Unfaire Gehälter schrecken alle Bewerber ab - nicht nur Frauen
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Glassdoor-Studie | | von Annette Mattgey

Unfaire Gehälter schrecken alle Bewerber ab - nicht nur Frauen

Obwohl die Zahlen eine andere Sprache sprechen, glaubt die Mehrheit der deutschen Arbeitnehmer, dass Frauen und Männer an ihrem Arbeitsplatz gleich bezahlt werden. Ungerechte Bezahlung wäre für zwei Drittel der Frauen und der Hälfte der Männer ein triftiger Grund, sich nicht bei einem Unternehmen zu bewerben. Sie fordern dagegen: gesetzliche Vorgaben und mehr Transparenz.

Das hat die Job- und Karriere-Community Glassdoor mit ihrer ersten weltweiten Gehaltsstudie ermittelt, bei der die Einstellung von Arbeitnehmern rund um das Thema Gender Pay Gap ermittelt wurde. Dazu hat Glassdoor mehr als 8.000 Arbeitnehmer in Deutschland und sechs weiteren westlichen Industrienationen (Frankreich, Großbritannien, Kanada, Niederlande, USA und Schweiz) befragt.

Lohngerechtigkeit zwischen Frau und Mann ist in Deutschland noch immer nicht Realität. Stattdessen besteht eine erhebliche Gehaltskluft zwischen den Geschlechtern. Frauen verdienen im Durchschnitt selbst bei gleicher Qualifikation und vergleichbarer Tätigkeit rund sieben Prozent weniger als Männer.

Obwohl Studien nahelegen, dass mit dem Ende des Gender Pay Gap erst in 81 Jahren zu rechnen ist, zeigen die Ergebnisse: Die Mehrheit der Arbeitnehmer (7 von 10) glaubt, dass Frauen und Männer bei ihrem Arbeitgeber für die gleiche Arbeit auch den gleichen Lohn erhalten. Und eine überwältigende Mehrheit findet, dass Frauen und Männer den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit bekommen sollten – in Deutschland sind es 90 Prozent der Befragten. Der Anteil ist nur in den USA höher (93 Prozent).

"Obwohl offenkundig Lohnunterschiede bestehen, glaubt die Mehrheit der Arbeitnehmer, dass es an ihrem Arbeitsplatz keinen Gender Pay Gap gibt", sagt Andrew Chamberlain, Chief Economist bei Glassdoor. "In allen untersuchten Ländern erfährt die Forderung nach Lohngerechtigkeit großen Zuspruch. International herrscht Konsens darüber, dass die besten Maßnahmen zur Bekämpfung des Gender Pay Gap gesetzliche Regulierung, Neuerungen hinsichtlich der Firmenpolitik von Unternehmen beim Thema Vergütung sowie generell mehr Gehaltstransparenz auf allen Ebenen sind."

Lohngerechtigkeit beeinflusst Bewerberverhalten – auch von Männern

Unternehmen, die auch im Zuge der aktuellen Debatte rund um die Frauenquote mehr Mitarbeiterinnen für ihr Unternehmen begeistern wollen, sollten transparent mit ihrer Vergütungspraxis umgehen. Die Chance auf eingehende Bewerbungen erhöht sich bei Arbeitgebern signifikant, wenn sie für Lohngerechtigkeit zwischen Frau und Mann einstehen. 61 Prozent der deutschen Arbeitnehmer gaben an, sich nicht bei einem Unternehmen zu bewerben, bei dem sie einen Gender Pay Gap vermuten. Dies gilt insbesondere für Arbeitnehmerinnen: Mehr als zwei Drittel der Frauen (69 Prozent) verzichten lieber auf eine Bewerbung bei einem Arbeitgeber mit mangelnder Lohngerechtigkeit. Unter Männern ist es immerhin noch jeder Zweite (51 Prozent).

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Mehrheit glaubt nicht an Gender Pay Gap bei ihrem Arbeitgeber

Obwohl viele Studien das Gegenteil beweisen, seit vielen Jahren Maßnahmen wie der Equal Pay Day (dieses Jahr am 19. März) bestehen und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend an einem Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit arbeitet, glauben fast drei Viertel der Deutschen nicht an die Gehaltskluft. 73 Prozent der deutschen Arbeitnehmer gehen davon aus, dass Frauen und Männer an ihrem Arbeitsplatz für die gleiche Arbeit auch die gleiche Vergütung erhalten.

Im Rahmen der Studie wurde auch die allgemeine, geschlechterunabhängige Lohngerechtigkeit untersucht. In Deutschland glauben 28 Prozent der Arbeitnehmer, dass sie im Verhältnis zu ihren Kollegen nicht fair bezahlt werden. Dieser Wert ist in keinem anderen untersuchten Land höher, in Großbritannien und den Niederlanden sogar erheblich niedriger (je 19 Prozent).

Maßnahmen gegen die Gehaltskluft

Gesetze für mehr Lohngerechtigkeit, eine Neugestaltung der Firmenpolitik von Unternehmen und generell mehr Transparenz beim Thema Gehalt gehören länderübergreifend zu den wichtigsten Maßnahmen gegen die ungleiche Bezahlung von Frau und Mann. Die sinnvollsten Maßnahmen aus Sicht der deutschen Arbeitnehmer, bei deren Arbeitgebern ihrer Ansicht nach eine Gehaltskluft besteht, lauten:

  • Gesetzgeber sollten Arbeitgeber dazu zwingen, alle Angestellten mit gleicher Erfahrung für die gleiche Tätigkeit auch gleich zu entlohnen (41 Prozent der Befragten stimmen zu)
  • Arbeitgeber sollten eine neue Unternehmenspolitik rund um das Thema Gehalt und Vergütung einführen (26 Prozent)
  • Frauen sollten Beschwerden und Klagen einreichen, um eine gleiche Bezahlung durchzusetzen (26 Prozent) 
  • Eine größere interne Transparenz beim Thema Gehalt auf allen Ebenen – z. B. dadurch, dass Personalabteilungen die Gehaltszahlen offenlegen (15 Prozent) 
  • Zusicherung des Arbeitgebers zu einer erhöhten Frauenquote in Führungspositionen (14 Prozent)
  • Zusicherung des Arbeitgebers zu einer erhöhten Frauenquote (11 Prozent)

Die Studie wurde vom Marktforschungsinstitut Harris Poll im Auftrag von Glassdoor durchgeführt. In Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Kanada, den Niederlanden, der Schweiz und den USA wurden zwischen dem 1. und 5. Oktober 2015 insgesamt 8.254 Teilnehmer ab 18 Jahren befragt. Berücksichtigt wurden nur Erwachsene, die einer Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigung nachgehen.

Unfaire Gehälter schrecken alle Bewerber ab - nicht nur Frauen

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