Nico Rose | | von Nico Rose

Karriere-Tipp: Geben ist cleverer als Nehmen

Vor kurzem hatte ich das große Vergnügen, von Adam Grant unterrichtet zu werden. Adam ist der jüngste "verbeamtete" Professor an der renommierten Wharton Business School in Philadelphia. Aber er passt eigentlich nicht so recht ins Bild dieser Institution, deren Absolventen schwerpunktmäßig Karriere im Investment-Banking, Consulting und als Finanzchefs machen. Denn: Sein Steckenpferd als Forscher ist Altruismus. Und ganz in diesem Sinne unterrichtet er auch einen Nachmittag im Programm Master of Applied Positive Psychology (MAPP), das ich seit September 2013 besuche.

Wie passt ausgerechnet dieses Thema in die harte Finanzwelt – in der es doch vor allem um Eigennutz und Gewinnmaximierung gehen sollte? In der man angeblich vor allem durch Eigenmarketing und das "Wegbeißen" von Konkurrenten aufsteigt? Adam Grant würde antworten: Das passt ganz wunderbar. Denn er glaubt, dass Geben nicht nur seliger, sondern auch cleverer ist, als Nehmen. Er untersucht Altruismus nicht etwas im Bereich der Religion oder des Ehrenamts, sondern im regulären Business-Kontext.

Giver, Taker und Matcher

Grant teilt die Menschheit auf Basis einen Testverfahrens bzw. ausführlicher Interviews und Fremdeinschätzungen in drei Gruppen ein: Giver (Gebende), Matcher (den Ausgleich suchende), und Taker (Nehmende) ein. Giver zeichnen sich dadurch aus, dass sie meist den Nutzen anderer Menschen über den eigenen Vorteil stellen, also z.B. einem Kollegen bei einem wichtigen Projekt helfen, auch wenn eigentlich selbst gerade Not am Mann ist. Und das Ganze machen sie, ohne mental eine Liste zu führen und sie denn irgendwann den Kollegen zu präsentieren. Matcher spielen zumeist "Wie du mir, so ich dir" (Englisch: "Tit for Tat"), das heißt, sie rechnen (implizit) auf, wem sie noch einen Gefallen schuldig sind (bzw. wer ihnen noch einen Gefallen schuldet) und verhalten sich entsprechend. Taker schließlich sind die Gegenstücke der Giver: Sie halten so gut wie immer die zuerst die Hand auf und rufen "Jedem das seine und mir das meiste!" *

In Langzeitstudien untersucht Grant regelmäßig für verschiedene Branchen (z.B. Vermögensberatung, Medizin, Kreativbranche), welche Strategie den größten Erfolg zeitigt. Das wenig überraschende Ergebnis: Giver landen häufig hinten. Sie werden bei Beförderungen übergangen und verdienen nach einen Jahren weniger als der Durchschnitt. Das überraschende Ergebnis: Giver landen aber auch ausnehmend häufig ganz oben, was die verschiedenen Erfolgskriterien betrifft – während sich die Matcher meist im Mittelfeld tummeln.

Goldmedaille und Schlusslicht für die Giver

Wie kommt dieses auf den ersten Blick widersprüchliche Ergebnis zustande? In seinem Bestseller Geben und Nehmen zeigt Grant anhand von Studien und Fallbeispielen, dass es unter den Givern viele Menschen vom Typus – in seinen Worten – "Fußabtreter" gibt, also Individuen, die sich zu stark zurücknehmen und von anderen ausgenutzt werden. Sie bleiben in kompetitiven Umfeldern zumeist auf der Strecke und sind auch anfällig für Burnout, weil sie nicht genug auf ihre "Energiebalance" achten.  

Die Taker wiederum mögen zu Anfang oft noch erfolgreich sein. Doch insbesondere in unserer stark vernetzten und daher zunehmend transparenten Welt haben sie auf lange Sicht häufig das Nachsehen. Sie stolpern und stürzen irgendwann über ihren eigenen Egoismus und über den daraus folgenden Mangel an Unterstützung und Vertrauen im Netzwerk. Bei größeren Fehltritten stehen außerdem schon die vielen Matcher bereit (in Grants Worten: die "Karma Police"), um den Taker büßen zu lassen. Die Matcher selbst landen häufig einfach im Mittelfeld. Das ständige "Aufrechnen" ist ihr Hindernis auf dem Weg zu wahrer Größe.

Ganz oben auf dem Treppchen landen also wiederum die Giver, und zwar solche, die der Forscher als „otherish“ bezeichnet. Sie sind jederzeit offen für die Anliegen anderer und suchen proaktiv nach Möglichkeiten, sich in den Dienst einer (größeren) Sache zu stellen – ohne ständig nach einem Ausgleich zu fragen. Dadurch bauen sie Vertrauenswürdigkeit und allgemeine eine positive Reputation auf. Gleichzeitig haben sie jedoch im Falle des Falles auch keine Bedenken, ihre eigenen Interessen durchzusetzen – meistens: indem sie einfach um Hilfe bitten. Auf lange Sicht hilft ihnen das Prinzip der Reziprozität: Menschen haben die natürliche Tendenz, Gutes mit Gutem zu vergelten, allerdings nur dann, wenn der Ausgleich nicht aktiv eingefordert wird. Letzteres zerstört weitgehend unsere altruistische Motivation.

Viel geben, aber richtig

Worin unterscheiden sich aber nun ganz konkret jene erfolgreichen Giver von den Brüdern und Schwestern im Geiste, die tendenziell überrannt werden? Eine (von vielen Antworten) in Grants Buch: Wer für alles offen ist, kann nur hohl sein. Der Forscher empfiehlt (für einen gegebenen Zeitraum): Lieber wenigen richtig helfen, als allen ein bisschen. Es gilt wie so häufig im Leben: Qualität geht vor Quantität!

* Die meisten Menschen sind Mischtypen, zeigen aber über viele Kontexte hinweg eine konsistente Tendenz in eine der Richtungen.

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Karriere-Tipp: Geben ist cleverer als Nehmen

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

Leserkommentar

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht