Web 2.0 Summit | | von Irmela Schwab

Regulierungs- versus Sammelwut

Auf den Münchner Medientagen wird - wie so oft - der Ruf nach Regulierung laut. Sei es das duale Rundfunksystem, seien es datenhungrige Konzerne wie Google und Facebook, die im deutschen Markt Marktanteile plündern: all diese Ungerechtigkeiten soll, so fordern die Medienmanager, die deutsche Ordnungspolitik endlich in den Griff bekommen! Ein anderes Bild spiegeln parallel stattfindende Kongresse in den USA wider: Start-ups, die sich die ausgiebige Analyse menschlicher Spuren im Web auf die Fahnen geschrieben haben, stehen dort auf dem Podium. Und jedes ihrer Worte wird vom Publikum aufgesogen.

Daten in Echtzeit ist das Trendthema auf dem Web 2.0 Summit in San Francisco - und was man alles Schönes mit ihnen anstellen kann. Susan Wojcicki, Senior Vice President Advertising bei Google, beschreibt die Faszination von Tools wie Google Analytics über einen Feldzug Napoleons. Die Spuren der Heerscharen, die unter seinem Banner in die Schlacht gezogen waren, können anhand eines Bildes visualisiert werden. „Es zeigt eine Momentaufnahme, die in Sekunden verstanden wird und eine Geschichte erzählt“, sagt die Werbe-Managerin. Ähnlich verhalte es sich mit dem Datenstrom von Google Analytics - festgehalten in einer Grafik erzähle auch dieser eine Geschichte. Mit dem Vorteil, dass man zusätzlich die Verhaltensweisen einzelner Personengruppen herausfiltern könne.

Interessant dabei: Das, was jemand von sich preisgibt und das Internet wissen lässt, sei jedoch etwas ganz anderes, als das, was er tunlichst schützen möchte. „Zwischen öffentlicher Identität und Privatsphäre herrscht eine tiefe Kluft“, konstatiert Wojcicki. Spannend findet sie, was man in dieser Grauzone alles sehen könne. „Das, was Menschen auf sozialen Plattformen an Web-Artikeln, die sie angeblich interessieren, mitteilen, steht in großem Gegensatz zu dem, was sie wirklich lesen“, bestätigt Hilary Masen, Chief Scientist bei bit.ly. Kurz skizziert: seriöse Nachrichten versus Schlüpfrigem und Banalem. „Wir wollen uns als Superman darstellen - sind aber doch nur Clark Kent“, lautet ihr nüchternes Fazit.

Die Diskrepanz zwischen Schein und Sein war auch Thema auf der Android Open-Konferenz vergangene Woche in New York City. Dinge zu erschaffen, die Verbraucher unbedingt haben möchten, sei nur möglich, wenn man weiß, was sie wirklich bewegt, glaubt Kelly Goto, Gründerin von Gotomedia, einer Lifestyle Design und Marktforschungsfirma aus San Francisco. Ob ein Smartphone zu diesen bewegenden Dingen zählt, erkennt man auch daran, dass Menschen es aufheben - selbst wenn sie es, weil sie vielleicht ein neues Gerät erworben haben, gar nicht mehr aktiv nutzen. Doch meist fördern herkömmliche Studien solche Vorlieben gar nicht zutage. Echtzeit-Daten dagegen schon.

Fazit der Diskussionen: Privatsphäre und Business ist kein Gegensatz. In den USA vertraut man, wenn es um den Schutz der Privatsphäre geht, auf die Raison der Unternehmen - denn die sorgen schließlich für Wachstum. Eine Einstellung, die sich in Deutschland wohl so schnell nicht durchsetzen wird. Auch nicht, wenn die Münchner Medientage an diesem Freitag zu Ende gehen.

Regulierungs- versus Sammelwut

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