Hans Freitag | | von Annette Mattgey

Social Media-Initiative: Wie aus Likes Kekse wurden

Daumen rauf für eine ungewöhnliche Social Media-Aktion: Was als Geburtstagsüberraschung für die Chefin begann, wird nun zu einem neuen Produkt der Keksfabrik Hans Freitag. Die Likies, Kekse in Form eines Facebook-Daumens, sind ab sofort im Online-Shop erhältlich und bekommen demnächst sogar einen eigenen Online-Shop. Das mittelständische Unternehmen ist für seine Social Media-Präsenz bekannt. Im firmeneigenen Keksblog schreibt die Chefin Anita Freitag-Meyer selbst. Linda Grohe, Einkäuferin bei Hans Freitag, unterstützt sie dabei. Im LEAD digital-Interview erzählt Grohe, wie aus der Idee ein fertiger Keks wurde und wie Social Media die Entwicklung neuer Produkte beeinflusst.

Seit einigen Tagen haben sie die Likies in Ihrem Onlineshop. Wie ist bisher die Resonanz auf das Produkt?

Die Resonanz auf unsere Likies ist sehr positiv. Zu Beginn war es unsere Chefin selbst, die mit dem Keks in Form eines Daumens überrascht wurde – der Keks begeisterte, gefiel. Er gefiel sogar so sehr, dass uns die Leute fast die Bude einrannten, nachdem sie ihn sahen - wir sollten diese Idee doch unbedingt in Serie gehen lassen.  Das war neu. Menschen kommen auf uns zu und stecken Energie hinein, dass wir eine Produktidee unbedingt auf den Markt bringen sollen. Innerhalb weniger Tage (eigentlich waren es eher Stunden), wurden die Likies im Netz als „Merci“ der Zukunft deklariert, die Leidenschaft, mit der die Likies oder vielmehr wir angespornt wurden, diesen Keks doch unbedingt in Serie gehen zu lassen, kann man kaum in Worte fassen. Aber u.a. auf unserer Facebookseite nachlesen!

Dennoch bleibt natürlich bei aller Euphorie mit langjähriger Kekserfahrung im Handel der realistische Gedanke im Hinterkopf: abwarten, wie es ist, wenn es das Produkt dann tatsächlich zu kaufen gibt.

Nach den ersten Verkaufstagen im Onlineshop sind wir durchaus zufrieden und bestätigt darin, dass die Leute diesen Keks wollten und nun auch tatsächlich kaufen. Schwer ist es allerdings im Moment noch, den Handel zu überzeugen. Denn das ist natürlich unser Ziel: einen begehrten Platz im Keksregal ergattern. Wir sind hauptsächlich Handelsmarken-Hersteller. „Hans Freitag“ selbst ist als Marke im deutschen LEH leider wenig bekannt.

Das bedeutet, unsere Likies müssen einmal mehr überzeugen, bevor unsere Handelspartner das Risiko mit einem neuen Produkt einer wenig bekannten Marke eingehen.

Wenn die Likies sich feste Regalplätze erobern – das wäre ein großartiger Erfolg!

Wie ist die Idee entstanden?

Oh - da muss ich jetzt etwas weiter ausholen, das ist eine längere – aber nicht unspannende - Geschichte.

Im August dieses Jahres feierte unsere Chefin, gemeinsam mit uns, ihrem Team von 350 Kolleginnen und Kollegen, ihren Geburtstag. Dazu wurde hier bei uns in Verden auf dem Hof der Keksfabrik ein Zelt aufgebaut und wir verlebten einen schönen gemeinsamen Abend. Wenn man zu einem Geburtstag eingeladen ist, schenkt man natürlich auch etwas Nettes…

Als Team überlegten wir uns als Geburtstagsgeschenk für die Web-affine Chefin neben einer Teamfahne, die nun unseren Hof ziert, „Likies“ (Kekse in Form des Facebookdaumens) zu backen. Für die Kekse bastelten wir eine Verpackung, auf der als Zutatentext all unsere Namen aufgeführt waren. Ein Abend. Ein Gag. Ein Facebookpost mit einem Foto der Verpackung am Abend selbst, ein Keksblogartikel am nächsten Morgen. Und plötzlich… Zack- unsere Leser haben die Likies gesehen und motivierten uns: „die müsst Ihr unbedingt in Serie gehen lassen. Das wird Euer Durchbruch.“ Ich erinnere mich noch genau an die E-Mail von Frau Freitag-Meyer am „Morgen danach“. Mit noch leichten Kopfschmerzen entzifferte ich im Betreff der Mail: „Ich will diese Likies!!“. Gesagt getan und wir legten noch am gleichen Tag los, schließlich war alles öffentlich kommuniziert und natürlich hatten wir nach der ersten Resonanz dann auch Bedenken, jemand könnte uns unsere Idee wegschnappen. Wir checkten prompt alle technischen Möglichkeiten, Optionen auf die Rechte am „Keksdaumen“, begleitet von immer weiteren Zusprüchen im Netz auf sämtlichen Kanälen.

