Punktefrau Christine Heller kam per Blog zum Job: "Der erste Versuch muss sitzen"
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Jobsuche 2.0 | | von Annette Mattgey

Punktefrau Christine Heller kam per Blog zum Job: "Der erste Versuch muss sitzen"

Auf der re:publica platzte der Raum aus allen Nähten, als sie zum Thema Personal Branding sprach: Christine Heller, auch unter ihrem Blogger-Namen Punktefrau bekannt, postete Anfang des Jahres ihren Jobwunsch im eigenen Blog. Besonderes Schmankerl: ein Video. Warum dieser Weg für sie der richtige war, auch wenn er nicht zum Standard werden wird, schreibt die PR- und Social Web-Fachfrau exklusiv für LEAD digital. Heller steht damit in einer Reihe mit t3n-Autor Falk Hedemann, BVDW-Sprecher Mike Schnoor und Social-Media-Experte Nico Lumma, die für ihre Jobsuche das Social Web nutzten und darüber bei LEAD digital schreiben.

Text: Christine Heller

Ein Blick in die Stellenportale genügt, um festzustellen: Mitarbeiter für Kommunikation und Marketing müssen immer öfter auf solide Social-Web- beziehungsweise Online-Erfahrung zurückgreifen können. Social Media ist hip. Wo, wenn nicht im Netz selbst, kann man diese Online-Kompetenz am besten nachweisen. Die Aufmerksamkeit der Unternehmen und Agenturen gehört dem Bewerber, der es schafft, sich von den anderen abzugrenzen. Und nicht zu vergessen: Die Chemie muss stimmen. Die Jobsuche muss zum Bewerber passen.

Online-Kompetenz nachweisen – aber wie?

Soll eine Bewerbung per Post zugestellt werden, können wir den Versuch, dort irgendeine Form von Online-Kompetenz nachzuweisen, eigentlich direkt für gescheitert erklären. Sagen doch die Stationen und Jobbezeichnungen im Lebenslauf oder auch das Anschreiben in der Regel reichlich wenig darüber aus, ob und wie wir uns im Netz bewegen und wer wir eigentlich sind. Etwas einfacher wird es, wenn Unterlagen per E-Mail oder über ein Jobportal zugestellt werden. Im Idealfall kann man hier einige Links auf Online-Projekte oder den Blog platzieren. Und dennoch hatte ich persönlich immer das Gefühl: Das passt so nicht. Und daher wählte ich einen anderen Weg:

Meine Entscheidung stand fest: Ich möchte mich beruflich verändern. Darauf folgte direkt die Erkenntnis: Ich werde in dem Umfeld suchen, in dem ich auch arbeiten möchte – im Netz. In diesem Rahmen entstand ein Blogbeitrag, den ich mit einem Video, einem Lebenslauf in Form einer Infografik und einem Foto anreicherte und über Facebook, Twitter, Google+, Xing und Instagram verbreitete.

Ohne Netzwerk geht es nicht – auf Empfehlung zum neuen Job

Die vielen Tweets, Facebook-Beiträge und Xing-Einträge haben dafür gesorgt, dass mein Beitrag bis Ende April rund 18.500 Seitenaufrufe bekommen hat. Ein Bericht von Jochen Mai auf der Karrierebibel sorgte dafür, dass mein Server zum ersten Mal seit Bestehen des Blogs seinen Dienst versagte, und der Blog kurzzeitig nicht erreichbar war. Und klar: Ich kann mir kaum einen erfreulicheren Anlass für diese Premiere vorstellen.

Das meine Jobsuche erfolgreich war, hat viel mit Empfehlungen zu tun, die uns auch abseits des Social Web bekannt sind. Soll eine Stelle in einem Unternehmen besetzt werden, ist es nicht selten, dass der Chef zuerst seine Mitarbeiter anspricht und fragt, ob sie nicht jemanden kennen, der gerade auf der Suche ist. Klar, kennen wir eine Person und können ihre Fähigkeiten einschätzen, dann empfehlen wir sie gerne für die neue Position.

Viele der Personen, die meine Jobsuche weitergeteilt haben, kenne ich persönlich, einige begleiten mich online schon sehr lange und sind sogar Bekannte oder Freunde. Als ich meine Suche nach einer neuen Herausforderung offenlegte, waren sie es, die darüber sprachen und mich weiterempfohlen haben. Es ist das Netzwerk, das man über Monate und Jahre aufbaut und ohne das eine Jobsuche über das Social Web schwierig wird.

Keine typische Bewerbungsgespräch-Atmosphäre

In den folgenden Tagen zeigte sich, welche Vorteile die Jobsuche über den Blog wirklich hat: Ohne Ausnahme hatte ich sehr freundliche, angenehme Gespräche mit Personen (meistens einer Agentur oder einem Startup zugehörig), die aufgrund des Beitrags schon viele Informationen über mich eingeholt hatten und Soft-Skill-Fragen nicht mehr stellen mussten. Die Atmosphäre war gelöster und persönlicher, als man das aus den „klassischen Bewerbungsgesprächen“ kennt. Dieser Eindruck bestätigte sich auch in den Fällen, bei denen es zu einem persönlichen Treffen kam.

