Svenja Teichmann, Crowdmedia: "Die Politik hat die Veränderung der Kommunikation durch die Digitalisierung kolossal verschlafen."
Svenja Teichmann, Crowdmedia: "Die Politik hat die Veränderung der Kommunikation durch die Digitalisierung kolossal verschlafen." © Foto:Stefan Groenveld

Svenja Teichmann | | von Svenja Teichmann

Das Versagen der Politik in der digitalen Kommunikation hilft der AfD

Aktuell höre ich Umfragewerte nicht gern. Denn egal, ob die Sonntagsfrage zu Landtagswahlen oder der Bundestagswahl gestellt wird, die AfD landet immer öfter im zweistelligen Bereich. Im Osten war man an diese Werte schon fast gewöhnt, umso erschrockener war ich, dieses Ergebnis für unser weltoffenes Hamburg zu hören: 13 Prozent. Das bedeutet, dass die AfD in nur einem Jahr um 8 Prozentpunkte zugelegt hätte. (Wahlergebnis Bürgerschaftswahl 15.02.2015: AFD 6,1 Prozent).

Da wir im letzten Jahr bei Crowdmedia den Online-Wahlkampf für die FDP Hamburg durchgeführt haben, folge ich seitdem vielen lokalen Parteien und Politikern. Gerade in meiner eigenen Stadt bin ich bei regionalen Themen nah dran und natürlich prägte auch hier die Flüchtlingssituation die mediale Debatte der letzten Monate. In vielen Facebook-Gruppen lese ich mit und engagierte mich einige wenige Male selbst bei der Kleiderkammer Messehallen (Hanseatic Help e.V.) oder dem Teemobil. Meine eigenen Beobachtungen, Eindrücke und Meinung teilte und diskutierte ich mit verschiedenen Menschen (die ja alle derselben Peer Group angehören) und im großen und ganzen waren sich alle einig:

  • "viel Dialog und Kommunikation in sozialen Medien, aber leider ohne Beteiligung der Politik"
  • "dass die Bürgerschaft (das Hamburger Parlament) mit der Organisation überrollt und damit überfordert wurde, ist total verständlich. Ich hätte mir gewünscht, dass sie das auch mal sagen"
  • "fühlt sich so an, als ob Politik und Bürger sich in zwei getrennten Welten für die Stadt engagieren"
  • "hätte mir von Olaf Scholz mehr Ehrlichkeit und Authentizität gewünscht"
  • "sie (die Politiker) müssen nicht auf alles Antworten haben, aber sie müssen mir das Gefühl geben, sich den Dingen anzunehmen und ehrlich zu berichten"

Wenn das schon diejenigen sagen, die sich selbst für das Thema (Flüchtlingssituation) interessieren und eher offen eingestellt sind, liegt die Vermutung nahe, dass die Politik es versäumt hat, die Bürger in dieser herausfordernden Situation kommunikativ zu erreichen. Im schlimmsten Fall geschehen zwei Sachen: die Politik erreicht die Menschen nicht mehr, die eigentlich wollen würden und treibt eine andere Gruppe von Menschen in die Hände von Rechtspopulisten, die in dieser Situation erfolgreicher mit Botschaften und Kommunikationskanälen sind. Das wäre meine eigene (und sehr subjektive) Erklärung für die + 8 Prozent der AfD in Hamburg. Kann man diese Beobachtung auf die Kommunikationsarbeit der Politik allgemein in Deutschland übertragen?

Wie steht es um die Digitalisierung der politischen Kommunikation?

Meine persönliche Meinung: Die Politik hat die Veränderung der Kommunikation durch die Digitalisierung kolossal verschlafen.
Was ich damit meine? Eigentlich all das, was im Cluetrain-Manifest steht. Das Cluetrain-Manifest sind 95 Thesen (veröffentlicht 2002!), die sich mit dem Verhältnis von Unternehmen und ihren Kunden im Zeitalter des Internets befassen. Eine Auswahl:

"
  • Märkte sind Gespräche.
  • Die Märkte bestehen aus Menschen, nicht aus demographischen Segmenten.
  • Gespräche zwischen Menschen klingen menschlich. Sie werden in einer menschlichen Stimme geführt.
  • Ob es darum geht, Informationen oder Meinungen auszutauschen, Standpunkte zu vertreten, zu argumentieren oder Anekdoten zu verbreiten - die menschliche Stimme ist offen, natürlich und unprätentiös.
  • Menschen erkennen sich am Klang dieser Stimme.
  • Das Internet ermöglicht Gespräche zwischen Menschen, die im Zeitalter der Massenmedien unmöglich waren.
  • Hyperlinks untergraben Hierarchien.
  • Sowohl in intervernetzten Märkten als auch in intravernetzten Unternehmen sprechen Menschen miteinander auf eine machtvolle neue Art.
  • Diese vernetzten Gespräche ermöglichen es, daß sich machtvolle neue Formen sozialer Organisation und des Austauschs von Wissen entfalten.
  • Als Resultat dieser Entwicklung werden Märkte intelligenter, besser informiert und besser organisiert. Die Teilnahme an den vernetzten Märkten verändert die Menschen grundlegend.
"

