LEAD digital-Blogger spricht mit Trivago-Chef Rolf Schrömgen.
LEAD digital-Blogger spricht mit Trivago-Chef Rolf Schrömgen. © Foto:Silvia Reichmann

Paolo Anania | | von Paolo Anania

Arbeiten bei Trivago: Keine Hierarchien und 15 Biersorten gratis

"Wir glauben nicht so sehr an extrinsische Motivation", sagt Trivago-Gründer Rolf Schrömgens im Interview mit LEAD digital-Blogger Paolo Anania*. Deswegen legt der Chef der Hotel-Suchmaschine Wert auf ein angenehmes Arbeitsklima. Dazu zählt auch ein Büro auf Mallorca.

Trivago hilft beim Suchen und Finden von guten und preisgünstigen Hotels. Als erste Suchmaschine dieser Art in Deutschland wurde das Unternehmen vor 10 Jahren gegründet, unter anderem von Rolf Schrömgens. Der stand in der Düsseldorfer Firmenzentrale rund 80 interessierten Düsseldorfer Entrepreneuren und Unternehmensführern Rede und Antwort. Durch den Abend führte Paolo Anania, CEO der Düsseldorfer Digitalberatung Granpasso. Einer der wichtigsten Themen: Was ist auf dem Weg vom Startup zum Großunternehmen zu beachten?

Paolo Anania: Rolf, uns geht es heute vor allem um eines: Eure Unternehmenskultur. Wie gelingt es euch im Zuge eures rasanten Wachstums, den Startup-Spirit am Leben zu halten? Ich habe zum Beispiel von eurem Working-In gehört: Da können eure Leute 4 Wochen im Jahr in eurem Büro auf Mallorca arbeiten.

Rolf Schrömgens: Ja genau, Voraussetzung ist allerdings, dass man schon mindestens ein Jahr bei Trivago an Bord ist. Und es geht nicht, dass jemand mit seinem ganzen Team dahin reist. Das Working-In soll dafür sorgen, dass die Leute sich mischen, mal eine andere Atmosphäre mitbekommen. Dort verbringen die Kollegen dann nicht nur die Arbeitszeit, sondern auch die Abende und Nächte zusammen. Das Feedback, das ich bekomme, zeigt, dass das für sie persönlich eine Bereicherung ist und zusätzlich die Arbeit nicht darunter leidet – im Gegenteil, die Dinge laufen sogar effizienter und produktiver.

Anania: Also wird da auch richtig Party gemacht...

Schrömgens: Ja, und das ist auch total wichtig, damit unser Spirit weiterlebt. Deshalb machen wir auch jedes Jahr unsere "Company Trips". Da fahren wir alle zusammen in Urlaub. Wir waren schon auf Sardinien und in Kroatien, zuletzt dann mit 700 Leuten im Sonderzug Richtung Warnemünde. Der hat durch das Tanzen so stark gewackelt, dass das Zugpersonal uns ernsthaft verwarnt hat. Was bei diesen Trips rauskommt, nenne ich das "Wunder der Trivago-Trips". Barrieren zwischen vermeintlichen "Holzköpfen" und "Laberköpfen" werden abgebaut. Die Arbeit zwischen Abteilungen läuft deutlich besser.

Anania: Verstehe, es ist ja einleuchtend, dass es auch bei der Arbeit besser läuft, wenn die Leute zusammen Spaß haben. Aber wie geht es dann weiter, wenn die Leute dann ganz normal im Büro zusammenarbeiten?

Schrömgens: Wir betreiben ein firmeneigenes Wiki, nutzen den Slack-Messenger und andere digitale Kollaborationstools wie Socialcast für die interne Kommunikation. Das verlängert dieses Miteinander sozusagen in den Alltag.

Anania: Das klingt up-to-date – wo kann ich mich bewerben? Spaß beiseite, wie sucht ihr eure Leute aus?

Schrömgens: Unsere ersten Mitarbeiter haben wir damals per Skype-Interview aus Spanien, Italien oder Kanada angeheuert. Für ein kleines Startup haben sie Freunde und Familie verlassen, um in eine unbekannte Stadt namens Düsseldorf zu kommen. Das verlangt Mut und Leidenschaft. Genau danach suchen wir immer noch aus: Es braucht die Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten, nicht nur geographisch. Aus der Komfortzone herauszukommen. Bereit zu sein, für uns etwas aufzugeben. Weniger wichtig ist Berufserfahrung – unser Durchschnittsalter liegt bei 28 Jahren. Aber natürlich sind uns auch Leute über 40 willkommen, wenn Sie diese Mentalität mitbringen. Aber je mehr Jobs die Leute vorher gemacht haben, umso schwieriger ist es. Das sehe ich immer wieder. Ich bevorzuge Bewerber, die möglichst "unbelastet" von anderen Firmenkulturen sind.

Anania: Und international seid ihr – das sieht und hört man deutlich, wenn man hier durch die Büros geht. Und auch auch an dem Kühlschrank dort: Da sind rund 15 verschiedene Biersorten aus aller Welt drin, von Corona über Guinness bis San Miguel. Das ist bei euch alles gratis, neben vielen weiteren Feel-Good-Maßnahmen. Aber dafür muss man natürlich hier vor Ort sein. Wie steht ihr zum Thema Home Office?

