Beide in lässiger Haltung: LeFloid beim zwanglosen Gespräch mit der Kanzlerin.
Beide in lässiger Haltung: LeFloid beim zwanglosen Gespräch mit der Kanzlerin. © Foto:LeFloid

Marcus Schuler | | von Annette Mattgey

LeFloid als Interviewer: "Mischung aus Lanz und Jauch"

Harsche Kritik muss sich Youtuber Florian Mundt für sein Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel von einigen etablierten Medien gefallen lassen. Der Journalist und Digitalstratege Marcus Schuler, Bayerischer Rundfunk, kann dem Gespräch auch gute Seiten abgewinnen: "Merkel formuliert weniger steif und staatstragend". Seine Analyse.

Inwieweit war LeFloid in diesem Interview die Person, die Jugendliche aus seinen anderen Youtube-Videos kennen?

Natürlich herrscht bei einem Interview mit der wichtigsten Politikerin des Landes eine andere Atmosphäre als alleine vor der Kamera oder mit Gleichgesinnten. Beiden merkt man im Gespräch an, dass sie sich aufeinander einlassen. Merkel formuliert weniger steif und staatstragend, LeFloid ist nicht ganz so zappelig. Ich fand, dass er mehr Florian Mundt, der Psychologiestudent war und daher wirkte er auf mich authentischer – seine Fans würden wahrscheinlich sagen: braver – als in seinen Youtube-Videos, wo er mir zu "berufsjugendlich" ist.

Welchen Gesamteindruck hatten Sie von der Interview-Situation?

LeFloid spricht nicht jeden Tag mit Politikern und interviewt eine Kanzlerin. Deshalb waren von ihm auch keine fein gedrechselten Fragen zu erwarten, mit denen er die Kanzlerin herausfordern konnte. Aber man muss ja zugeben: Das gelingt den meisten etablierten Hauptstadtjournalisten bei der Kanzlerin, charmant formuliert, auch eher selten. Deshalb konnte man auch kein wirklich kritisches Interview erwarten, in dem LeFloid eine Gegenposition einnimmt. Aus diesem Grund dürfte es ihr vermutlich leicht gefallen sein,  sich auf diese "PR-Aktion" einzulassen. Natürlich hätte man sich von LeFloid schon ein bisschen mehr Aufmüpfigkeit erhofft.

Trotzdem: Das Gespräch offenbart einmal mehr, dass junge Menschen ein anderes Verständnis von Politik und jenen haben, die den Politikern auf die Finger schauen sollten. Das sollte uns als Medienmachern - egal ob Print oder elektronische Medien - zu denken geben. LeFloid erreicht mir seinem Kanal auf Youtube mehr als 2,5 Millionen Abonnenten, vorwiegend junge Menschen, die wir mit unseren Angeboten, mit unserer Berichterstattung über Politik und Gesellschaft nur noch schwer erreichen. Und wenn man sieht, wie leidenschaftlich und in welcher Breite in seinem Kanal über Politik diskutiert wird, macht LeFloid irgendetwas sehr richtig, was uns zu oft schwer fällt. 

Ist ihm der Gesprächseinstieg gelungen?

Zum Einstieg fragte LeFloid die Kanzlerin, was für sie "gutes Leben" bedeute. Die Kanzlerin antwortete genau das, was jungen Leuten heute wichtiger denn je scheint:  Dass sie gerne arbeite und das auch noch nach acht Stunden. Mit solch einer Aussage dürfte sie näher am Lebensgefühl der jungen Generation sein als an den heute 30 oder 40jährigen. Aus Sicht eines 25-Jährigen ein gelungener Einstieg und 1:0 für die Kanzlerin.

Konnten Sie einen roten Faden erkennen?

Natürlich wirkten die Fragen ungelenk. Aber dann wär es ja nicht mehr LeFloid gewesen, der das Gespräch führt. Dennoch hat er ganz klassisch wichtige Themen abgearbeitet: Am Anfang ein Gesprächseinstieg mit Fragen an die Privatperson Merkel, weil das viele junge Leute wahrscheinlich zunächst einmal mehr interessiert als die letzte Drehung in der Griechenland-Krise. Und damit signalisierte er ihr auch: Du hast von mir keine harten Fragen zu erwarten. Und danach dann Themen wie Homo-Ehe, NSA, TTIP. Griechenland spart LeFloid klugerweise aus. Vielleicht hat er ja danach gefragt  - das Interview wurde am Freitag aufgezeichnet - sich aber angesichts des Gipfels in Brüssel entschlossen, den Part wegzulassen.

Was unterscheidet LeFloid von einem geschulten Interviewer?

LeFloid gibt nicht den kritischen Frager, der nachhakt oder mal provoziert. Um mit unserer Generation zu sprechen: LeFloid war in dem Gespräch mehr eine Mischung aus Markus Lanz und Günter Jauch. Irgendwie ein bisschen sympathisch, ein bisschen lieb, leicht kritisch, aber ohne weh zu tun.

Hätte der eher mehr oder weniger aus Angela Merkel herausbekommen?

Der Nachrichtenwert des Gesprächs war gleich null. Das war übrigens bei dem Youtuber-Interview mit Barack Obama in den USA vor ein paar Monaten nicht anders. Und doch hatten wir als etablierte Medien Stoff: Nämlich um in der heutigen Nachbetrachtung einmal mehr zu der Feststellung zu gelangen, dass wir a) junge Menschen kaum noch erreichen und b) dass junge Menschen sich nicht so für den politischen Journalismus begeistern, wie wir ihn bislang produzieren. Am Ende des Gesprächs beschleicht uns das Gefühl, dass wir irgendwas falsch machen. Nach wie vor. 

Wie gut hat die Kanzlerin reagiert? Anders als gegenüber einem Journalisten?

Für die Kanzlerin war es ein "liebes" Gespräch. Nett.

Wem hat das Interview mehr genutzt?

Beiden. Es war gute PR für den klugen Florian Mundt, der nun auch seine Reichweite via klassischer Medien weiter ausbauen konnte. Viele Erwachsene, die keine Kinder haben, werden den Namen vorher möglicherweise noch nie gehört haben. Und es war gute PR für eine Kanzlerin, die wegen ihrer "Neuland"-Bemerkung verlacht wurde und jetzt als erste dorthin gegangen ist, wo sie auf einen Schlag Millionen junger Menschen erreicht, an die sie sonst kaum herankommt – und die etablierten Medien übrigens auch nicht. 

Unser aktualisierter Storify zum Thema:

LeFloid als Interviewer: "Mischung aus Lanz und Jauch"

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