Warum Roboter unsere Jobs klauen – und wir uns darüber freuen sollten
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Nico Rose | | von Nico Rose

Warum Roboter unsere Jobs klauen – und wir uns darüber freuen sollten

Im Juni hat mich mein Arbeitgeber freundlicherweise für eine gute Woche ans INSEAD, Frankreichs erste Adresse für MBA-Programme und Executive Education, geschickt. Wir sprachen natürlich über das Thema Unternehmensstrategie, und in diesem Zuge auch die Konsequenzen von künstlicher Intelligenz und fortgeschrittener Robotik. In den letzten Jahren wurden viele Bücher zu diesem Thema geschrieben – und gerade in den vergangenen Wochen war das Ganze ein "Trending Topic", bedingt durch einen Aufruf, in welchem Wissenschaftler und prominente Unternehmer (u.a. Steven Hawking, Elon Musk und Steve Wozniak) vor der Entwicklung von Killer-Robotern warnen.

Noch intensiver wird derzeit allerdings die Befürchtung diskutiert, dass als Konsequenz von Supercomputern, hochgezüchteten Algorithmen, und zunehmender Automatisierung Abermillionen von Jobs auf der ganzen Welt – und natürlich auch in Deutschland – wegfallen könnten. Besonders pessimistische Zeitgenossen malen in schillernden Farben den Maschinen-Teufel an die Wand und prophezeien eine Jobless Future. Und tatsächlich: ein chinesisches Unternehmen hat jüngst bekanntgegeben, bald die erste "Robots only"-Fabrik in Betrieb nehmen zu wollen. Wenn Sie wissen möchten, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Sie selbst bald durch einen Algorithmus oder Roboter ersetzt werden könnten – hier können Sie nachschauen.

Entspannter sieht die Sachlage der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Joachim Möller: "Gerade durch den Zugewinn an Effizienz, den die Industrie 4.0 mit sich bringt, bleiben wir in der Position, auch weiterhin im Wettbewerb um Produktionsstandorte eine führende Rolle spielen zu können."

Die interessante Frage ist: Ist das eine gute oder schlechte Entwicklung?

Die Antwort wiederum hängt stark davon ab, welchen Zeitrahmen und Blickwinkel wir einnehmen. Betrachten Sie für einen Augenblick diese "Rechenaufgabe", die INSEAD-Professor Kevin Kaiser uns stellte:

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Wenn ein Bauer mit einem Traktor in der gleichen Zeit die Arbeit von 100 Bauern ohne Traktor verrichten kann – was ist dann der Wert des Traktors? Die Antwort lautet: 99 Bauern, die etwas anderes machen können.

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Genau das ist vereinfacht gesagt die letzten 1000 Jahren passiert: Im Mittelalter hat nur ein geringer Anteil der Bevölkerung nicht in der Landwirtschaft gearbeitet. Trotzdem waren viele Menschen regelmäßig vom Hungertod bedroht. Heutzutage verdient nur noch ein verschwindend geringer Prozentsatz der Bevölkerung ihren Lebensunterhalt auf Farmen, zumindest in den hochtechnisierten Ländern. In den USA sind es derzeit ein Prozent; die Produktivität pro Arbeitskraft hat sich alleine seit 1950 verzwölffacht. Wie groß mag dann erst der Unterschied zwischen einem modernen und einem mittelalterlichen Farmer sein?

Preisfrage: Was ist aus den Abermillionen von Menschen geworden, die nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten? Sind sie alle arbeitslose Farmer geworden und verhungert? Die Antwort lautet natürlich: Nein! Jene, die nicht in eine "neue Welt" aufgebrochen sind, wurden mit der Zeit Handwerker oder Händler, später Fabrikarbeiter, Beamte, Psychologen, Investment-Banker, Blogger, Spieledesigner … [bitte nach Belieben ergänzen]. Kurz gesagt: Sie haben mit der Zeit etwas anderes gemacht.

Die Theorie, dass technologische Entwicklungen notwendigerweise zu Massenarbeitslosigkeit führen, ist als Ludditen-Trugschluss in die Geschichte eingegangen – benannt nach den Maschinenstürmern im England des 19. Jahrhunderts. Sie protestierten, zum Teil gewaltsam, gegen die Einführung von mechanischen Webstühlen und ähnlichen Innovationen in der Stoffproduktion. Trugschluss nennt man die Idee heute, weil die düsteren Prophezeiungen nicht eingetroffen sind. Wer nicht mehr (genug) Arbeit in der Textilindustrie fand, der fand etwas anderes.

Der Trugschluss basiert auf der Annahme, dass es eine begrenzte Menge an Arbeit auf diesem Planeten gibt. Träfe diese Hypothese zu, so würde jene Arbeit, die automatisiert wird, für menschliche Arbeitskräfte unwiederbringlich verloren gehen. Es hat sich allerdings gezeigt, dass die Annahme mit großer Wahrscheinlichkeit fehlerhaft ist. Vielmehr können wir beobachten, dass sich fortlaufend neue Aufgaben und Berufe entwickelt haben, zuletzt vor allem im Dienstleistungsbereich, zumeist als Begleiterscheinung neuer Technologien. Hier ist beispielsweise eine Liste mit zehn Berufen, die es vor zehn Jahren noch nicht gab. Meine Frage lautet: warum sollte diese Entwicklung auf einmal zu einem Ende kommen?

