Christian Faltin | | von Christian Faltin

Social Müdia: Die Begeisterung für Facebook & Co. schläft ein

Foursquare habe ich mangels Mehrwert gelöscht, die letzte spannende Infografik auf Pinterest vor Wochen entdeckt und ich habe keine Ahnung, wo mein Klout-Score steht. Für Instagram habe ich mich gar nicht erst angemeldet und das letzte Quizzduell liegt Wochen zurück. Geblieben sind in meinem persönlichen Social Media-Portfolio dauerhaft nur Facebook, Youtube, Google+ (in Maßen) und Twitter (immer aufs Neue spannend). Bin ich ein (bedauernswerter) Einzelfall, der die neuesten Trends verschläft? Oder gibt es unter den "normalen", also nicht nur beruflich mit Social Media befassten Menschen, ein paar mehr, denen es ähnlich geht wie mir? Sind wir alle ein bißchen Social Müdia oder wie geht's Ihnen?

Interaktionsraten schwinden, Sharing geht zurück

Um es vorwegzunehmen: Es gibt Zahlen, die das ungebrochene Wachstum von Social Media belegen. Das sind meist vor allem Angaben zu absoluten Nutzerzahlen. Und es gibt Daten, die eher in Richtung Social Müdia deuten. Ein paar Beispiele:

Von den derzeit existierenden 947 Millionen Twitter-Accounts weltweit haben 44 Prozent bisher keinen einzigen Tweet verschickt. Nur 13 Prozent der Accounts haben mehr als 100 Tweets verfasst, so eine Untersuchung aus den USA. Netzökonom Holger Schmidt meldete vor kurzem für den deutschsprachigen Bereich, "dass etwa 70 bis 80 Prozent der Menschen, die sich bei Twitter anmelden, im Laufe der Zeit wieder abspringen. Nur etwa drei Prozent der Menschen, die sich jemals bei Twitter im deutschsprachigen Raum angemeldet haben, sind heute noch täglich als Schreiber aktiv."

Die Interaktionsrate bei Facebook liegt derzeit, je nach Typ des Posts, zwischen 0,11 Prozent (Link) und 0,25 Prozent (Foto). Angesichts der Tatsache, dass Facebook die organische Reichweite vieler Marken-Fanpages bewusst runterfährt, bedeutet dass: Die absolute Zahl der Interaktionen auf Facebook wird abnehmen, sofern die Marke nicht massiv mit Facebook Ads gegensteuert. Bei einer Page mit einer 100.000 Likes (wo vielleicht noch 3.000 bis 4.000 Fans den Post zu Gesicht bekommen) bleiben vielleicht zwischen vier und acht Interaktionen pro Post. Schon heute müssen die Facebook-Experten ordentlich trommeln, um ein nennenswertes Engagement zu erreichen, das über den harten Kern der Fans hinausgeht.

Nutzer teilen Videos seltener: Die durchschnittliche Sharing Rate aller Clips (der Prozentanteil der Menschen, die einen Clip anschauten und dann teilten) ging im zurückliegenden Quartal von 2,9 auf 2,6 Prozent zurück, haben die Social Video-Experten von Unruly in einer aktuellen Erhebung vom April 2014 herausgefunden.

Zum Schluß noch ein, nicht durch repräsentative Zahlen belegbares persönliches Gefühl: Immer mehr Crowdfunding-Projekte scheitern beim Sammeln von Geldern. Es gibt anscheinend schon zu viele Projekte, die Geld vom Netz wollen – ohne eine Rendite zu versprechen.

Woher kommt die neue Zurückhaltung in sozialen Netzwerken? Meine Vermutung: die gestiegene Medienkompetenz und das Überangebot. Zugespitzt gesagt: Der User muss nicht mehr überall dabei sein. Und wenn er in ein neues Angebot hineinschnuppert, entscheidet er sehr schnell, ob er dafür zusätzliches Zeitbudget zur Verfügung stellt oder dafür etwas anderes aufgibt. Außerdem kann er/sie mittlerweile relativ gut entscheiden, welchen Mehrwert ein neues Netzwerk liefert. Und der Aufstieg von WhatsApp& Co. belegt, dass nach dem Peer-Posing à la Facebook und Twitter nun wieder der persönliche Dialog stärker gefragt ist. Social Media ist – das haben alle Altersgruppen im Netz mittlerweile gelernt – auch ein Zeitkiller, der zudem mit anderen Tätigkeiten im Wettbewerb steht.

Möglich wurde die Social-Euphorie vor allem durch die Smartphones, mit denen man die Angebote in neuen Situationen (beim Essen, beim Warten, auf der Toilette u.a.) und an neuen Orten (in der Arbeit, im Verkehrsmittel u.a.) nutzen kann. Rund 150-mal am Tag checkt ein Nutzer sein Smartphone, so zitiert der Mobile-Experte Tomi Ahonen eine AT&T-Untersuchung vom Mai 2013. Auf 60 bis 80 mal täglich kommt eine aktuelle, repräsentative Studie unter deutschen Smartphone-Nutzern. Weil das Angebot an Social Apps aber ausufert und der Tag endlich ist, steigt nicht nur die Zahl der Unfälle mit Laternenmasten in Fußgängerzonen. Durch die häufige Parallelnutzung wird auch die Reizschwelle, um mobil überhaupt noch Aufmerksamkeit zu bekommen, nach oben verschoben.