Wie lange dauert es, bis ein neuer Keks vom Band rollt?

Das ist eine sehr spannende Frage. In der Tat bedarf es einiges an Zeit, bis eine neue Kekskreation tatsächlich vom Band rollt. Dabei kommt es natürlich auch auf den Keks an. Im Regelfalle dauert es etwa ein halbes Jahr, bis ein neuer Keks oder auch eine Waffel in seiner/ ihrer endgültigen Form fertig ist. Das hängt mit vielen Faktoren zusammen. Wie soll der Keks in seiner Konsistenz sein: mürbe oder knusprig, soll er schokoliert werden oder nicht, wie muss die Form gestaltet sein, damit er optimal auf unseren Anlagen läuft. Womit können wir die Menschen da draußen überzeugen. Wie sollten wir die Verpackung gestalten, welche Größe wird gekauft. Wie kalkulierbar für uns sind die eingesetzten Rohstoffe, bleiben die Mandeln auf dem Keks nach dem Backen liegen, überlebt der Keks die Reise durch unsere Waagschalen und Abpackmaschinen, ohne zu brechen. Es sind die feinsten Komponenten, wie z.B. die Siebstärke des Mehls, an denen wir schrauben, bis der Keks fertig und optimal in seiner Zusammensetzung ist. Oftmals passiert es natürlich auch, dass wir mit voller Euphorie an einem Keks „basteln“ und dieser dann letzten Endes vom Endverbraucher nicht angenommen wird. Die Quote, mit einem neuen Produkt in der Süßwarenbranche landen zu können, beträgt gerade einmal zehn Prozent. Es steckt viel Arbeit dahinter.

Die Likies wiederum haben wir sehr schnell umsetzen können. Der Geburtstag unserer Chefin war am 10.08.2013, der erste Keks in seiner jetzigen Form backte am 16.10.2013 bei uns im Ofen. Das ganze Team zog mit und machte das Unmögliche möglich: wir wollten die Likies einfach alle unbedingt so schnell wie möglich umsetzen. Diesen Keks haben wir tatsächlich in einer fast rekordverdächtigen Zeit „gebacken bekommen“.

Wie wichtig ist für Ihr Unternehmen das Feedback im Firmen-Blog oder in Social Media, um neue Ideen zu entwickeln oder zu testen, wie sie bei den Kunden ankommen?

Sehr wichtig! Denn genau das sind ja die Menschen, die unsere Kekse und Waffeln kaufen.

Uns ist es wichtig zu erfahren, was die Leute „da draußen“ wirklich wollen. Was schmeckt dem Endverbraucher, was eher nicht. Besser und direkter als über Social Media kann man unseres Erachtens gar nicht mit dem Endverbraucher kommunizieren und in den Kontakt kommen. Oftmals waren es dann tatsächlich Wege, die wir so nicht gegangen wären. So gab es z.B. einen Produkttest innovativer  Gebäcke u.a. mit Mohn. Wir wählten zehnTester/innen aus, die allesamt so motiviert waren, dass sie den Test weitergaben, die Kekse teilten und unsere Fragebögen selbstständig kopierten. Wenn man die Menschen ernst nimmt und sie merken, dass ihre Meinung wirklich wichtig ist, kommt unheimlich viel an Engagement zurück. Das ist einfach großartig und macht wahnsinnigen Spaß. Am Ende hatten wir eine Vielzahl ehrlicher Meinungen. Fazit/ Kommentar der Tester „Ganz nett, aber das würde ich im Laden nicht kaufen“. Die Community hat uns so vor einer Fehlinvestition bewahrt.

Auch bei der Entwicklung von neuen Verpackungen war die Meinung der Menschen, die unser Gebäck im Regal sehen bzw. kaufen eine komplett andere als unsere. Betriebsblindheit oder eingefahrene Linien werden reflektiert und dank der Community revolutioniert. Natürlich bleiben wir uns dabei treu, aber – wir nehmen die Wünsche und Gedanken unserer Leser /innen und Facebookfans ernst und schaffen eine Symbiose aus beiden Meinungen. Das klappt prima  – die Likies z.B. hätte es ohne die Community niemals gegeben. Rufen wir heute zu Produkttests auf, haben wir teilweise bis zu 3.000 Kommentare als Bewerbung für unsere Probierpäckchen.