Ja, es ist wahr. Viele Millionen Menschen werden ihren Job verlieren in den nächsten 20 bis 30 Jahren. Und es wird Tragödien geben, aus dem Blickwinkel des Individuums. Manche Menschen werden nicht in der Lage sein, diese Transformation zu bewältigen, z.B. aufgrund mangelnder Bildung oder fortgeschrittenen Alters. Wir müssen uns darauf vorbereiten, diesen Menschen helfen zu können. Vielleicht liegt die Lösung in einem bedingungslosen Grundeinkommen, einer Art sozialisierten Automatisierungsrendite. Doch selbst, wenn das nicht passiert: auf lange Sicht werden die Menschen etwas anderes tun. Sie werden nicht rumsitzen und warten, bis sie verhungern. Es ist gegen unsere Natur. Wir werden etwas anderes finden.

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Wir haben 200 Jahre lang Menschen beigebracht, wie Maschinen zu arbeiten. Und nun wundern wir uns, dass Maschinen es besser können.

Chris Boos, Experte für künstliche Intelligenz und CEO von Arago

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Und ja, auch dies ist wahr: Für manche von uns ist noch nicht klar, was dieses "etwas anderes" sein könnte. Doch ich bin ein unverbesserlicher Optimist. Als solcher bin davon überzeugt, dass jene Formen von Arbeit, die in Zukunft entstehen werden, für den Menschen geeigneter und letztlich erfüllender sein werden, als jene, die uns bis dahin verloren gehen.

Von der Oberstufe bis zum Studienende habe ich in den Sommerferien für einen Großhandel in meiner Heimatstadt gearbeitet, der Bäckereien und Eisdielen beliefert. Vier Uhr aufstehen, fünf Uhr in der Halle sein und "den Bock" vollmachen, und ab sechs als Beifahrer mit dem LKW unterwegs in ganz NRW. Kernaufgabe: 50 Kilogramm schwere Mehl- und Zuckersäcke in Kellerlager und auf Dachböden schleppen, je nach Tour viele, viele Tonnen am Tag. Ich habe das damals sportlich gesehen, empfand es als vorzügliche Abwechslung zum verkopften Uni-Alltag. Natürlich war mir immer klar: Du machst das hier nur ein paar Wochen pro Jahr, um ein bisschen Kohle zu verdienen (für einen Aushilfsjob wurde es sehr anständig bezahlt, weil nur wenige Menschen überhaupt die körperlichen Strapazen aushalten). Die fest angestellten Fahrer hingegen taten mir oft leid. Zu der körperlich extrem anstrengenden Arbeit kam für sie noch das Steuern des LKWs hinzu, viele Stunden, und immer wieder millimetergenaues Rückwärtseinparken in enge Einfahrten, so dass man die Mehlsäcke von der Laderampe aus durch ein Fenster reichen konnte, anstatt sie über Umwege die Treppen hochschleppen zu müssen. Wer kann – und möchte – so etwas mit Mitte 50 noch machen?

Und mal Butter bei die Fische: die Aufgaben in dieser Roboter-Fabrik in China – wie erfüllend wären die wohl gewesen für Menschen? Es gibt einen Grund, warum ein paar Metallstücke diesen Job besser machen können als Menschen aus Fleisch und Blut. Selbst, wenn in ganz naher Zukunft Computer-Programme Zeitungsartikel schreiben können, die in ihrer Qualität kaum von den Texten menschlicher Journalisten zu unterscheiden sind (zumindest in bestimmter Hinsicht): die schreibende Zunft wird etwas finden, etwas, was so kreativ ist, dass Computer es ihnen nicht nachmachen können. Davon ist auch PR-Berater und LEAD-digital-Blogger Christian Faltin überzeugt.

Vor einigen Wochen habe ich eine Session über positives psychologisches Kapital auf dem BarCamp Arbeiten 4.0 in Berlin gehalten. Keynote-Speaker war der zurzeit immens populäre Management-Vordenker Gunter Dueck. Ich habe fleißig mitgetwittert; dieses Zitat ist mir besonders in Erinnerung geblieben:

In dem Wort "schwierig" liegt die Herausforderung – und auch die große Chance der vor uns liegenden Veränderungen. Ich übersetze den Begriff zuversichtlich mit den Begriffen anspruchsvoll, kreativ, und ja: potenziell erfüllend. Lasst uns gemeinsam herausfinden, was unser persönliches "etwas anderes" sein kann. Etwas anderes, das so geistreich, so schöpferisch und so zutiefst menschlich ist, dass es nicht von ein paar Silikonchips kopiert werden kann.

P.S.

Wenn Sie mehr lesen möchten, empfehle ich den Artikel The ‘Jobless Future’ Is A Myth des Forbes-Bloggers Steve Denning. Einen anderen Blickwinkel bietet das Stück The Next Wave des Pulitzer Prize-Gewinners John Markoff auf Edge.org. In seinem spannenden "Long Read" zeigt er auf, dass wir möglicherweise massiv überschätzen, was künstliche Intelligenz in den nächsten Jahrzehnten zu leisten vermag. Zum Beispiel berichtet er von einem kürzlich veranstalteten Wettbewerb, wo Roboter einen vorgegebenen Parcours absolvieren mussten. Fast alle sind daran gescheitert, eine Türklinke zu benutzen. Fazit: "If you’re worried about the Terminator, just keep your door closed".

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.  

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