldkompetenz, wie es im Coaching-Sprech auch genannt wird.

Bin ich jetzt Business-Coach oder was?

Auf Basis der vorigen Ausführungen sollte ich diese Frage vermutlich bejahen. Mache ich aber nicht so einfach. Denn trotz der Provenienz meiner Klienten geht es in der Praxis eher selten ums reine Business. Oder wenn, dann nur am Anfang. Coaches unterscheiden gerne zwischen "Auftrag I" und "Auftrag II". Der erstgenannte ist – verkürzt gesagt – das Problem, mit dem der Klient sich meldet, also welches er im Vor- oder Erstgespräch als Thema präsentiert. Der zweitgenannte ist das Thema hinter dem Thema, welches sich häufig erst herauskristallisiert, wenn der Klient Vertrauen zum Coach aufgebaut hat und "die Hosen herunterlässt“.

Wenn das passiert, geht es nicht selten auf einmal um ganz andere Geschichten:

  • Ich bin beruflich super-erfolgreich, fühle mich aber an vielen Tagen innendrin "soo klein mit Hut“. Woran liegt das und was kann man da machen?
  • Ich bin beruflich super-erfolgreich, aber meine Ehe geht den Bach runter. Was kann ich tun? Alternativ: Ich bin beruflich super-erfolgreich, meine Ehe ist bereits den Bach runter und wir werden uns scheiden lassen. Wie erkläre ich das meinen Kindern?
  • Ich bin beruflich super-erfolgreich, aber mein Vater liegt im Sterben und ich möchte ihn noch einmal umarmen. Habe ich aber noch nie gemacht. Wie stelle ich das an?

Alles so oder ähnlich schon oft dagewesen. Natürlich kommen auch Menschen, die eine neue Führungsaufgabe übernommen haben und sich in der Rolle begleiten lassen möchten – aber das ist eben längst nicht das Ende der Fahnenstange.

Ist das jetzt noch Coaching oder schon Psychotherapie?  

Auch wenn ich für diese Aussage von mancher Seite vermutlich verbal Prügel beziehen werde: Es gibt da eine nicht zu unterschätzende Grauzone (siehe dazu auch den entsprechenden Bereich auf Wikipedia). Ich bemühe mich, bei einem Anfangsverdacht durch einige Screening-Fragen (siehe z.B. hier) zu verstehen, ob ein potenzieller Klient funktional, also weitgehend psychisch gesund ist. Wenn ich deutliche Anzeichen für das Vorliegen einer Depression o.ä. wahrnehme, verweise ich diese Menschen an befreundete Psychologische Psychotherapeuten und/oder ihren Hausarzt.

Zwar habe ich auch die Zulassung als Heilpraktiker für Psychotherapie, bin jedoch der Überzeugung, dass hier andere Menschen besser unterstützen können. Die Klienten, mit denen ich arbeite, müssen beispielsweise ein mindestens normales Maß an Selbststeuerungsvermögen aufweisen. Ich gebe in der Regel Hausaufgaben zwischen den Sitzungen auf, beispielweise kleine Wahrnehmungs- oder Verhaltensexperimente. Wer so etwas aktuell nicht zu leisten vermag, ist im Coaching sicher nicht gut aufgehoben – ob bei mir oder anderswo.

Ich frage potenzielle Klienten zu Anfang natürlich, wie sie auf mich gekommen sind. Die Erklärung lautet dann oft so (oder ähnlich):

Ach, ich habe ein bisschen gegoogelt und mir ein paar Seiten angeschaut. In ihrem Profil ist mir aufgefallen, dass sie ja auch Manager sind.

Übersetzt heißt das: Du bist nicht so'n Psychoheini, mit dir kann ich auf Augenhöhe reden. Dann frage ich:

Und?

Naja, und dann habe ich gesehen, dass sie ja doch Psychologe sind und diese ganzen Ausbildungen gemacht haben.

Im Klartext: Also kann ich im Falle des Falles ja doch ans Eingemachte gehen.

Und was ist Coaching jetzt, verdammte Hacke?  

