Dominik Frings | | von Dominik Frings

Lieber ignorieren statt kommentieren

„Ja, ich könnte“. „Ja, ich könnte“ drückt alles aus, was die deutsche Sprache so charmant und liebenswert macht. Es ist ein wunderschöner Konjunktiv, der andeutet, dass man etwas nicht tut, jedoch mit kleineren Verbiegungen auch genau gegenteilig ausklingen kann. Ja, ich könnte etwas tun, muss es aber nicht. Ja, ich könnte mich äußern und vielleicht mache ich es unter Umständen, wenn ich mich dazu gezwungen sehe.

Ja, ich könnte mich nun auch zu Wort melden, zu den Wirrungen eines betagten Werbers, der Polemik auf die Spitze treibt, was durch ein gerütteltes Maß an Geltungssucht nicht unbedingt besser wird. Ja, ich könnte sehr fein säuberlich Satz für Satz seines W&V-Beitrags "Warum Online-Marketing nicht funktioniert" zerpflücken. Aber wissen Sie was: Ich habe gar keine Lust dazu, denn ich kommentiere auch nicht das Pfeifen der Spatzen von den Dächern. Doch leider gibt es sehr viele, die beifallend klatschen oder ihre Kritik zum Ausdruck bringen. Ersteres ist subjektiv absolut zielführend, denn man verstärkt eine gemeinsame Position. Letzteres ist an Kontraproduktivität kaum zu überbieten, denn es erzielt genau die Wirkung, die erhofft wurde und die so planbar ist, wie das Amen in der Kirche.

Ja, ich könnte auch mal wieder meine kritische Meinung zu Twitter wiedergeben oder andere Reizthemen und es ist nahezu sicher, dass die Welle der Empörung durch die Kommentarfunktionen brandet. Ich lege es aber zumeist nicht drauf an, mich tangiert der Kommentar in der Regel nicht. Selbst bei sehr offenkundigen  Beleidigungen, empfinde ich nicht sonderlich viel persönliche Bestürzung. Wenn Sie wollen, toben Sie sich aus. Gerne auch gleich hier unter diesem Text. Die Wahrscheinlichkeit der eigenen Diskreditierung ist allerdings höher, als dass ich darauf reagiere oder mich getroffen fühle. Das kann man ignorant finden, liegt allerdings in meiner Haltung begründet. Denn meine primäre Motivation ist es, dass ich gerne ein paar blumige Sätze zu meinem Metier schreibe, ansonsten aber ja zu 99 Prozent einer anderen Beschäftigung nachgehe: Nämlich mir in einem wirkungslosen, unkreativen, verabscheuten und nicht zukunftsträchtigen Werbemedium mittels Mediaplanung die Lächerlichkeit meiner eigenen Existenz vor Augen zu führen.

Was angesprochener „Früher war Werbung viel besser“-Prophet so macht, weiß ich nicht. Wäre es aber etwas, das über das Ausleben der eigenen Profilneurosen hinausgeht, dann würde er vermutlich ein wenig anders agieren. Es bliebe allerdings nur ein Sturm im Wasserglas, wenn es niemand kommentieren und diskutieren würde. Und hier ist der Vorwurf an die Internetgemeinde: Seine Meinung unmittelbar kund zu tun ist eine unglaubliche Stärke des Mediums - jeden Quatsch zu kommentieren die größte Schwäche. Wenn es angebracht ist und einen wirklich betrifft und/oder es etwas zu gewinnen gibt, dann sollte jeder dafür kämpfen Gehör zu finden. Wenn aber plötzlich alles skandalisiert oder kontrovers diskutiert wird, dann erhalten Sie ein diffuses Rauschen und es ist keinem geholfen. Sie haben im vorliegenden Fall nichts zu gewinnen und nur Ihre Zeit vergeudet bzw. Ihre Funktion erfüllt. Herzlichen Glückwunsch! Ignoranz ist die höchste Form der Kritik, zumindest im vorliegenden Sachverhalt.

Dominik Frings ist einer der "Digital Leader", einer festen Gruppe von Bloggern, die ab sofort ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreiten. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Lieber ignorieren statt kommentieren

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

(3) Leserkommentare

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht