Second Screen bei Wetten dass: Mehr Schaden als Nutzen
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ZDF | | von Annette Mattgey

Second Screen bei Wetten dass: Mehr Schaden als Nutzen

Da hätte man mehr daraus machen können - so lässt sich die Meinung der Social Media-Experten zum Experiment "Wetten dass..." zusammenfassen. Videopunk Markus Hündgen fand die Web 2.0-Komponente mäßig: "Die im Vorfeld groß angekündigte Webapp war insbesondere konzeptionell enttäuschend. Zudem fand keinerlei Verbindung in die Sendung statt. Lanz und Co. agierten in einem Social-Media-freien Raum, nicht einmal der Hashtag zur Sendung wurde prominent eingeblendet." Für LEAD digital hat Sabine Haas, Geschäftsführerin der Markt- und Medienforscher von Result, die Premiere von "Wetten, dass..?" auf dem Second Screen verfolgt.

Am Samstagabend hatte ich die Aufgabe übernommen, die Second-Screen-Applikation zu "Wetten, dass..?" (Agentur: Moccu, Berlin) ausgiebig zu testen. Ich richtete mich also auf einen gemütlichen Fernsehabend ein mit Erdnussflips, einem Bier... - was man halt so braucht.

Und dann startete ich den Second Screen und vorbei war es mit der Gemütlichkeit: Der Live-Ticker von "Wetten, dass..?" versorgte mich zusätzlich zum TV-Programm mit kleinen Infos und Videos, die Zuschauer diskutierten im hauseigenen Stream die Qualität der Sendung, der Twitter-Stream war auf einer zweiten Seite ebenfalls eingebunden. Daneben erhielt man in den Kommentaren Hinweise auf den Austausch auf Facebook und diverse Live-Rezensionen der Sendung bei den verschiedenen Medienseiten.

Ich versuchte angestrengt, allen parallelen Informationen zu folgen und gleichzeitig noch irgendwas von der Sendung mitzubekommen. Die Erdnussflips blieben unberührt und mein Bier wurde darüber natürlich auch schal. Jetzt kann man natürlich sagen, dass dies keine Normalsituation war und ich üblicherweise nicht soviel Mühe aufgebracht hätte, nichts zu verpassen. Aber dennoch bleibt die Frage: Was hat die App der Sendung und den Zuschauern gebracht?

An der Technik hapert es noch

Zunächst muss man einige technische Mängel erwähnen, die die Usability einschränkten und vielleicht der Startversion geschuldet sind und bei den kommenden Sendungen möglicherweise noch behoben werden:

-          Man konnte den hauseigenen Stream und Twitter nicht parallel verfolgen, sondern musste switchen.

-          Den Twitter-Stream konnte man nur lesen, sämtliche Funktionalitäten von Twitter waren nicht mehr vorhanden.

-          Facebook war gar nicht eingebunden, obwohl man sich mit Facebook einloggen konnte.

-          Die App funktionierte technisch nicht einwandfrei, bei mir blieb sie mehrfach auf dem Tablet hängen, ging aber auf dem PC.

-          Auf dem Iphone scheint sie gar nicht zu funktionieren.

-          Es gab keine Autoaktualisierung, sondern man musste manuell aktualisieren.

-          Die An- und Abmelde-Funktion war schwer auffindbar, wenn man einmal angemeldet war.  

-          Die Abstimmungen funktionierten immer nur sehr kurzfristig.

 

Doch was hat der Nutzer im Vergleich zum reinen TV-Zuschauer durch die App gewonnen? Überspitzt formuliert: Einen schlechten Eindruck.

Kleine Schar von Nörglern dominiert das Social Web

Zwar konnte man positiv feststellen, dass durchaus Leben auf  der App war, aber dies ist bei einer derartig zuschauerstarken Sendung auch zu erwarten. Es war allerdings nur eine sehr spezifisch motivierte und sehr kleine Truppe von Diskutanten, die sich im hauseigenen Stream tummelte. Viele von Ihnen schienen parallel auch auf Twitter aktiv zu sein. Und diese kleine Gruppe zeigte sich überwiegend unzufrieden. Sie war – ähnlich wie die Mehrheit der Twitter-Nutzer – damit beschäftigt, sich über die Sendung und ihre Protagonisten lustig zu machen, bemängelten die Tonqualität, die Qualität  der Gäste, der Wetten usw. Nur wenige hielten bei dieser allgemeinen Negativstimmung dagegen. Das war zwar teilweise sehr lustig, trug für mich als Zuschauer aber in keiner Weise dazu bei, mich an dem TV-Programm zu erfreuen und mich auf die Sendung in irgendeiner Weise einzulassen. Stattdessen verstärkte sich auch bei mir die Haltung kritischer Distanz. Mein Fernseheindruck wurde also deutlich negativ beeinflusst.

Die von der Redaktion eingestellten Inhalte konnten dieses „Störgefühl“ auch nicht beheben. Im Gegenteil: Auch sie zerrissen den „Fernsehgenuss“, vor allem wenn es Videos waren, bei denen ich den Fernseher auf stumm schalten musste, um sie mir anzusehen und –zuhören.

Bleibt der Aspekt der Beteiligung und des Zuschauerservice. Leider auch nichts, was für einen guten Eindruck sorgen konnte: Die Abstimmungen und Kommentare wurden in der Sendung nicht aufgegriffen, meine Fragen an die Redaktion blieben sämtlich unbeantwortet.

Fazit als Zuschauer: Mir hat die bösartig-zynische Diskussion in den Kommentaren zwar teilweise sehr viel Spaß gemacht; der Nutzung von "Wetten, dass..?"  als TV-Format war die App aber in keiner Weise zuträglich.

Das Bild dreht sich nach der Sendung: Mehr Lob von den Zuschauern

Und auf Seiten der Macher sieht das Bild, fürchte ich, ähnlich negativ aus: Sie konnten sich zwar einer regen Diskussion erfreuen, allerdings in keiner Weise mit positivem Tenor. Das „App-Publikum“ war für die Sendung selbst nicht von Nutzen, weder als aktiv Beteiligte (das war wohl nicht gewollt), noch als Feedback-Geber. Denn ich gehe fest davon aus, dass die geäußerte Kritik dieser kleinen diskutierenden Minderheit in keiner Weise repräsentativ für das Gesamtpublikum ist. Das zeigte sich auch am Ende der Sendung, als eine ganze Reihe von Dank- und Lobes-Kommentaren einliefen. Alle von Menschen, die sich während der Sendung wohl gut unterhalten fühlten und deshalb weder Zeit noch Lust hatten, den Second Screen zu nutzen.

Fazit für die Macher: Die Macher erhielten während der Sendung ein recht schiefes Meinungsbild, dass deutlich negativ eingefärbt war. Eine Reaktion auf die Kommentare konnten oder wollten sie nicht zeigen, was von sehr schlechter Dialogfähigkeit zeugte. Der Imageschaden durch den Second Screen erscheint mir daher deutlich größer als der Nutzen.

Bleibt die Frage: Hätte man es besser machen können? Ich denke schon. Genutzt hätte aus meiner Sicht das Folgende:

-          Mehr ernsthafter Dialog und Austausch.

-          Einbindung der Zuschauer und „Lenkung“ der Diskussion durch eigene Fragen und Anregungen seitens der Redaktion.

-          Besserer Service und Beantwortung der Fragen, idealerweise durch Aufnahme einiger Kommentare in die Sendung.

Sicher gibt es weitere Ideen, aber damit wäre ein Anfang gemacht. Der Second Screen hätte mir dann jedenfalls mehr gebracht als nur ein „Lästerkanal“ zu sein, der meinen Fernsehabend stresst. Wetten dass...?

Sabine Haas, 1966 geboren, hat nach ihrem Studium der Psychologie 1995 das Markt- und Medienforschungsinstitut Result  gegründet, das heute 15 Mitarbeiter beschäftigt. 1998 baute sie einen Callcenter-Dienstleister auf, das Cologne: Callcenter, welches 2009 zu 3C DIALOG umbenannt wurde. Mit 200 Mitarbeitern ist 3C DIALOG führender Dialogdienstleister in NRW mit hoher Social-Media-Kompetenz. Seit 2011 findet in dem von Sabine Haas neu gegründeten Geschäftsfeld „neolog consulting“ nun auch die Beratung von Unternehmen für den Bereich Social Media sein zu Hause.

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