Jan Eppers, Chef von Fische Fische: Die 4-Tage-Woche ist ein "ein wahnsinnig großer Schritt, aber durchweg problemlos".
Jan Eppers, Chef von Fische Fische: Die 4-Tage-Woche ist ein "ein wahnsinnig großer Schritt, aber durchweg problemlos". © Foto:Frische Fische

Interview | | von Annette Mattgey

Experiment 4-Tage-Woche: Agentur Frische Fische zieht Bilanz

Diejenigen, um die es hier geht, sind jetzt schon im Wochenende. Die PR-Agentur Frische Fische hat vor einem Jahr die 4-Tage-Woche eingeführt - auf freiwilliger Basis. Zwei Drittel der Mitarbeiter machen mit. Beim diesjährigen New Work Award wurde das Startup Bike Citizens für ein ähnliches Arbeitszeit-Modell ausgezeichnet. Wie bewährt es sich in der Praxis? LEAD digital hat mit Agentur-Chef Jan Eppers* über seine Bilanz nach einem Jahr gesprochen. 

Ihre Agentur hat vor einem Jahr die 4 Tage-Woche eingeführt. Damals merkte man Ihrem Blog-Post große Begeisterung an. Was ist davon übrig geblieben?

Eppers: So glatt unsere Einführung der 4-Tage-Woche war, so unspektakulär gestaltet sich auch die kontinuierliche Weiterführung. Es scheint zunächst wie ein wahnsinnig großer Schritt, die Arbeitstage optional von 5 auf 4 zu verkürzen, es ist aber durchweg problemlos – auch für eine gut ausgelastete Agentur mit turbulentem Tagesgeschäft. Für uns ist es mittlerweile eine Normalität, die uns jede Woche wieder anlächelt.

Sind alle Mitarbeiter Ihrem einmal gefassten Plan treu geblieben? Wo gab es Anpassungen?

Eppers: Bisher ist niemand von der 4-Tage-Woche wieder zu 5 Tagen zurückgewechselt. Wir haben zwei Kollegen, die sich das Changieren zwischen 4 und 5 Tagen offen halten. Das liegt an ihrem Privatleben mit jeweils drei Kindern, denn da kann in den ersten vier Wochentagen so viel passieren, dass sie sich den fünften Tag als Puffer lassen, um ihre Arbeit zu schaffen.

Wie kommen Sie mit zum Teil überlangen Arbeitstagen zurecht, wenn Sie 40 Stunden in 4 Arbeitstage packen? Kann das ein freier Tag kompensieren?

Eppers: Das möchte ich nicht selbst beantworten, sondern habe die Kollegin Andrea Petzenhammer, Senior Account Director, seit Feb 2015 mit einer ausnahmefreien 4-Tage-Woche, nach ihrer Einschätzung gefragt.

 

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Petzenhammer: Definitiv, und zwar aus mehreren Gründen: Der Agenturalltag hatte schon zuvor häufig mehr als acht Stunden, da Presse-Aktionen in der Regel früh starten, doch die finale Abstimmung gerade mit internationalen Kunden häufig abends stattfindet.
Dank offizieller 10-Stunden-Tage gehe ich mit Terminen nach 18 Uhr entspannter um, da klar ist, dass diese nicht zu Lasten meiner privaten Zeit gehen. Überstunden sind wegen der langen Tage sehr, sehr selten geworden.

Für mich fühlt sich das dreitägige Wochenende jedes Mal wie ein kleiner Kurzurlaub an, der mir genügend Raum gibt, ganz ohne schlechtes Gewissen Zeit zu verschwenden. Das ist zum einen ausgesprochen erholsam für den Job und kommt zum anderen in Form kreativer Impulse meinen privaten Projekten zu Gute.

Was bedeutet das für die interne Kommunikation? Herrscht nun nicht mehr Abstimmungsbedarf, der zu Reibungsverlusten führt?

Eppers: Durch die zwei etwa gleichstarken Büros in Berlin und Dresden pflegen wir eh Kommunikationstools, die alle Kollegen immer auf dem gleichen Wissensstand halten. Das hat anfangs sehr geholfen.

Dennoch gibt es natürlich unvorhersehbare Situationen, zum Beispiel bei Projekten zu Krisenkommunikation oder plötzlichen Kundennews, und da geht es manchmal einfach nicht ohne den gebrieften Key Account oder ohne die Spezialexpertise einer Kollegin, die eigentlich einen freien Freitag oder Montag hat.

In solchen Situationen kam es bei uns nie vor, dass ein Kollege auf seinen freien Tag gepocht hätte. Hilfreich dafür ist freilich unsere sehr partnerschaftliche Firmenkultur, in der jeder Mitarbeiter weiß, dass er bei eigenen Anliegen auch mit meinem Entgegenkommen rechnen kann.

Hilft das Konzept beim Recruiting?

Eppers: Ich erhoffe mir natürlich einen positiven Effekt, weiß es aber noch nicht. In diesem Jahr konnten wir alle offenen Stellen über unser Kontaktnetzwerk besetzen, und diese neuen Kollegen waren bereits froh, dass bei uns eine 40h-Woche auch wirklich 40 Stunden hat. Der optional freie Tag war zweitrangig.

Wie reagieren Ihre Kunden auf die 4-Tage-Woche? Gab es im Laufe des Jahres da mal ernsthaft Stress?

Eppers: Im Gegenteil, ich habe nur positive oder zumindest interessierte Rückmeldungen von Kunden bekommen. Zwei prüfen zurzeit, inwieweit sie unser System für sich selbst übernehmen können. Zum Teil liegt dieses wohlwollende Feedback sicher an unserer Kundenstruktur mit eher jüngeren, digitalen Unternehmen.

Wie geht es weiter? Experimentieren sie auch mit anderen flexiblen Arbeitszeitmodellen? Oder lassen Sie Mitarbeiter noch auf andere Weise mitbestimmen, etwa über Boni oder Gehälter?

Eppers: Als Agentur mit PR-Schwerpunkt haben wir ein sehr kontinuierliches und personenfokussiertes Geschäft mit zu 85 Prozent kalkulierbaren Aufgaben und Budgets. Weil der daraus resultierende Personal-Etat keine großen Korridore zulässt, muss ich nicht so tun, als könnte jemand sein Gehalt oder seine Jahresarbeitszeit selbst bestimmen. Das haben projektorientierte Agenturen sicher mehr Spielraum.

Bei Boni für die Mitwirkung an Neugeschäft sind wir dafür sehr flexibel. Ebenso beim Wunsch nach Home-Office-Tagen oder -Wochen, bei der Wahl der Tagesarbeitszeit für Morgenmuffel und beim geschmeidigen Wiedereinstieg nach Elternzeiten.

*Jan Eppers ist Gründer und Geschäftsführer der Agentur Frische Fische. Im Jahr 2004 hat er die PR-Agentur für Tech-Themen mit Büros in Dresden, Berlin und London gegründet. Eppers ist studierter Philosoph und Volkswirt und hatte seinen Einstieg ins Agenturgeschäft bei Profil Marketing in Braunschweig und München. Sobald seine drei Kinder ihm Zeit lassen, joggt und radelt er, schreibt Theaterstücke und Tweets oder bemüht sich um mehr Bildung für eine bessere Welt. Am liebsten wäre er Claim- und Headline-Texter, er kommt nur so selten dazu.

Experiment 4-Tage-Woche: Agentur Frische Fische zieht Bilanz

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