Christian Faltin | | von Christian Faltin

Geld aus dem Netz: Die Krauts entdecken die Crowd

Er hat Platz für zwei Personen, ist bis zu 100 Stundenkilometer schnell, soll rund eine Viertel Million Euro kosten und geht in Kürze in die Luft. Die Rede ist vom E-Volo, einem elektrischen Helikopter aus Deutschland mit insgesamt acht Rotoren, der den Individualtransport insbesondere  in Städten revolutionieren soll. Denn den batteriebetriebenen und per Joystick einfach zu steuernden Transport-Hubschrauber kann man theoretisch einfach vor der eigenen Garage landen.

Was nach Science-Fiction klingt, kann demnächst Realität werden. Damit der E-Volo abheben kann, startet er am 27. November auf der Plattform Seedmatch ein eigenes Crowdinvesting-Projekt. Auf Deutsch: Die Gründer des Hubschrauber-Startups suchen Investoren jeder Größenordnung und zwischen 500.000 und 1,2 Millionen Euro Kapital. Nicht über eine Bank, sondern über eine Internet-Plattform.

 

Nimmt man das Interesse am Crowddialog, der vergangene Woche in München stattgefunden hat, als Maßstab, dann hebt demnächst nicht nur der E-Volo ab, sondern auch die deutsche Crowdfunding-Branche. Unter den rund 380 Gästen, die Initiator Michael Gebert versammelte, waren klassische Banken, Investoren für jede Firmenphase, spezialisierte Rechtsanwälte, Startups jeglicher Couleur und aus unterschiedlichsten Branchen und natürlich alle relevanten Crowdfunding/-investing-Unternehmen im deutschen Markt.  

Hier ein kleiner (vielleicht etwas vereinfachter) Überblick über die sehr komplexe Materie:

Beim Crowdfunding finanzieren Unterstützer ein bestimmtes, meist karitatives, soziales oder kreatives Projekt, das ohne den Schwarm sonst vermutlich nicht umgesetzt worden wäre. Wenn es beim Crowdfunding eine Gegenleistung gibt, dann besteht sie meist aus etwas, das normalerweise nicht mit Geld gekauft werden kann. Während es beim Crowdfunding also kein finanzielles Dankeschön gibt, erwarten Geldgeber beim Crowdinvesting eine monetäre Rendite. Interessenten investieren meist in der Frühphase in Startups und erhalten im Gegenzug dafür Anteile. Dabei können sie – je nach Plattform – in der Regel auch kleinere Summen investieren als klassische Investoren oder Business Angel. Durch die Beteiligung werden sie zu Anteilsinhabern des Startups, profitieren von möglichen Gewinnen oder einem späteren Verkauf an einen größeren Investor.

Drei Hauptmotive hat Ivo Blohm von der Universität St. Gallen in einer aktuellen Crowd-Studie ausgemacht, warum Menschen in unterschiedlichsten Vermögenssituationen Geld geben:

1. Altruismus

2. Hedonismus

3. Profitorientierung

Oder anders formuliert: Es investieren zum einen Menschen (in der Szene Mikroinvestoren genannt), die einfach eine gute (meistens soziale) Sache oder Idee unterstützen wollen, ohne dass sie dafür eine Rendite sehen wollen. Zum anderen Menschen, die ein paar Scheine im eigenen Geldbeutel übrig haben und helfen wollen, ein spannendes Projekt, das sie persönlich interessiert, zu realisieren.  Und natürlich gibt es auch „klassische“ Investoren, die für ihr Geld eine Rendite sehen wollen, denen aber auch klar ist, dass Geld für Startups immer auch Risikokapital ist. 

Laut FAZ sind in Deutschland bis dato rund 19 Millionen Euro über den Schwarm eingesammelt worden, knapp 13 Millionen via Crowdinvesting und fast sechs Millionen via Crowdfunding. Glaubt man den Experten, dann soll sich dieser Wert 2014 verdoppeln. Weltweit soll das Volumen in diesem Jahr schon 5,1 Milliarden Dollar umfassen. Und obwohl der Markt finanziell erst mitten in der Entwicklung ist, haben sich unter den vielen Plattformen schon Spezialisten für verschiedene Bereiche und Investmenthöhen gebildet. Hier eine kleine Übersicht für den deutschen Markt (in alphabetischer Reihenfolge und ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Bergfürst: Online-Handelsplatz für Eigenkapitalbeteiligungen, der „Elefant“ unter den Crowdinvesting-Plattformen mit eigener Banklizenz, rund fünf bis zehn Unternehmen pro Jahr suchen fünf bis zehn Millionen Euro Kapital. Bergfürst sammelte gerade von etwa 1.000 Investoren drei Millionen Euro für das Startup Urbanara ein.

