Dominik Frings | | von Dominik Frings

"Twitter fehlt die Relevanz"

Paradox ist, wenn die Bachforelle Mozart hört. Diesen begrifflichen Erstkontakt habe ich auch nach 20 Jahren nicht verdrängt, aber um nicht abzudriften ein paar aktuelle Paradoxa: Yahoos Gewinne schrumpfen gemeinsam mit den alpinen Gletschern, dennoch schließt sich der Börsenkurs nicht an. US-Politiker nehmen einen Bankrott in Kauf, um nicht zu viel in das Gesundheitssystem zu bezahlen. Und Twitter will an die Börse und  scheint damit auch noch mehr oder minder erfolgreich durchzukommen.

Es ist lange her, dass ich über Twitter sinngemäß schrieb, dass ein Dienst ohne Geschäftsmodell und ohne (für mich nachvollziehbaren) Mehrwert seine Zukunftstauglichkeit kritisch hinterfragen muss. Gut, Werbeeinnahmen gibt es, beim Mehrwert bleibe ich Zweifler. Aber man stelle sich zunächst die Frage, wer überhaupt Twitter nutzt. Immerhin sollen es weltweit ja 230 Millionen sein. Nur so recht weiß ich nicht, wer sich wirklich außer den üblichen Verdächtigen damit beschäftigt, als da wären:

1. Prominente (oder solche die es sein wollen)
2. Politiker
3. Werbefuzzis
4. Fans von Erstgenannten
5. Namenlose Aufständische in revoltierenden Ländern

Ich habe nunmehr eine Gruppe ausgespart, welche die zentrale Rolle für die kontinuierliche Prominenz spielen: Journalisten!

Und es ist nur logisch, dass genau diejenigen am stärksten an dem Medium interessiert sind, die am meisten profitieren. Keiner der oben genannten (außer Werbefuzzis) würde sich auch nur die Bohne auf Twitter engagieren ohne den Multiplikator-Effekt der versammelten Presse. Diese zwitschert dann fröhlich in Zeitungen, Onlineportalen und dergleichen weiter, was Mittelmaß-Entertainer über abgehalfterte Tennisspieler denken, was Rihanna alles in einer Erotikbar erlebt und wenn es mal ernst wird, was gerade so in arabischen Innenstädten passiert. Letzteres ist dann auch immer die Rechtfertigung für die Vorzüge des Mediums.

Dem stimme ich zu, wenn häufiger zuerst reflektiert und dann weiterverbreitet werden würde und wenn ich mehr über Freiheitsdenker  in Teherans Gassen erfahre, als über Celebrities, die es geschafft haben, die Presse für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Ich will dies nicht als Vorwurf verstanden wissen, denn es gibt ja offenkundig genug Leute, die es interessiert. Man kennt das vom TV.

Twitter ist also ein Katalysator ohne eigenen inhaltlichen Mehrwert und (noch) ohne eine funktionierende  Rekapitalisierungsstrategie. Kann das nun an der Börse gut gehen? Aus werblicher Sicht will ich meine Zweifel äußern, denn es fehlt, im Unterschied zu Facebook, der USP bzw. um es zu spezifizieren, die Relevanz.

Twitter-Inhalte sind flüchtig und für Marken wenig greifbar. Ich brauche aber konstante Strukturen, um zumindest eine halbjährliche Strategie zu etablieren. Der eine mag das Umfeld nun dynamisch nennen. Ich nenne es beliebig. Ist etwas aber beliebig, kann ich es nur verramschen oder bleibe auf meinem Inventar hocken.

Das kann sich natürlich alles ändern, aber momentan sehe ich zumindest für Deutschland zusätzlich ein Problem mit der Reichweite. Denn so oft über Twitter gesprochen wird, so selten wird es scheinbar aktiv genutzt. Wenn die kolportierte Zahl von knapp 300.000 täglichen Nutzern stimmt, dann ist das nicht viel für ein Modell, das nach meinem Dafürhalten nur mit Reichweite (mindestens dem zehnfachen) funktioniert.

Entscheidend werden denn auch die kommenden zwölf Monate werden, denn zumindest in den USA ist die kritische Masse vorhanden und es gilt nunmehr die Werbetreibenden nachhaltig zu überzeugen. Dass vor allem das mobile Geschäft die Umsätze treibt, folgt damit nur zwingend der Nutzungslogik: Nebenbei (kurzer Check der neusten Entwicklungen) und aus Versehen (Wurstfinger)! #zweifel

Dominik Frings ist einer der "Digital Leader", einem fest umrissenen Kreis von von Bloggern, die ihre Meinungen und Analysen via LEAD digital verbreiten. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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