Schrömgens: Dem stehen wir ehrlich gesagt kritisch gegenüber. Wie beim Working-In und den Company Trips glauben wir auch im Alltag trotz aller virtuellen Möglichkeiten der Kollaboration an das persönliche Miteinander. Willst du noch ein Bier? (Lacht).

Anania: Gern! Ich habe gehört, dass es bei euch zumindest offiziell so gut wie keine Hierarchien oder Titel gibt. Du sitzt auf der 11. Etage mittendrin im Großraumbüro an einem normalen Schreibtisch...

Schrömgens: Ja, wir wollen keine Status-Asymmetrien. Hierarchien führen nur dazu, dass Informationen nicht mehr ausgetauscht, Ängste und Vorbehalte aufgebaut werden. Informationen sind für uns aber der Kern des Geschäftserfolgs. Alle 800 Mitarbeiter sollen sich permanent und offen austauschen – abteilungsübergreifend. Gute Ideen können Kollegen dann liken und kommentieren.

Anania: Klingt in der Theorie super, aber wenn jeder seinen Senf dazugibt und Widerspruch erwünscht ist, mindert das nicht die Entscheidungsgeschwindigkeit?

Schrömgens: Nein! Im digitalen Zeitalter gibt es nur noch einen Wettbewerbsvorteil: schnell dazuzulernen. Natürlich fällen wir unsere Entscheidungen nicht über die Anzahl von "Likes", wir erreichen durch den Einsatz von Daten aber ein hohes Maß an Objektivität und Transparenz. Das gilt übrigens auch für die Art und Weise, wie wir Mitarbeiterbewertungen durchführen. Das macht bei uns nicht einfach der Chef, sondern es gibt unsere "360 Grad Bewertungen". Das heißt, Kollegen bewerten sich gegenseitig. Einer Person kann man viel vormachen, nicht aber 20 Leuten. Ich selbst werde hier von 80 Kollegen beurteilt, nach den sechs Trivago-Werten: Vertrauen, Echtheit, unternehmerische Leidenschaft, Macht der Argumente, klarer Fokus und fanatisches Lernen.

Anania: Da sind einige Werte bei, die sich nach eher soften Kriterien anhören – wie geht ihr mit klarer Leistungs- und Ergebnisorientierung um?

Schrömgens: Ehrlich gesagt glauben wir nicht so sehr an extrinsische Motivation. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Die Motivation die Dinge gut zu machen sollte dann jeder schon selbst mitbringen. Nichtsdestotrotz wollen wir auch gute Leistungen anerkennen. Aus diesem Grund sind wir zum Beispiel gerade dabei, einen Peer-Bonus einzuführen. Jeder bekommt ein Budget für Boni, die er Kollegen anderer Teams frei vergeben kann. Die Möglichkeit einen Bonus vergeben zu können ist, dabei oft motivierender als den einen Bonus zu bekommen.

Anania: Ihr seid noch auf einem anderen Feld recht unkonventionell unterwegs: Eure Mitarbeiter können sich so viel Urlaub nehmen, wie sie wollen …

Schrömgens: Ja, solange die Leistung stimmt sollen sie das gerne machen. Ich finde das nur konsequent, wenn man keine Stempeluhr hat. Ansonsten müssten wir ja auch messen, wie viel Arbeitszeit die Leute mit Facebook verbringen.

Anania: Kommt es durch durch solche Regelungen nicht zu übermäßigem Urlaubsverzicht zum Beispiel durch Gruppendruck?

Schrömgens: Nein, das ist nicht die Idee dabei und das passiert auch nicht. Ich glaube: Wenn man Arbeitszeit als Indikator für Leistung nimmt, gibt man Managern zwar eine gefühlte Sicherheit, aber es ist eine falsche Sicherheit. Diesen Indikator nehmen wir unseren Managern sozusagen weg und sagen: "Es ist egal, wie lang deine Leute arbeiten". Unsere Indikatoren für gute Leistung liegt in anderen Systemen, in denen Leistung belohnt und Nicht-Leistung sanktioniert wird. Da funktioniert unser Prinzip der demokratischen 360 Grad Bewertung super.

Anania: Ob Zeit als Faktor oder nicht – ihr tut jedenfalls wahnsinnig viel, damit die Leute einfach gern zur Arbeit kommen: Neben den kostenlosen Getränken gibt’s Müslis, Sandwiches, Barbecues auf der Dachterrasse, Fitnesskurse und euer cooles Büro hier. Und auch die Zahlen sprechen für euch: Rund 50.000 Bewerbungen bekommt ihr im Jahr. Und ihr wachst weiter...

Schrömgens: … Ja, 2018 wird unser neuer Trivago-Campus im Düsseldorfer Medienhafen fertig, zunächst für 1.800 Mitarbeiter.

Anania: Rolf, danke dir für das offene Gespräch.

*Paolo Anania, Chef der Digitalagentur und Strategieberatung Granpasso, ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite. 

Arbeiten bei Trivago: Keine Hierarchien und 15 Biersorten gratis

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