"Soko Partyluder" oder: Wie man eine fettige Facebook-Geschichte schreibt
© Foto:Screenshot: FTD.de

Social-Media-Ente | | von Frank Zimmer

"Soko Partyluder" oder: Wie man eine fettige Facebook-Geschichte schreibt

Die Headline auf der Titelseite der "Financial Times Deutschland" klang vielversprechend: "Soko Partyluder" hieß es dort am Montagmorgen, denn: "Ein österreichischer Arbeitgeberverband will in Facebook-Profilen systematisch nach Beschäftigten fahnden, die sich vor der Arbeit drücken" (und in Österreich "Tachinierer" genannt werden).

Und das sollte die Geschichte sein: Eine österreichische Kellnerin habe Ende April trotz Krankmeldung Partybilder von sich auf Facebook gepostet. Woraufhin der Präsident der Wirtschaftskammer (in Österreich eine Art öffentlich-rechtlicher Arbeitgeberverband) von "Unverfrorenheit" gesprochen und drastische Schritte angekündigt habe. Wörtlich schreibt die "FTD": "Daher wolle man nun Facebook-Spione einsetzen, um weitere Tachinierer aufzuspüren". Eine geheime Social-Media-Gendarmerie in Österreich also, was für eine schöne Geschichte. Aber auf welche Quelle bezog sich der "FTD"-Autor? Im Artikel ist von einer Erklärung der Wirtschaftskammer die Rede (..."kündigte am Wochenende an, auf Facebook systematisch "Tachierer" aufspüren zu wollen"). Tatsächlich gibt es eine Pressemitteilung der Wirtschaftskammer Oberösterreich (WKO Oberösterreich), die am 1. Juni erschien. Das war zwar ein Freitag und noch kein Wochenende, aber auf den Text "Krankenstandsmissbrauch mit Facebook-Posting selbst dokumentiert" hat sich die "FTD" zweifellos bezogen, weil sie daraus gleich mehrfach zitiert.

Im Original heißt es:

"Ein klassischer Krankenstandsmissbrauch, durch Facebook sorgfältig dokumentiert und an Unverfrorenheit kaum noch zu überbieten. Die WKO Oberösterreich, die diesen Fall gemeinsam mit dem betroffenen Arbeitgeber aufrollte, wird Sozialmissbrauch dieser Art zukünftig regelmäßig öffentlich machen. „234.000 allein in Oberösterreich missbräuchlich in Anspruch genommene Krankenstandstage pro Jahr sind keine Kleinigkeit — das ist vorsätzlicher Betrug am Arbeitgeber, aber auch gegenüber jenen vielen se­riö­sen Arbeitnehmern, für die ein Krankenstand stets der letzte Ausweg ist“, kritisiert WKOÖ-Präsident Rudolf Trauner."

In der "FTD" wurde daraus:

"Was man auch schlicht als dämlich bezeichnen könnte, ist für Trauner "an Unverfrorenheit kaum noch zu überbieten". Allein in Oberösterreich summierten sich die Krankschreibungstage pro Jahr auf 234.000, was die Wirtschaft Millionen koste. Daher wolle man nun Facebook-Spione einsetzen, um weitere Tachinierer aufzuspüren."

Nun ist es durchaus ein Unterschied, ob eine öffentlich-rechtliche Insitution Fälle von Sozialmissbrauch dokumentiert oder mit "Facebook-Spionen" dagegen ermittelt. Wir haben darum am Montagmorgen bei der Wirtschaftskammer nachgefragt: Ob wir die Pressemitteilung vielleicht missverstanden hätten und man jetzt wirklich im Social Web fahnden wolle? Nein, wir hätte das ganz richtig aufgefasst, antwortete Günther Hosner, Leiter Medien der Wirtschaftskammer Oberösterreich: "Wir zeigen krasse Fälle von Sozialmissbrauch auf, wenn wir davon in Kenntnis gesetzt werden. Aber wir fahnden nicht aktiv selbst im Social Web". Danke.

Über das Schicksal der Kellnerin lässt sich übrigens noch nichts sagen. Laut Wirtschaftskammer läuft das Verfahren noch. "Ob sie ihren Job verliert oder ob es für sie sonstige Konsequenzen gibt, wissen wir nicht".

"Soko Partyluder" oder: Wie man eine fettige Facebook-Geschichte schreibt

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

(1) Leserkommentar

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht