Spitzenreiter beim Wachstum der Beschäftigtenquote ist Deutschland (re.)
Spitzenreiter beim Wachstum der Beschäftigtenquote ist Deutschland (re.) © Foto:OECD

Glassdoor | | von Annette Mattgey

Deutscher Arbeitsmarkt: Viele Beschäftigte, zu viele Zeitverträge

Eine aktuelle Studie der Job- und Karrierecommunity Glassdoor zeigt, wo die Chancen für Arbeitnehmer in Europa am größten sind. Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich im internationalen Vergleich mit Abstand am besten von der Krise erholt und nimmt in mehreren der untersuchten Kategorien Spitzenpositionen ein. Doch auch hierzulande gibt es Schwachpunkte, etwa den relativ hohen Anteil an befristeten und Zeitarbeitsverträgen. Die Studie "Where Is The Best Country In Europe To Get a Job?" wurde von Glassdoor Economic Research gemeinsam mit Llewellyn Consulting durchgeführt und betrachtet die Arbeitsmärkte von 16 europäischen Ländern.

Untersucht wurden sechs Indikatoren für die Arbeitsmarktaussichten: die Veränderung der Beschäftigungsquote seit der Krise, die Arbeitslosenquote, die Jugendarbeitslosigkeit, die Quote unfreiwillig Teilzeitbeschäftigter und der Anteil befristeter Zeitverträge insgesamt sowie bei jungen Menschen. Außerdem wurden zwei weitere Kategorien analysiert: die Beschäftigungszahlen nach Wirtschaftssektor sowie die Entwicklung dieser Zahlen zwischen 2008 und 2014 in den einzelnen Ländern.

Wenn es um die Aussichten, einen Arbeitsplatz zu finden, geht, sollte man sich nach Estland, Norwegen, Großbritannien oder Österreich aufmachen. Dort stimmen nicht nur das Wirtschaftswachstum, sondern auch Faktoren wie Bildungssystem, Arbeitsmarktpolitik und die Tatsache, dass dort schnell neue Jobs entstehen.

Generell haben die wirtschaftlichen Aussichten den stärksten Einfluss auf die Job-Chancen, aber auch die Arbeitsmarktpolitik ist maßgeblich, etwa die Höhe der Mindestlöhne. Frankreich hat einen wesentlich stärker regulierten Arbeitsmarkt als Deutschland (dank der Hartz-Gesetze) und die Prognosen sind weit düsterer.

Griechenland und Spanien kämpfen mit Arbeitslosenquoten von um die 25 Prozent, während sie in Norwegen, der Schweiz und Deutschland bei 5 Prozent liegt.

Aus der Studie geht außerdem hervor, dass es einfacher ist, von einem schlecht bezahlten Job auf eine besser qualifizierte Arbeitsstelle zu wechseln als direkt aus der Arbeitslosigkeit heraus.

Befristete Verträge sind oft mit schlechten Arbeitsbedingungen verknüpft: ungünstige Arbeitszeiten, wenig Flexibilität, geringe Bezahlung, hohes Kündigungsrisiko. Besonders junge Arbeitnehmer sind davon betroffen. In Spanien, Portugal und den Niederlanden hat jeder fünfte Arbeitnehmer nur einen Zeitvertrag. Seit der Finanzkrise haben diese Arbeitsverträge auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz zugenommen. Allerdings muss man berücksichtigen, dass viele der befristeten Verträge in Deutschland auf Jugendliche entfallen, die eine Ausbildung machen.

"Die europäischen Arbeitsmärkte unterscheiden sich sehr stark voneinander und stellen Jobsuchende vor eine Reihe von Herausforderungen – bieten ihnen aber zugleich auch zahlreiche Chancen", sagt Andrew Chamberlain, Chief Economist bei Glassdoor. "Auf der einen Seite haben Länder wie Deutschland, Großbritannien, Österreich und die Schweiz einige große Vorteile, wie die Qualität der Arbeitskräfte, die Arbeitsmarktpolitik und eine Umgebung, in der die starke Wirtschaft schnelles Job-Wachstum unterstützt. Daraus resultiert eine unterdurchschnittliche Arbeitslosenquote. Länder wie Griechenland, Spanien und Portugal haben auf der anderen Seite weiterhin stark mit zweistelligen Arbeitslosenquoten und einem schwachen Wirtschaftswachstum zu kämpfen. Dies hängt zum Teil mit unflexiblen Arbeitsmarktregulierungen zusammen, deren Reform sich seit einigen Jahren schwierig gestaltet."