Der wohl einflussreichste Coaching-Verband in Deutschland, der DBVC e.V., definiert Coaching wie folgt (Hervorhebung durch mich):

Coaching ist die professionelle Beratung, Begleitung und Unterstützung von Personen mit Führungs- / Steuerungsfunktionen und von Experten in Unternehmen / Organisationen. Zielsetzung von Coaching ist die Weiterentwicklung von individuellen oder kollektiven Lern- und Leistungsprozessen bzgl. primär beruflicher Anliegen. Als ergebnis- und lösungsorientierte Beratungsform dient Coaching der Steigerung und dem Erhalt der Leistungsfähigkeit. Als ein auf individuelle Bedürfnisse abgestimmter Beratungsprozess unterstützt ein Coaching die Verbesserung der beruflichen Situation und das Gestalten von Rollen unter anspruchsvollen Bedingungen.

Diese Definition ist einerseits valide, mir persönlich aber zu eng gezogen. Streng genommen würde sie alle die oben genannten Themen ausklammern. Vielleicht läuft so etwas für Kollegen eher unter dem Begriff "Lebensberatung“ – aber dieser Begriff ist mir dann wieder zu schwurbelig. Eine andere Definition, die mir persönlich sehr gut gefällt, stammt von der Kollegin Sonja Radatz, konkret aus ihrem Buch Beratung ohne Ratschlag (Hervorhebung durch mich): Coaching ist…

die maßgeschneiderte Problemlösung im Spannungsdreieck zwischen Beruf, Organisation, und Privatleben oder in einem dieser Bereiche – eine Problemlösungsmethode, in welcher der Coach für die passenden Fragen, hilfreichen Zusammenfassungen und die Einhaltung des Ablaufs verantwortlich ist, und der Coachee eigenständige Lösungen für seine Situation – für seine anstehenden Fragestellungen – findet.

Ich halte es aus Erfahrung für ungemein wichtig, dass hier explizit das Privatleben mit einbezogen wurde. Am Ende des Tages sitzt doch immer ein Mensch vor mir im Sessel – und nicht der "Senior Sales Director D/A/CH Region".

Wenn man es nun ganz eilig hat, geht es nach meinem Dafürhalten jedoch noch kürzer. Dies hier wäre sozusagen mein Elevator Pitch (für drei Etagen, nicht für zehn): 

Coaching ist das zukunftsgerichtete, begleitete Erkennen, Begreifen und Verändern von Mustern des Fühlens, Denkens und Verhaltens.

In meinem Coaching-Raum steht allerlei Gedöns rum. Manchmal greife ich spontan zu einem Utensil, um etwas zu visualisieren. Dies ist die beste Metapher für den Coaching-Prozess, welche ich derzeit kenne:

*Ich weiß, dass Coaching ein sehr zugkräftiges Thema ist und viele Menschen daher eine entsprechende Ausbildung anstreben. Daran ist per se nichts auszusetzen. Es wird allerdings von einigen Ausbildungseinrichtungen suggeriert, dass Coaching ein vollwertiger Beruf mit exzellenten Verdienstchancen sei. Dieser Wahrnehmung möchte ich entschieden entgegentreten.

Coaching ist in Deutschland in 99 Prozent der Fälle kein Hauptberuf – dafür ist der Markt einfach viel zu klein (bzw. die Zahl der Marktteilnehmer aufgrund der geringen Markteintrittsbarrieren deutlich zu hoch). Die meisten Anbieter – so die denn überhaupt einmal zahlende Klienten haben – sind Auch-Coaches, wie ich sie gerne nenne. Diese Menschen machen auch Coaching, neben einem oder mehreren weiteren Berufen, sei es als Angestellter (wie in meinem Fall), oder als Freiberufler (hier gibt es zumeist den Dreiklang Berater/Trainer/Coach). Wer sich hier weiter informieren möchte: auf Slideshare gibt es eine Präsentation zu diesem Thema. Die Zahlen sind nicht mehr brandneu – an der grundsätzlichen Dynamik hat sich nach meiner Ansicht allerdings nichts geändert.  

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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