Ich habe mir für die Telefonate und Treffen bewusst Zeit genommen. Entscheidet man sich für einen Neuanfang, sollte man diesen nicht übers Knie brechen. Wenn die ersten Angebote eintrudeln, heißt es: Ruhe bewahren. Auch wenn unterbewusst immer die Angst mitschwingt, dass man wohlmöglich bis zur selbstgesetzten Deadline bzw. bis zum Ende des laufenden Arbeitsvertrags keine neue Anstellung findet. Das naive Grundvertrauen in die eigenen Fähigkeiten sollte man sich stets bewahren. Schließlich ist es eine Phase, in der man viele spannende Menschen trifft. Sie werden im besten Fall auch dann ein Teil des eigenen Netzwerks, wenn es nicht zur Zusammenarbeit kommt.

Wie die Geschichte ausging

Es war ein Facebook-Post von Claudia Sommer, Webmanager bei Greenpeace Deutschland, der meinen neuen Arbeitgeber auf meine Jobsuche aufmerksam machte. Meine Chefin war eine der ersten Personen, die mich nach der Veröffentlichung des Beitrags über Xing kontaktierten. Schnell kam es zu einem ersten Telefonat, einige Tage später fanden das persönliche Treffen und dann ein Kennenlernen mit dem CEO statt. Ende Februar stand schließlich fest: Ich gehe zu digitalSTROM. Ein schönes Detail aus der Annäherung zwischen dem Schweizer Unternehmen und mir: Es gab eine Führung durch das Unternehmen via Face Time, bei der ich bereits einige meiner heutigen Kollegen und Kolleginnen kennenlernen durfte. Ich hatte das Gefühl: Hier stimmt die Chemie.

Von Risiken und Nebenwirkungen

Natürlich birgt dieser Bewerbungsweg nicht nur Vorteile, sondern auch Risiken. Die wohl größte Gefahr einer Bewerbung über den eigenen Blog besteht darin, dass diese nur bei wenigen Menschen Gehör findet. Es gibt einen Versuch und der muss sitzen. Schließlich ist es zwingend notwendig, dass Leute über die Bewerbung sprechen, damit wieder andere – bestenfalls Arbeitgeber – davon erfahren und Kontakt aufnehmen. Diesem Risiko kann man mit einem gut ausgebauten Netzwerk, einer kreativen Idee, einem Konzept für die eigene Personal Branding Kampagne und einem guten Timing begegnen.

Womit man in jedem Fall ebenfalls rechnen sollte, sind neben den Unterstützern auch die kritischen Stimmen. Community Manager wissen, wovon ich spreche. Egal wie toll das Produkt, wie gut die Idee, wie engagiert ein Unternehmen ist, es finden sich immer ein paar Menschen, die daran etwas auszusetzen haben. Das gilt auch für diese Art von Bewerbung. Die konstruktiven Stimmen anhören und die unangebrachten Meldungen nicht all zu ernst nehmen, könnte das Motto sein.

Vor der Veröffentlichung der Jobsuche sollte natürlich auch der aktuelle Arbeitgeber informiert werden. Steht der Entschluss fest, das Unternehmen verlassen zu wollen, hilft ein offenes Gespräch mit der Geschäftsleitung.

Bewerbung 2.0 wird keinesfalls zum Standard

Ich davon überzeugt, dass ich meine jetzige Stelle nicht über den herkömmlichen Bewerbungsweg bekommen hätte. Ich bin froh, diesen Weg gegangen zu sein und die Frage, ob sich für mich diese Art der Jobsuche gelohnt hat, kann ich an dieser Stelle nur mit einem deutlichen JA beantworten. Für wen und wann die Bewerbung 2.0 in Frage kommt, haben Jochen Mai und ich letzte Woche auf der re:publica im Rahmen einer Session vorgestellt.

Um eines aber direkt vorwegzunehmen: Mit der Aussage, diese Art der Bewerbung würde in Zukunft zum Standard, habe ich so meine Probleme. Ich glaube, diese Pauschalaussage ist falsch. Möchten Bewerber im und mit dem Netz arbeiten, mussten sie bisher und werden sie auch zukünftig ihre Kompetenzen belegen müssen. Online-Präsenzen sind natürlich immer auch Referenzen. Möchte ich in der Kommunikation, im Marketing oder Design eine neue Herausforderung suchen, ist die Bewerbung über den Blog eine von vielen Möglichkeiten, sich als Bewerber von anderen abzugrenzen.

Ich glaube, das Wichtigste ist: Die Bewerbung muss zum Bewerber passen. Und da gibt es kein Patentrezept.

Hier lesen Sie, welche Erfahrungen Nico Lumma und Falk Hedemann bei ihrer Jobsuche via Social Media gemacht haben.

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