Nachwuchs | | von Nico Rose

Was die Gen Y noch lernen muss

Die Ansprüche junger, gut ausgebildeter Nachwuchskräfte an ihr Arbeitsumfeld sind hoch, vielleicht zu hoch  - wie kürzlich heiß diskutiert bei W&V online. Es gibt eine Menge Bücher und Artikel, die der Frage nachgehen, wie sich Unternehmen und deren Führungskräfte werden ändern müssen, um den Bedürfnissen und Wertvorstellungen der Generation Y gerecht zu werden. Die intensive Beschäftigung mit dieser Thematik ist legitim, wird doch die Generation der 1980 bis 1995 Geborenen in etwa zehn Jahren 70 bis 75 Prozent der Belegschaften in den deutschen Firmen stellen – und damit auch deren Kultur prägen.

Es wäre allerdings grundfalsch, diesen Lernprozess als Einbahnstraße zu begreifen. Das (Arbeits-)Leben ist bekanntlich kein Ponyhof und wird es auch in Zukunft nur bedingt sein. Den Millennials steht noch mindestens ein Jahrzehnt ins Haus, in dessen Verlauf Babyboomer und Mitglieder der Generation X das Sagen haben – und dementsprechend „die Regeln“ machen.

In diesem Sinne benenne ich im folgenden sieben Kompetenzen, deren Ausbildung sich die Generation Y in der Zwischenzeit widmen sollte.* Sie stellen ein nützliches Gegengewicht zu den progressiven Vorstellungen der Digital Natives dar und werden ihnen helfen, jene Akzeptanz in der Wirtschaft zu erlangen, die sie begehren – und auch verdient haben.

1.  Auf den Punkt kommen

Die Generation Y ist in eine Welt ubiquitärer und erschwinglicher Kommunikationsmöglichkeiten hineingeboren worden. Wer mit der Flatrate aufwächst, verspürt keinen Drang, sich kurz zu fassen.  Im Business wird jedoch zumeist nicht um der Kommunikation selbst willen kommuniziert. Es geht um das (gemeinsame) Erreichen von Zielen. Der Engpass liegt nicht in der Möglichkeit zur Kommunikation, sondern  im begrenzten Zeitkontingent der Beteiligten. Hier könnte die Generation Y  noch hinzulernen und mehr Respekt vor der Zeit anderer Menschen entwickeln.

2.  Umgang mit Kritik

Facebook kennt nur den „Daumen hoch“. Zufall?. In Amerika werden Generation Y-ler auch als Trophy Kids bezeichnet, weil sie (angeblich) immer einen Pokal abgestaubt haben, auch wenn die Leistung nicht für einen Platz auf dem Treppchen gereicht hat. Forscher sind sich einig, dass die Generation Y mit weicherer Hand erzogen wurde, als alle früheren Kohorten. Kritik gab´s nur in homöopathischen Dosen und mit Zucker überhüllt. Wenn sie mit diesem Erfahrungshintergrund in Firmen mit ausgeprägter Performance Measurement-Kultur anheuern, kann dies eine große Herausforderung darstellen. Der Umgang mit kritischem Feedback muss dann nochmal neu erlernt werden.

3. Das Machtspiel spielen

Die Generation Y wünscht sich (Führungs-)Kommunikation auf Augenhöhe und Partizipation. Unternehmen werden aber auch in Zukunft Orte sein, in denen das Machtspiel gespielt wird. Friede, Freude, Eierkuchen sind, obwohl wünschenswert, nicht dauerhaft verfügbar. Widerstrebende Interessen sind unvermeidlich, wenn viele Menschen an einem Ort zusammenkommen. Es erscheint daher angemessen, sich auch mit den Spielregeln der Macht vertraut zu machen. Darüber hinaus: nicht alles kann – und nicht alles sollte demokratisch entschieden werden. Die Produkte von Apple sind nicht deswegen so beliebt, weil Steve Jobs immer jeden um seine Meinung gebeten hat.

4. Erfahrung respektieren

Die Aneignung von Fachwissen wird  immer unwichtiger werden – zu schnell veraltet es in der heutigen Zeit. Wissen, wo Wissen zu finden und wie dieses zu bewerten ist, wird stattdessen eine wichtige Kernkompetenz – eine, die der technikaffinen Generation Y in besonderem Maße zugesprochen wird. Was jedoch nicht im Smartphone zu finden ist, ist Zeit und die Erfahrung, die sie mit sich bringt. Gemäß der 10.000-Stunden-Regel benötigt es einige Jahre intensiver Arbeit, bis man in einem gegebenen Feld zum Experten werden kann. Diesen Weg sind viele der älteren Führungskräfte gegangen. Hier könnte sich die Generation Y noch ein Scheibchen abschneiden.

5. Sich zufrieden geben

Der Generation Y wird nachgesagt, extrem anspruchsvoll und fordernd aufzutreten. Man mag sich nicht mit Anfängeraufgaben abspeisen lassen, Beförderungen sollen am besten im Jahresrhythmus (oder schneller) erfolgen. Langfristiges Commitment und auch Loyalität können jedoch – unabhängig von der Leistung an sich – ein Garant für Erfolg sein. Altgediente Führungskräfte wissen dies, die Generation Y könnte hier noch nachlegen.

6. Berufliches und Privates trennen

Es ist heute normal, dass Kollegen untereinander und häufig auch Vorgesetzte und Mitarbeiter „Freunde“ sind, sei es auf Social Media-Plattformen oder im richtigen Leben. Dies mag vordergründig angemessen und angenehm sein, birgt langfristig aber auch Probleme. Es trägt zur Entgrenzung der Arbeitswelt bei und zeigt sich dort kontraproduktiv,  wo es – im Business unvermeidlich – um Themen geht, bei denen die Freundschaft aufhört. Auch die gewollte(!) Vermischung von Arbeit und Freizeit (Work-Life-Blending) wird langfristig auf den Prüfstand gestellt werden. Solange man jung, gesund und ungebunden ist, stellt dies für die meisten Menschen kein Problem dar. Ob die Millennials diesen Wunsch in 20 Jahren immer noch hegen, wird zu beobachten sein.

7. Realistische Erwartungen an Arbeit(-geber) stellen

Traut man den vielen Studien zur Generation Y, so stellt diese Kohorte extrem hohe Erwartungen an ihre Arbeitgeber und an Arbeit an sich. Arbeit soll Spaß machen, hochgradig sinnvoll sein und natürlich sehr gut bezahlt – von Anfang an. Beruf als Berufung, so lautet das hehre Ziel. Es bleibt abzuwarten, ob Arbeit(-geber) diesen Anspruch auf Dauer erfüllen können, oder ob dieses Gesamtpaket nicht etwas zu viel verlangt ist.
Ein guter Kollege bemerkte neulich in einem Workshop zur Generation Y lakonisch: „Auch bei denen  wird einer den Müll wegbringen müssen…“

*Meine Empfehlungen leiten sich ab einerseits aus dem Studium der verfügbaren Literatur zur Generation Y – andererseits aber vor allem auch aus meiner persönlichen Erfahrung als Manager.

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", einer festen Gruppe von Bloggern, die ab sofort ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreiten. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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