Will lieber seine Umgebung wahrnehmen als das Smartphone-Display: Martin Oetting von Trnd.
Will lieber seine Umgebung wahrnehmen als das Smartphone-Display: Martin Oetting von Trnd. © Foto:Trnd

Filterblase | | von Annette Mattgey

Prominente Aussteiger: Warum sie gerade jetzt Twitter verlassen

Wie eine Befreiung empfand der britische Komiker Stephen Fry den Ausstieg aus Twitter, den er nun vollzogen hat. Seinen Konsum massiv einschränken will auch Martin Oetting, Manager bei der Agentur Trnd, der bislang einen sehr digitalen Lebensstil gepflegt hat, und zwar sehr gerne. Doch das hat sich in jüngster Zeit stark verändert.

"Es ist so, als hätte ich einen Raum verlassen", erklärte der 58-Jährige Brite Fry auf seiner Homepage. "Es ist recht einfach: der Raum hat angefangen zu stinken. Und zwar sehr schlimm." Hintergrund sind Tweets, die den Komiker für einen Spruch bei der britischen Film-Preisverleihung Bafta am Sonntag kritisierten.

Fry hatte dort als Gastgeber die Kostümdesignerin Jenny Beavan mit einer Stadtstreicherin verglichen. Später erklärte er, er sei mit der Künstlerin befreundet und sie hätte seinen Scherz verstanden. Kritik hagelte es dennoch.

Das soziale Netzwerk habe ihm früher sehr viel Spaß bereitet. Mittlerweile sei es aber zu einem Platz für "Scheinheilige und Selbstgerechte" verkommen, "die es lieben zu hinterfragen, voreilige Schlüsse zu ziehen und beleidigt zu sein", erklärte der 58-Jährige. Er fühle sich an diesem Tag wie befreit.

Der Brite hatte Twitter schon mehrfach den Rücken gekehrt. Nach BBC-Angaben löschte Fry 2009 etwa sein Profil, nachdem ein anderer Nutzer seine Einträge als "langweilig" bezeichnet hatte.

Martin Oetting, Experte für Mundpropaganda und Marketing und seit einigen Jahren für die Agentur Trnd in Mailand stationiert, geht es in einem Punkt wie Fry: Er hat den Spaß an der permanenten Beschäftigung mit Social Media verloren - und ist auch um einige Illusionen ärmer.

Sein Verzicht ist allerdings nur ein punktueller: Er hat vor einem Monat die Apps von Facebook, Gmail und Twitter gelöscht und sieht das als "bewusste Entscheidung gegen die Timeline im mobilen Leben", so Oetting gegenüber LEAD digital. Auf dem Desktop bleibt er den Diensten verbunden. Im realen Leben will er sich aber lieber auf das konzentrieren, was ihm vor Augen ist: "Das Problem ist aus meiner Sicht die 'Timeline', die sich ständig aktualisiert. Wenn man sie in der Tasche dabei hat, konkurriert sie ständig mit der physischen 'Timeline', die sich im direkten Umfeld live abspielt. Darin besteht das Problem." Außerdem hat er an sich eine Art Suchtverhalten festgestellt: "Es ist nicht mehr Genuss und Vergnügen, sondern Ausdruck einer eher ungesunden und nicht enden wollenden Gier nach Neuem."

Oettings zweiter Grund hat mit der politischen Lage zu tun und dem Drang, auch hier nichts zu verpassen. Allerdings ist auch das eine Illusion: "Der Blick in die eigene Timeline verschafft einem nie – absolut niemals – einen ernsthaft repräsentativen Eindruck davon, was in Deutschland wirklich los ist, ganz gleich zu welchem Thema. Deswegen kann man ihn hin und wieder auch schlicht bleiben lassen."

Punkt 3 kann wohl jeder gut nachvollziehen - wenn er nicht gerade Sascha Lobo ist: Als Missionar in eigener Sache hat man es ganz schön schwer. Oetting, der sich gerne mit Musik und Kunst beschäftigt, konnte nur wenige seiner Follower für diese Dinge begeistern. "Wenn ich mal auf Dinge verlinke, die mir wirklich am Herzen liegen, passiert meistens gar nichts, es gibt vielleicht 20 Klicks." Und das bei rund 6.800 Followern. Wer die ganze Story von Martin Oetting nachlesen will und wie er die ersten vier Wochen ohne erlebt hat, kann das hier im Omnipolis-Blog tun.

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