Im Vergleich zur Zeit vor der globalen Finanzkrise hat sich die Beschäftigungsquote in keinem anderen europäischen Land so positiv entwickelt wie in Deutschland. Die Quote hat sich zwischen Ende 2007 und Ende 2014 hierzulande trotz der Krise sogar um 2,8 Prozentpunkte verbessert. Nur in Österreich und der Schweiz ist ebenfalls eine Verbesserung der Arbeitslosenquote im gleichen Zeitraum zu beobachten. Noch immer besonders stark von der Krise betroffen sind die Arbeitsmärkte in Griechenland (-10,8 Prozentpunkte), Spanien, Irland und Portugal.

Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland am niedrigsten

Entsprechend ist auch die harmonisierte Arbeitslosenquote auf dem deutschen Markt im Europavergleich sehr gering. Norwegen, die Schweiz und Deutschland belegen hier die Spitzenplätze, die Quote liegt mit rund 5 Prozent jeweils mindestens 2 Prozent unter dem OECD-Durchschnitt. Am anderen Ende der Skala liegen Griechenland und Spanien, wo ein Viertel der Erwerbsbevölkerung ohne Beschäftigung ist.

Noch dramatischer sind die Verhältnisse in beiden Ländern im Bereich der Jugendarbeitslosigkeit, die Quote liegt jeweils bei über 50 Prozent. In Deutschland hingegen ist die Jugendarbeitslosenquote im europäischen Vergleich am geringsten und hat sich im Vergleich zur Zeit vor der Krise sogar leicht verbessert. Auch hier komplettieren die Schweiz und Norwegen die Liste der Top drei.

Überdurchschnittlich viele befristete Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland

Anders sieht es beim Anteil befristeter Beschäftigungsverhältnisse aus. Hier belegen Estland (3 Prozent) und Großbritannien (6 Prozent) mit großem Abstand die vorderen Plätze, während der Anteil von befristeten Verträgen und Zeitarbeit in Deutschland bei 13 Prozent und damit sogar knapp über dem OECD-Durchschnitt liegt. Noch höher ist die Zahl bei Betrachtung junger Arbeitnehmer bis 24 Jahren. Hier liegt Deutschland mit über 50 Prozent eher am oberen Ende der Skala und weit über dem OECD-Durchschnitt, während in Estland und Großbritannien deutlich unter 20 Prozent der jungen Beschäftigten keine befristeten Verträge haben. Der Wert für Deutschland erklärt sich jedoch auch dadurch, dass hierzulande Ausbildungsverhältnisse eine große Rolle spielen und Befristungen bei den entsprechenden Verträgen die Norm sind.

Der Anteil der Arbeitnehmer, die unfreiwillig einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen, hat sich in den meisten Ländern seit 2008 erhöht – mit Ausnahme von Deutschland, Belgien und Schweden. In Deutschland machen die unfreiwillig Teilzeitbeschäftigten rund 4 Prozent aus, während der Anteil in Estland und Norwegen mit unter 2 Prozent am niedrigsten ist.

Die folgende Tabelle fasst sechs Indikatoren für die Arbeitsmarktaussicht zu einer Übersicht zusammen. Der ermittelte Gesamtwert basiert auf einer Zusammenfassung der gleichgewichteten sechs Einzelindikatoren unter Berücksichtigung der Min-Max-Methode. Deutschland liegt hinter
den Spitzenreitern Estland und Norwegen (0,9) und hat genau wie Großbritannien, Österreich und Dänemark einen Wert von 0,8 – wobei 1,0 den bestmöglichen und 0 den schlechtesten Wert bezeichnet. Die grünen (roten) Felder stehen für überdurchschnittlich gute (schlechte) Bereiche.

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Die vollständigen Ergebnisse zur Studie "Where Is The Best Country In Europe To Get a Job?" mit weiteren Erläuterungen zu allen genannten Indikatoren, weiteren Abbildungen und Informationen zu den Beschäftigungszahlen nach Wirtschaftssektor finden Sie hier.

Deutscher Arbeitsmarkt: Viele Beschäftigte, zu viele Zeitverträge

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