Ein weiterer, netter Nebeneffekt ist, dass Social Media auch für das Hans Freitag-Team unheimlich motivierend ist. Stellen Sie sich einen Bäcker bei Hans Freitag vor, der täglich voller Motivation backt, eine Dame in der Verpackung , die täglich mit Sorgfalt darauf achtet, dass die Tütchen auch hübsch und vor allem gut verschlossen unser Haus verlassen. Wie selten bekommen diese Menschen ein Feedback oder Anerkennung vom Endverbraucher. Richtig: eigentlich nie. Social Media macht es möglich. Viele Kundenstimmen drucken wir auch aus und hängen diese in der Kantine bei uns auf. Das Lob oder auch die Kritik der Endverbraucher gilt uns allen. Jedem einzelnen Menschen, der hinter der Firma „Hans Freitag“ steht.

Haben Sie diese Reaktionen schon mal in die Irre geführt? Oder sind sie genauso valide wie Marktforschungen (die sich ein Mittelständler vermutlich eh verkneifen würde)?

Ich habe mir jetzt einen kurzen Moment Zeit genommen, weil es mir selbst gerade so vorkam, als könne das gar nicht sein… aber es ist tatsächlich so, ich würde sagen: bis heute, nein!

Natürlich kommt es vor, dass eine Aussage oder ein Kommentar irritiert. Sicherlich gibt es auch einmal Kritik oder eine Reklamation. Aber – ich würde sagen unter dem Strich ist daraus immer etwas Gutes gewachsen und hat uns in die richtige Richtung weitergebracht.

Zurück zu den Likies: Welche Vertriebswege kommen für Sie noch infrage?

Platz 1, wie oben erwähnt, ganz klar ein fester Regalplatz. Das wäre ein Traum! Daran arbeiten wir.

Außerdem sind wir ganz kurz davor, mit einer tollen neuen Idee online zu gehen. Aktuell stecken wir in den letzten Vorbereitungen und eigentlich ist es noch nicht spruchreif, da auch die Seite noch nicht online ist. Die Likies bekommen eine eigene Homepage und einen eigenen Onlineshop. Auf www.Likies.com wird es die Möglichkeit geben, Likies zu bestellen, zu verschenken, zu teilen. Es ist ein Versuch in eine neue Richtung und wir sind sehr gespannt, was passiert. Top oder Flop. Es heißt Daumen drücken! Wir denken, spätestens in der nächsten Woche sind wir so weit und legen los.

Haben sie schon eine Reaktion von Facebook? Erheben die keinen Markenschutz?

Von Facebook selbst haben wir bislang keine Reaktion. Selbstverständlich haben wir vorab so gut es ging, in alle Richtungen gedacht und die Dinge rechtlich abgeklopft. Den Namen „Likies“ hatte sich tatsächlich noch niemand schützen lassen. Etwas verwundert aber natürlich mit riesiger Freude haben wir uns den Namen patentieren lassen. Das ist nun unserer! Das Recht an dem Keks in Form des Daumens haben wir  ebenfalls für uns eintragen lassen. Damit sind wir grundsätzlich erst einmal abgesichert. Aber ich denke, das kann ich ganz offen so sagen: natürlich gibt es sicherlich ein Restrisiko. Woher der Ursprung dieses Daumens kommt und der Bezug zu Facebook ließe sich im Falle eines Rechtsstreites nicht wegargumentieren. Sollte es dazu kommen, werden wir als mittelständisches Familienunternehmen sicherlich keine Chance haben gegen die Anwälte eines Unternehmens wie Facebook.

Die Likies sind aus einer Idee und Leidenschaft direkt im Netz entstanden. Quasi ein 2.0-Märchen. Wir haben unseren Mut zusammen genommen und das Restrisiko Restrisiko sein lassen und losgelegt. Wir fänden es schade, wenn wir die Likies nicht mehr backen dürften und dann sicherlich auch alle, die diesen Weg mit uns gegangen sind, enttäuscht wären. 

 

Linda Grohe ist Einkäuferin und Keksbloggerin bei Hans Freitag. Die gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau ist seit 2010 im Unternehmen. Zusammen mit der Geschäftsführenden Gesellschafterin Anita Freitag-Meyer schreibt sie seit 2011 das Keksblog (www.keksblog.com). Die Verdener Keks- und Waffelfabrik Hans Freitag GmbH & Co. KG ist ein mittelständisches Unternehmen mit Sitz in Verden. Vor 66 Jahren gegründet, ist das Unternehmen ein in dritter Generation geführter Familienbetrieb, der sowohl als Private-Label-Produzent für den Handel Produkte entwickelt und herstellt als auch die eigene Herstellermarke „hf“ vermarktet.

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