Companisto: Nach eigenen Angaben Deutschlands erste Crowdinvesting-Plattform für jedermann, mit  Beteiligungsmöglichkeiten von fünf bis 25.000 Euro. Im September 2013 sammelte das Frozen Joghurt-Startup Wonderpots über Companisto eine halbe Million Euro ein.

Innovestment: Eine auf technologische Innovationen spezialisierte Plattform, sammelt sechsstellige Summen (aufwärts) ein und erzielt nach eigenen Angaben eine Erfolgsquote von zwei Dritteln. 

Kickstarter: Der Marktführer aus den USA finanziert vor allem kreative Projekte und hat laut "FAZ" im vergangenen Jahr 312 Millionen Dollar von Anlegern eingesammelt. Von bisher 124.000 Projekten wurden via Kickstarter rund die Hälfte erfolgreich finanziert.

Seedmatch: Nach eigenen Angaben größte Plattform für Crowdinvesting, in Deutschland, vermittelt Investments zwischen 100.000 und einer Million Euro für Anlagen ab 250 Euro, hat im September 2013 für Foodiesquare, ein Portal für handgemachte Lebensmittel von kleinen Manufakturen, knapp 434.000 Euro aufgetrieben.

Startnext: Die nach eigenen Angaben größte Crowdfunding-Community in Deutschland für kreative Projekte (z.B. Spiele, Musik, Bücher, Filme, Mode uvm.), hat seit 2010 über 7 Millionen Euro für rund 1200 Projekte von der Crowd finanzieren lassen, z.B. auch über 125.000 Euro für den Störsender des kürzlich verstorbenen Kabarettisten Dieter Hildebrandt

Zusätzlich zu Crowdfunding und –investing gibt es auch noch Peer-to-Peer-Lending. Dabei leihen sich Privatleute gegenseitig Geld zu vereinbarten Konditionen, die in der Regel besser sind als die klassischer Banken. Gesucht werden Finanziers für Konsumentenkredite, die in der Regel zwischen 1.000 und 25.000 Euro liegen und zwischen einem und fünf Jahre lang laufen. Dabei bleibt das Verhältnis zwischen Kreditnehmer und Kreditgeber anonym. Der deutsche Marktführer für diese Art der Finanzierung ist Auxmoney

Oliver Gajda, Chairman des European Crowdfunding Network, prophezeite den Anbietern auf dem Crowddialog  trotz des Marktwachstums keine allzu rosige Zukunft. Noch habe es kein Crowdinvestor oder –funder geschafft, eine wahrnehmbare Marke aufzubauen. „Außerdem gibt es keine Plattform in Deutschland, die europäisch denkt“, sagte Gajda, und die Konkurrenz aus dem Ausland sähe sich den deutschen Markt bereits genau an. Gajdas Voraussage: „Es wird langfristig nur eine Plattform in Deutschland geben.“ Aber bevor die Marktbereinigung kommt, muss der Markt erst einmal Fahrt aufnehmen.

Mein persönliches Fazit: Auch wenn das derzeit über Crowdinvesting & Co. umgesetzte Finanzierungsvolumen lächerlich gering ist verglichen mit den Kreditvolumina klassischer Banken, könnte das Web in den kommenden Jahren der nächsten Branche wirklich Beine machen. Und mit dem Crowddialog hat eine Branchenveranstaltung Premiere gefeiert, die das Potential zum Marktführer in diesem Bereich besitzt. Fehlt nur noch ein vernünftiges Gattungsmarketing in Deutschland für das Crowdfunding und -investing als solches.   

PS: Der elektrische Helikopter hat es geschafft, innerhalb von 24 Std. eine Dreiviertelmillion Euro einzusammmeln (siehe Seedmatch.de)

Christian Faltin, Gründer und Geschäftsführer der Münchner Kommunikationsagentur Cocodibu, ist einer der "Digital Leader", einem Kreis ausgewählter Branchen-Blogger, die ihre Analysen und Kommentare via LEAD digital verbreiten. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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