Thank God it´s Monday | | von Nico Rose

Warum das Wochenende mehr verspricht als es hält

Der Harvard Business Manager berichtete vor einigen Tagen unter dem Titel ‚Wer hat am Wochenende schon Spaß?‘ über eine groß angelegte Untersuchung eines Forscherteams der Universität Hamburg. Die Studie zeigt anhand der Daten von vielen tausend Menschen (unter anderem), wie unser psychisches Wohlbefinden über den Verlauf einer Woche schwankt. Wichtigstes Ergebnis:

Es gibt eine Art Wochenend-Neurose, d.h. unsere Zufriedenheit ist am Wochenende im Mittel deutlich niedriger als unter der Woche. Dieser Effekt zeigt sich besonders deutlich für Männer mit mittlerem und hohem Bildungsniveau sowie für Frauen mit hohem Bildungsniveau.

Thank God it´s Friday?

Ist das nicht faszinierend? Schaut man an einem Freitagnachmittag auf Facebook oder Twitter, findet man  unzählige TGIF-Posts (‚Thank God it´s Friday‘). Menschen bringen damit ihre Freude darüber zum Ausdruck, dass die mühsame Zeit der Arbeit vorbei ist – und stattdessen die glücksbringende (Frei-)Zeit des Wochenendes naht. Dieses Phänomen zeigt eindrucksvoll, wie wenig Menschen in der Regel darüber wissen, was sie nachhaltig glücklich macht und was nicht.  

Aus methodischer Sicht finde ich den Befund der Wochenend-Neurose hochinteressant, andererseits überrascht er mich inhaltlich kein bisschen. Ich vermute, die meisten Leser werden schon einmal den Begriff ‚Flow‘ gehört haben. Er bezeichnet das positive Erleben des vollkommenen Aufgehens in einer Tätigkeit. Dieser Zustand wurde in den 80er Jahren von Mihály Csíkszentmihályi (Aussprache: Chicks-sent me-high) beschrieben und in der Folge durch einige Bücher popularisiert.

Csíkszentmihályi hat seine Entdeckung mittels der ‚Experience Sampling‘-Methode gemacht. Dafür gibt man Menschen einen Pieper und kontaktiert sie in zufälligen Abständen über den Tag verteilt. Wenn eine Person angepiept wird, schreibt sie auf,womit sie gerade beschäftigt ist und wie sie sich dabei fühlt. Derart konnte der Psychologe zeigen, dass Menschen im beruflichen Kontext etwa vier Mal so häufig Flow erleben wie in ihrer Freizeit. Warum ist das so?

In the Flow

Ein Blick auf die Merkmale und Begleiterscheinungen von Flow bringt hier Licht ins Dunkel:

  1. Fokus: Volle Konzentration auf eine klar abgegrenzte Tätigkeit
  2. Eindeutigkeit: Klare Ziele und unmittelbares Feedback
  3. Balance: Schwierigkeit der Aufgabe und Fähigkeiten sind (ungefähr) im Gleichgewicht
  4. Null Problemo: Gefühl der (potentiellen) Kontrolle über die Situation
  5. Mühelosigkeit: Anstrengung wird nicht als solche erlebt
  6. Zeitverzerrung: Gefühlte Zeit läuft viel schneller oder langsamer ab
  7. Selbstvergessenheit: Verschmelzen von Subjekt und Aufgabe
  8. Autotelische Qualität: Der Weg is das Ziel

Fakt ist: Viele Dinge, die Menschen mit Vorliebe in ihrer Freizeit tun (insbesondere passiver Medienkonsum), entsprechen nicht den ersten drei Kriterien für das Erleben von Flow. Die meisten Freizeitaktivitäten erfordern kein besonderes Maß an Konzentration, es gibt keine eindeutigen Ziele und dementsprechend auch keine Rückmeldung zur Zielerreichung, und sie sind nicht sonderlich herausfordernd.

Thank God it´s Monday?

Schauen wir nun nochmal genauer hin, wer laut der eingangs erwähnten Studie besonders von der Wochenend-Neurose betroffen ist: Es sind Männer (mittleres und hohes Bildungsniveau) und hochgebildete Frauen. Übersetzt heißt das: Menschen, die relativ betrachtet mehr Zeit auf der Arbeit verbringen (Männer) und übergreifend Menschen, die in eher komplexen und herausfordernden Jobs arbeiten. Ergo: Menschen, für die der erlebte Unterschied in Bezug auf Komplexität und Herausforderung zwischen Arbeitszeit und Freizeit besonders groß ist.

Im Ergebnis heißt das übrigens keinesfalls, dass wir alle mehr Zeit auf der Arbeit verbringen sollten. Der Arbeitsausfall durch Burnout und artverwandte Syndrome ist innerhalb von sieben Jahren um den Faktor 19(!) gewachsen. Vielmehr geht es um die Frage, wie wir unsere Freizeit derart gestalten können, dass sie mehr Potenzial für Flow und damit psychisches Wohlbefinden bietet.

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", einer festen Gruppe von Bloggern, die ab sofort ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreiten. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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