Lean in – oder: Vom Teufelskreis der Rache beim Knausern
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Nico Rose | | von Nico Rose

Lean in – oder: Vom Teufelskreis der Rache beim Knausern

Die Welt könnte ein besserer Ort sein. Ist sie aber nicht. Die Verantwortung dafür tragen wir selbst. Schuld ist aber auch: das System. Wer ist "das System"? Wir sind es selbst. Zwei Schritte zurück.

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Esa Saarinen (Bild links) ist ein finnischer Philosoph, genauer gesagt, der vermutlich populärste lebende finnische Philosoph – irgendwo auf der Schnittmenge von Richard David Precht (mediale Präsenz, Peter Sloterdijk (Tiefgang) und Wigald Boning (Styling). Eines seiner Forschungsgebiete ist die Schismogenese, also die Beschreibung und Analyse des Auseinanderbrechens von Systemen, insbesondere von Kommunikationsprozessen.

Sein Kerninteresse gilt sogenannten "systems of holding back in return and in advance" – die auch beschrieben werden können als "sich gegenseitig verstärkende Spiralen, welche Menschen dazu bringen, Beiträge zurückzuhalten, welche sie leisten könnten, weil andere Menschen ebenfalls Beiträge zurückhalten, die sie leisten könnten". Was heißt das konkret? Ein einfaches "system of holding back in return and in advance" ist das folgende:

Junge liebt Mädchen. Junge ist allerdings schüchtern und hat Angst, sich Mädchen zu offenbaren, weil er fürchtet, zurückgewiesen zu werden. Deshalb schmachtet er sie lediglich aus der Ferne an. Was Junge nicht ahnt: Auch Mädchen liebt Jungen. Sie wartet nur darauf, dass er ankommt und sich ihr offenbart. Allerdings möchte sie nicht "unsittlich" wirken und sendet daher keine einladenden Signale aus. Da er sich folglich nicht annähert, glaubt sie, er habe kein Interesse an ihr.

Ende der Geschichte. Traurig. Hätte so schön werden können. Das Problem: solche vorauseilenden Brüche (bzw. Systeme, die gar nicht erst entstehen) passieren jeden Tag milliardenfach auf der ganzen Welt. Zwischen Menschen, die sich lieben könnten oder mal geliebt haben. Genauso gut aber auch zwischen Lehrern und Schülern, Ärzten und Patienten, Verwaltungen und ihren Bürgern, Führungskräften und ihren Mitarbeitern, Geschäftsleitungen und Betriebsräten, Unternehmen und ihren Zulieferern, Politikern verschiedener Parteien und sogar Religionen und Staaten.

Wenn der Teufelskreis sich verselbständigt

Warum spricht Esa von Systemen statt Interaktionen? Er beschreibt in seinen Arbeiten, wie das wiederholte Auftreten solcher misslungenen Kommunikationshandlungen dazu führt, dass sich in einem betreffenden Kontext über die Zeit eine "Kultur des sich-Zurückziehens" entwickelt. Es wird also zur geteilten Norm, sich nicht zu offenbaren, sich stattdessen "rauszuhalten". Hat sich eine solche Kultur erstmal etabliert, wird es für die teilnehmenden Personen zunehmend schwieriger, aus dem Rahmen auszubrechen und sich "hineinzulehnen".  

Ein Klassiker in der Arbeitswelt ist das berühmt-berüchtigte Prinzip "nicht geschimpft ist genug des Lobes". Vielleicht möchte eine Führungskraft ihre Mitarbeiter loben, hat aber aufgrund der Firmenkultur Angst, als Weichei dazustehen. Die Mitarbeiter wiederum sehnen sich durchaus nach Wertschätzung, haben jedoch verinnerlicht, dass diese sowieso nicht kommt. Folglich vermindern sie ihr Engagement, was es der Führungskraft zusätzlich erschwert, die entsprechende Anerkennung auszusprechen. Ad Infinitum.

Wie kommt nun diese etwas merkwürdig anmutende Überschrift dieses Artikels zustande? Esa hat seine Theorie der "systems of holding back" ursprünglich auf Finnisch beschrieben, zuletzt aber vor allem auf Englisch veröffentlicht (siehe z.B. den Sammelband Being better better). Nachdem ich ihn Ende 2013 im Rahmen einer Gastvorlesung an der University of Pennsylvania kennenlernen durfte, fragte ich ihn einige Monate später nach der bestmöglichen deutschen Übersetzung. Er wiederum konsultierte einen seiner Mitarbeiter an der Aalto Universität in Helsinki, der über rudimentäre Deutschkenntnisse verfügt. Sein Vorschlag, wie oben beschrieben: Der Teufelskreis der Rache beim Knausern. Ein bisschen gaga, aber auch mächtig genial.

Und was nun?

Die weitaus wichtigere Frage als jene der Namensgebung ist allerdings die folgende: Was können wir tun, um aus den beschriebenen Negativspiralen auszubrechen? Die Antwort ist denkbar einfach, aber im echten Leben häufig doch so schwierig. Sie steckt ebenfalls bereits im Titel dieses Beitrags. In den Worten von Sheryl Sandberg: Lean in! Wir müssen über unseren Schatten springen und selbst einen kleinen ersten Schritt wagen. Wir müssen selbst das System durchbrechen und uns  verwundbar machen. Gerade für Führungskräfte ist dies unumgänglich, da ihr Handeln in besonderer Weise die geteilten Wertvorstellungen innerhalb einer Organisation prägt.

Von daher schließe ich diesen Beitrag mit den gleichen Fragen, mit welchen ich im Herbst 2014 auch meinen TEDx Talk an der Handelshochschule Bergen in Norwegen beendet habe:

  • Was könnte Ihr großer (einzigartiger) Beitrag für diese Welt sein?
  • Und was ist Ihr ganz normaler, alltäglicher Beitrag?
  • Wann halten Sie sich zurück? Wann sagen sie "nein", obwohl sie eigentlich "ja" sagen möchten? Und was wäre, wenn Sie sich nur einen kleinen Schritt weiter nach vorne wagen würden?

P.S.

Die tl;dr-Version dieses Beitrags kommt übrigens prima in diesem kurzen Video mit den Staatsoberhäuptern Barack Obama und Gordon Brown zum Ausdruck:

P.P.S.

Von Esa Saarinen stammt auch die Idee, James Bond als Role Model für das "gelungene Leben" zu betrachten – wenn auch mit einem kleinen Augenzwinkern…

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

 

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