Was bedeutet das Social Müdia-Phänomen für Social Media-Verantwortliche in Agenturen oder Unternehmen, die als Interaktions-Animateure für Engagement sorgen sollen? Meines Erachtens wird es künftig wesentlich schwerer und teurer, Menschen in sozialen Netzwerken zu erreichen und zum Mitmachen zu aktivieren. Deswegen werden Aktionen zunehmend durch Social Advertising flankiert. Das widerspricht eigentlich dem viralen Gedanken, rettet kurzfristig aber die KPIs, die man als Fanpage-Verantwortlicher dem Management in Aussicht gestellt hat. Und es verbessert massiv die Bilanz von Facebook. Langfristig helfen aber nur außergewöhnliche Inhalte und Ideen, die sich so deutlich vom Social-Mainstream unterscheiden, dass sie ohne große Anschubfinanzierung zum Viral-Hit werden. Wenn das keine Herausforderung ist.

Christian Faltin ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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"Social Müdia" ist bloß eine Mär

von Johannes Lenz

Dieser Tage hat der von mir geschätzte LEAD digital-Blogger-Kollege und Geschäftsführer von Cocodibu, Christian Faltin, in seinem Blogpost ("Social Müdia: Die Begeisterung für Social Media schläft ein") die These aufgestellt, dass Social Media und damit vor allem Facebook & Co. von der Müdigkeit ergriffen seien.

Ich bin anderer Meinung und möchte kurz zu begründen, warum Christians Perspektive nicht der Realität entspricht.

Wie viele Nutzer hat Facebook weltweit? Wie viele Inhalte werden dort am Tag hochgeladen bzw. geteilt, egal ob es sich um Fotos, Videos, Links etc. handelt? Wieviele nutzen Facebook inzwischen am Tag/im Monat überwiegend nur noch mobil? Kann man alles rasch erfahren, wenn man auf den wichtigsten Fachblogs im deutschsprachigen Raum, www.allfacebook.de, www.futurebiz.de oder www.thomashutter.com vorbeischaut.

 

Christian Faltin hat ja keinen schlechten Text gebloggt, denn ich finde es immer wieder interessant zu erfahren, wie andere Social Media-Plattformen nutzen. Und da scheint die Intensität der Nutzung bei Christian abzunehmen, der sich damit auch beruflich befasst. Und viele werden sich sagen, wenn sie den Text lesen: "Und wenn das schon einer schreibt, der das beruflich macht, dann …"

Eingeschränktes Blickfeld

Und hier liegt der Hase im Pfeffer: können wir von uns auf andere schließen? Nein. Blicke ich mich unter Bekannten um, die beruflich nichts mit Social Media im Sinn haben, so sind sie zwar auch neugierig und besitzen ein oder mehrere mobile Endgeräte, aber das sie jetzt 5 bis 10 Tweets am Tag schreiben und dazu  einen Blogbeitrag sowie täglich mehrfach auf Facebook, Instagram, Google+ usw. posten, nein das ist sicherlich nicht der Fall. Und wenn, dann wird eine regelmäßige monatliche Aktivität bei maximal ein bis drei Netzwerken zu sehen sein, die durchaus auch täglich gepflegt werden.

Übrigens: Empfehlenswerte Lektüre zur Nutzung von Social Media-Kanälen in Deutschland ist die jährlich erscheinende Analyse des Bitkom „Sozial Netzwerke – dritte erweiterte Studie“ .

Das hat aber nichts mit "Social Müdia" zu tun. Eher schon mit einer ausdifferenzierten bzw. gezielten Nutzung von Social Networks bzw. Apps und Communities. Der "Run" auf die Messenger zeigt dies recht anschaulich. Zugleich bedeutet dies aber keine Verringerung der Nutzerzahlen oder der Interaktion auf Facebook. Die Menschen sind dort weiterhin registriert, aber nutzen das und andere Netzwerke einfach anders. Gerade Facebook ist es, das genau diesem Trend Rechnung trägt, indem es für jede relevante Funktion eine App bereitstellen will bzw. wird, wie etwa Paper für News, den Messenger für Chats oder Instagram für Fotos.

Nachdem deutlich wird, dass von einer wie auch immer gearteten Müdigkeit in Sachen Social Media nicht die Rede sein kann, will ich mich kurz noch Twitter widmen, das Christian ja exemplarisch angeführt hat.

Schon 2012 hat Thomas Pfeiffer in seiner Analyse deutscher Twitteraccounts darauf hingewiesen, dass er stumme Accounts nicht mitzähle. Zuletzt hat sich Holger Schmidt (www.netzökonom.de) zu Twitter in Deutschland geäußert.

 

 

Im Prinzip kann man sagen, das sich auf Twitter die alte Internet-Regel bestätigt, wonach wenige Nutzer aktiv die meisten Inhalte erstellen und der große Rest sie eben liest und somit eine mehr oder minder passive Rolle einnimmt.

Im Hinblick auf die Konsequenzen für Social Media-Verantwortliche in Unternehmen und Agenturen wird natürlich klar, dass man mit der zunehmenden Ausdifferenzierung des Social Webs, der stärkeren mobilen Nutzung sowie mit dem jüngsten Trend hin zu Messenger Apps wie Whatsapp, Snapchat, WeChat oder Line drei Herausforderungen vor Augen hat, die sowohl bei der Inhalteproduktion als auch bei der Ausspielung von gezielten Werbeformaten gemeistert und berücksichtigt werden müssen.

Damit bleibt Social Müdia nach wie vor ein Schlagwort, dessen Berechtigung nicht existiert. Dies kann sich ändern, noch aber ist das Nutzer-Engagement bei Facebook & Co. enorm!

Johannes Lenz ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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