Jugendliche im Web | | von David Philippe

Facebook ist kein Synonym für Social Media

In einem aufschlussreichen Beitrag bei Adage schrieb Victor Pineiro über seine Erfahrungen mit Achtklässlern, denen er Content Marketing erklären wollte. In den USA wohlgemerkt.

Nachdem er zunächst einmal gemeinsam mit den 120 Schülern ein fiktives Produkt entwarf (ChocoMunch), wurde schnell klar, dass Magazine, Zeitung und Radio nicht die Medien sind, um Achtklässler zu erreichen. TV sahen etwa die Hälfte der Schüler regelmäßig. Hier würde ich auch für Deutschland Parallelen ziehen, was den Medienkonsum von Jugendlichen angeht.

Interessant wurde es aber, als ein Schüler anmerkte, dass sie gar keine Werbung im Fernsehen mitbekommen. Die meisten spulen auf ihren DVR-Geräten die Werbung einfach vor oder nutzen die Zeit dann, um sich ihrem Smartphone oder Tablet zu widmen. Auch das ein Verhalten, das ich für Jugendliche in Deutschland als normal betrachten würde.

Wie also erreicht man die Jugendlichen, wenn Print, Radio und TV keine große Rolle spielen? Die Antwort der Schüler war natürlich: Das Internet. Übrigens nicht Social Media oder Social Web oder Web 2.0. Sie nannten es schlicht „Das Internet“.

Instagram auf Platz 1 – Facebook letzter?

Pineiro wartete natürlich nur auf diese Schlussfolgerung und fragte, wo die 120 Schüler denn im Internet anzutreffen wären. Wo sie sich herumtrieben. Die Antwort finde ich bemerkenswert: 115 Schüler sind auf Instagram, 85 auf Twitter, 85 auf Vine, 80 auf Snapchat und 2 auf Facebook unterwegs.

Nun sind das natürlich Jugendliche aus den USA, die in ihrer Nutzung der Plattformen im Internet durchaus sehr anders sind als ihre Altersgenossen in Deutschland. Ich bin relativ sicher, dass hierzulande Twitter nicht auf dem zweiten Platz läge, wenn man 120 Jugendliche einer achten Klasse fragt, in welchen Netzwerken sie aktiv sind. Und Vine käme vermutlich ebenfalls weniger vor.

Instagram auf Platz 1 kann ich mir hingegen gut vorstellen. Ob sich Snapchat in Deutschland bei Teenagern bereits so sehr verbreitet hat, weiß ich nicht. Ganz sicher bin ich mir aber, dass mehr als 2 von 120 Schülern in Deutschland auf Facebook aktiv sind. Nicht sicher hingegen, ob es mehr als 50 sein werden.
Immer wieder hört man, dass die Jugendlichen kein Interesse mehr an Facebook haben. Sie tauschen sich anscheinend lieber via WhatsApp oder Snapchat aus. Nutzen Alternativen, weil sie – so die Meinung – kein Interesse an der sehr werbelastigen Plattform Facebook und den Kontakt mit Eltern (und teilweise Großeltern) dort haben.

Ich habe in meinem Bekannten- und Verwandten-Umfeld in der „jungen Zielgruppe“ mal nachgefragt, wie es dort aussieht. Welche Plattformen nutzen sie? Tatsächlich waren Instagram und WhatsApp deutlich vor Facebook. Doch war meine Grundgesamtheit dieser Privatempirie sehr klein und keinesfalls repräsentativ. Und doch deckt sich das mit einer Beobachtung, die nicht nur ich zu machen scheine.

Machte es sich Facebook zu einfach?

Konnte man vor zwei Jahren Jugendliche noch sehr gut und verhältnismäßig einfach auf Facebook erreichen – und zwar in Massen – so ist das mittlerweile gar nicht mehr so leicht. Natürlich spielt da sicher auch die Überarbeitung des Algorithmus auf Facebook eine Rolle, aber nicht nur.

Im Moment erreicht man Jugendliche aber immer noch leichter über Facebook als über andere Kanäle. Dennoch sollten wir uns spätestens jetzt Gedanken machen, welche Alternativen es gibt. Nicht als Plattform, sondern als Kommunikationsform. Auf Facebook gibt es die breite Ansprache der Masse. Wir können aber auch eine sehr spitze Zielgruppe auf anderen Plattformen ansprechen. Viele machen es bereits oder fangen zumindest damit an. Dabei müssen es nicht immer Instagram und Pinterest sein, sondern irgendeine Plattform, auf der die Zielgruppe erreicht werden kann. Das ist nichts Neues! Ich lernte es bereits im Studium aus Büchern, die vor noch viel längerer Zeit geschrieben wurden.

Ich habe jedoch häufig den Eindruck, dass hierzulande Facebook immer noch synonym für Social Media steht. Man betreibt Facebook-Seiten und gibt sich damit dann zufrieden. Was ist mit der Zielgruppenanalyse? Ich versuche, meine Pressemitteilung über die neue Tomatensorte nicht im HiFi-Fachmagazin zu platzieren, sondern dort, wo die passende Zielgruppe sie auch lesen wird. Warum konzentriert man sich online dann so oft lediglich auf Facebook? Klar ist eine (positive) Erwähnung in der Bild-Zeitung mit einer großen Reichweite verbunden. Aber ist es sinnvoll, nur dort erwähnt zu werden? Oder sollte man sich auch den Fachmedien zuwenden?

Ist der Begriff „Social Media“ überholt?

Einen letzten Punkt fand ich ebenfalls sehr interessant. Die Jugendlichen, sowohl in den USA als auch in meiner kleinen Privatstudie, haben den Begriff „Social Media“ nicht benutzt. Und ich vermute, viele da draußen, außerhalb unserer Filter Bubble, nutzen den Begriff ebenfalls nicht. Sie nennen es „Internet“. Ist der Begriff „Social Media“ also schon überholt?

Die Antwort, die ich darauf fand war ein entschiedenes „Jein“. Ja, er ist überholt, weil „Social Media“ mittlerweile so integriert in die Otto-Normal-Nutzung des Internets ist. Gleichzeitig aber auch nein, weil ich immer noch mit Menschen spreche, die froh sind, „Social Media“ erkannt und für sich entdeckt zu haben. Wenn ich da jetzt hingehe und plötzlich alles als Internet bezeichne... Ihr könnt es euch denken.

Wenn ich die Zeit hätte, würde ich das „Experiment“ von Pineiro gerne in deutschen Schulen wiederholen. Die Ergebnisse wären sicher spannend.

David Philippe ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Facebook ist kein Synonym für Social Media

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

(3) Leserkommentare

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht