Sprache und Social Media | | von Nico Rose

Weiß Mark Zuckerberg, ob Sie depressiv sind?

Die Antwort in kurz: zumindest könnte er es wissen. Aber ein paar Schritte zurück. Stellen Sie sich bitte einen Moment lang vor, Sie hätten an einem früheren Punkt in Ihrem Leben eine depressive Episode erlebt. Vermutlich würden Sie sich dann wünschen, dass dieser Zustand nicht so bald zurückkehrt. Nun ist das aber leider nicht so einfach zu verhindern. Die Rückfallraten für Depression sind sehr hoch – so hoch, dass das Auftreten mindestens einer weiteren Episode im Leben ziemlich wahrscheinlich ist.

Nun stellen Sie sich bitte vor, es gäbe jemanden, der Ihnen eine Frühwarnung geben konnte. Jemand, der imstande ist, all die kleinen Verhaltenssignale zu interpretieren, die typisch sind für Menschen, die aus einem psychisch stabilen Zustand in jenen der Depression hinabgleiten. Dieser jemand würde dann auch automatisch Ihren Hausarzt benachrichtigen, so dass dieser Sie rechtzeitig kontaktieren würde. Zukunftsmusik? Vielleicht. Aber diese Zukunft könnte bald hier sein. Was, wenn Ihr Smartphone verstehen könnte, was bzw. wie Sie den ganzen Tag lang reden – um dann aus Ihren Wörtern abzuleiten, ob Sie gegenwärtig wie jemand reden, der depressiv ist?

An dieser Stelle treten einige Psychologen und Informatiker der University of Pennsylvania auf den Plan. Für eine Studienreihe analysierten sie 700 Millionen Wörter und Wortkombinationen aus Facebook-Statusupdates von 75.000 Freiwilligen. Zusätzlich füllten diese Personen einige gängige Persönlichkeitstests aus, z.B. einen Fragebogen zur Einschätzung der sogenannten Big 5. Was die Forschergruppe entdeckt hat, ist erstaunlich: der Gebrauch gewisser Wörter bzw. Wortgruppen kann verlässlich Aspekte unserer Persönlichkeit, aber auch andere Variablen wie das Geschlecht oder Alter, vorhersagen. Einerseits gibt es viele Wörter, die von allen Menschen gleichermaßen häufig benutzt werden. Andererseits gibt es jedoch spezifische Wörter und Wortgruppen, die im Mittel häufiger vorkommen, wenn die Person weiblich ist (im Vergleich zu männlich), 35 Jahre alt (im Vergleich zu 15), oder eben auch extrovertiert (im Vergleich zu introvertiert), oder ein hohes Maß an Neurotizismus aufweist (im Vergleich zu ausgeprägter emotionaler Stabilität).

Schauen Sie sich die folgende Abbildung an, insbesondere die grauen, blauen und roten ‚Wordles‘ im Zentrum der verschiedenen Wortwolken. Sie können uns etwas über die Sprache der a) Extraversion (links oben), b) Introversion (rechts oben), c) Neurotizismus (links unten), und d) der emotionalen Stabilität (rechts unten) erzählen.

 

Die Größe des Wortes drückt aus, wie typisch der Begriff für die jeweilige Eigenschaft ist, also wie gut sie sich durch das Wort vorhersagen lässt. Als Beispiel: der Gebrauch des Wortes 'Internet' ist ein besserer Prädiktor für Introversion, als der Gebrauch des Wortes 'Comic'. Die Farbe des jeweiligen Wortes zeigt zusätzlich an, wie oft das Wort (relativ) verwendet wird (grau = nicht so häufig; blau: häufig; rot = sehr häufig).

Ist das nicht cool? Wobei man sich nun fragen könnte: So what?
Das ‚So what?‘ bringt uns zurück zum Anfang dieses Artikels: Wenn es eine typische Sprache des Neurotizismus gibt, liegt es nahe, dass es auch eine typische Sprache der Depression gibt, da eine hohe Ausprägung auf dieser Persönlichkeitseigenschaft typischerweise mit dem gehäuften Auftreten bestimmter psychischer Störungen einhergeht. Vielleicht gibt es auch eine typische Sprache der Manie, oder eine Sprache der Schizophrenie etc.?

Nehmen wir also an, dass es eine App auf unserem Smartphone gäbe, die sich – über den Tag verteilt – immer wieder automatisch einschaltet und über das Mikro aufzeichnet, was wir in einem spezifischen Moment tun. Es würde dann sicherlich auch viele Gespräche aufnehmen. Über die vorhandene Spracherkennung könnte das Smartphone auf Basis der zuvor genannten Algorithmen entdecken, wenn im Laufe der Zeit der Sprachgebrauch von der ‚Sprache der (relativen) psychischen Gesundheit‘ in eine ‚Sprache der (relativen) psychischen Nicht-Gesundheit‘ umschwingt. Und im Falle des Falles, würde die App diese Veränderung als Früherkennung per SMS an den Hausarzt schicken. Würde nicht das nicht vielen, vielen Menschen helfen?

Stand heute ist das natürlich tatsächlich noch Zukunftsmusik. Aber alle Zutaten sind bereits vorhanden! Und es gibt potenziell noch viele weitere interessante Anwendungsmöglichkeiten, z.B. in der Wirtschaft: Wie klingt die Sprache der Kreativität? Wie klingt die Sprache authentischer Führung? Was unterscheidet hoch performante Teams von solchen, die nicht gut zusammenarbeiten? Etc. pp. Hierfür könnte man z.B. auf den E-Mail-Verkehr innerhalb des Firmennetzwerkes zurückgreifen oder ebenfalls auf die überall vorhandenen Smartphones. Der Trend geht ja eh schon in Richtung ‘Quantified Self‘.

Wenn Sie mehr über die zugrunde liegende Forschung erfahren möchten, klicken Sie bitte hier auf den Fachartikel. Außerdem wird in naher Zukunft noch eine ganze Menge interessanter Stoff aus der Richtung dieser Forschungsgruppe kommen. Bei Interesse besuchen Sie bitte die Seite des World Well-Being Project.

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", einer festen Gruppe von Bloggern, die ab sofort ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreiten. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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