Heute arbeitet Mathilde Ramadier u.a. als Übersetzerin und Autorin.
Heute arbeitet Mathilde Ramadier u.a. als Übersetzerin und Autorin. © Foto:FlorianSarges

Lesetipp | | von Annette Mattgey

Von wegen New Work: Die falschen Versprechen der Startup-Szene

Über das ernüchternde Arbeitsleben in der Berliner Startup-Szene hat die Französin Mathilde Ramadier ein zorniges Buch verfasst. Ihre Erlebnisse zeugen von Macho-Gehabe, Heimlichtuerei und Ausbeutung.  

"Bienvenue dans le nouveau monde" hat die Französin ihr Buch genannt, das jetzt für Aufsehen sorgt. Darin verarbeitet sie ihre Zeit in zwölf verschiedenen Startups. Ausgebildet als Grafikdesignerin hat sie später Philosophie und Psychoanalyse studiert. In Frankreich hat sie bei einem Radiosender gearbeitet, bevor sie nach Berlin umgezogen ist.

Dort rutschte sie in die Startup-Szene rein und arbeitete unter so viel versprechenden Jobtiteln wie "Content Manager", "Country Manager" und "People Manager". Nur leider entpuppte sich die Arbeit als weit weniger ansprechend als im Vorstellungsgespräch ausgemalt.

Heute kritisiert sie aber nicht nur den Umgang mit den Kollegen, sondern auch die Geschäftsmodelle: "Ich habe in meinen vier Jahren, in denen ich für Startups gearbeitet habe, wenig gesehen was wirklich innovativ oder gar wirtschaftlich revolutionär wäre. Ein Großteil der Startups sind im Dienstleistungssektor angesiedelt und schaffen Angebote für Dinge, die eigentlich keiner wirklich braucht", findet Ramadier.

Am meisten nervt sie aber das Bild von den "hochqualifizierten Arbeitsplätzen". Das ist eine Mär, so Ramadier. "Viele der Jobs sind intellektuell nicht sonderlich herausfordernd und die Arbeit meist monoton."

In einem aktuellen Beitrag in der "Zeit" listet sie 5 Lügen auf, die über Startups in Umlauf sind, aber der Wirklichkeit nicht standhalten.

1. Flache Hierarchien und Eigenverantwortung

Stattdessen Arbeit auf Praktikantenniveau und kein Interesse an eigenen Ideen.

2. Junge Menschen bekommen bei Startups die Chance, die Welt zu verändern.

Stattdessen die -zigste E-Commerce-Klitsche, die irgendwas vertickt oder einen Lieferdienst etablieren will.

3. Wir sind eine Familie

Was nützen das schöne Gerede und das Gratisessen, wenn der CEO die schlechte Lage des Unternehmens verschweigt und sich später herausstellt, dass er die Bilanzen gefälscht hat?

4. Startups sind diverser als herkömmliche Arbeitgeber

Kein einziger weiblicher CEO, dafür aber Macho-Sprüche wie dieser: "Wenn du nicht belastbar bist, solltest du lieber irgendwo als Empfangsdame arbeiten."

5. Es lohnt sich, auf gute Bezahlung und Sicherheit zu verzichten, weil man in Startups schon als junger Mensch viel erreichen kann

Als Ramadier gegenüber einer Personalerin die kurze Kündigungsfrist (eine Woche) ansprach, fühlte sie sich als "kommunistische Gewerkschafterin" gebrandmarkt. Nur drei der Startups bezahlten sie so, dass sie damit ihren Lebensunterhalt bestreiten konnte. Statt steiler Karriere geht es oft in die Pleite: "Ihre Beschäftigung endet meistens damit, dass ihr Unternehmen Insolvenz anmeldet oder verkauft wird."

Den kompletten Essay von Mathilde Ramadier lesen Sie hier bei "Zeit online".  Im Interview der Kollegen von "Jetzt" verbindet sie ihre Kritik am Startup-Leben mit dem Aufruf: "Wir jungen Leute müssen endlich anfangen, für unsere Arbeitskraft einen ordentlichen Preis einzufordern. Wir sollten nicht davor zurückschrecken schlechte Angebote abzulehnen."

Von wegen New Work: Die falschen Versprechen der Startup-Szene

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