Quelle: http://www.cluetrain.com/auf-deutsch.html

Ersetze "Märkte" durch "Politik" und es passt fast perfekt. Es reicht eben nicht mehr, eine Facebook-Seite oder einen Twitter-Kanal zu eröffnen, sondern es geht um Nutzer-Orientierung: "Was interessiert die Nutzer?" – "Wie kann ich ihnen helfen?"– "Wie liefere ich einen Mehrwert?". Wenn ich mir heute die politische Kommunikation ansehe, geht es eigentlich nur um "was möchte ich über mich als PolitikerIn oder meine Partei sagen?" und "was machen die anderen schlecht". In sozialen Netzwerken werden dann gerne Pressemitteilungen oder Medienberichte geteilt. Eine menschliche oder authentische Tonalität vermisse ich größtenteils. Hinzu kommt, dass wesentliche digitale Kommunikations- & Targetingmöglichkeiten heute nahezu ungenutzt bleiben. Schon längst erreicht man nicht mehr alle mit einer Botschaft.

All das, wo sich Marken und Unternehmen in den letzten Jahren in Sachen Social Media und Online Kommunikation weiterentwickelt haben und heute ganz anders aufgestellt sind, Stichwort: "Service ist das neue Marketing", "content is king" etc., ist anscheinend zu großen Teilen an der Politik komplett vorbeigegangen.

Das größte Versäumnis findet meines Erachtens bei authentischer und spontaner Kommunikation statt – insbesondere bei Botschaften, die Fehler eingestehen oder Unsicherheit zeigen. Hier sehen wir heute weitestgehend die alte Welt der Kommunikation mit Hochglanzbildern, geskripteten Interviews und aufwendig gestalteten Kommunikationsmitteln.

Rühmliche Ausnahmen: Hannelore Kraft und Christian Lindner

Bei all der Aufzählung, was ich heute vermisse, zeigen dagegen einige Beispiele aus der kürzeren Vergangenheit, dass es anscheinend doch möglich ist, nutzerorientiert zu kommunizieren - und dies auch ankommt:

Die Bundesregierung wird von allen Seiten über die Art und Weise ihrer Kommunikation und Tonalität gefeiert. Gut, dass das dann 120.000 Euro an Beratungsleistung gekostet haben soll, steht auf einem anderen Blatt.

Die Wutrede von Christian Lindner hat es geschafft, sich viral zu verbreiten. Allein das auf der Website der "Welt" hochgeladene Video  wurde fast 600.000 Mal geklickt. Ob geplant oder spontan spielt dann auch keine Rolle mehr, wenn es die Menschen erreicht. Lindner hat offensichtlich inhaltlich einen Nerv getroffen. Hannelore Kraft überrascht mit einem Vlog und zeigt wie nahbar semi-professionelle Kommunikation sein kann.

Aktuell sind diese Beispiele noch rar oder zufällig (Merkel konfrontiert mit weinendem Flüchtlingsmädchen) und werden häufig in erster Linie von Kommunikationsexperten und den einigen Partei-Anhängern wahrgenommen, aber ich bin optimistisch, dass das genau der Weg sein muss, um wieder mehr Menschen mit politischen Themen zu erreichen. Jan Böhmermann und Anja Reschke zeig(t)en sehr gut, dass politische Botschaften das Zeug haben, viele Menschen da draußen im Netz zu erreichen.

Es muss auch nicht jede Botschaft einen viralen Effekt hinlegen

Am Ende zählt das kontinuierliche Erreichen von einem Großteil der Menschen in unserem Land. Da darf und soll auch experimentiert werden, wenn beispielsweise Angela Merkel ein Interview bei Youtube-Star Le Floid gibt und damit versucht, eine ganz neue junge Zielgruppe zu erreichen.

Neben Social Media und der Content-Marketing-Strategie stellt sich die Frage, inwieweit Online-Medien ihren Anteil vom Kuchen der Wahlkampbudgets erhalten.

Jemand aus einem regionalem Medienunternehmen sagte kürzlich: "Die Budgets werden auch noch schön weiter ins Print-Business fließen. Viel zu groß ist die Angst bei Kürzung der Media-Ausgaben, plötzlich nicht mehr Teil der Berichterstattung zu sein." Auf die Frage, ob die Angst denn berechtigt sei, erhielt ich leider keine Antwort.

Wir als Gesellschaft verlieren

Die beschriebene Situation könnte jetzt das Pech einer Branche sein, die es nicht schafft, sich den Veränderungen durch die Digitale Transformation zu stellen. Einige Player schaffen es und andere eben nicht (vgl. Versand(Handel) und E-Commerce). Leider ist das Ergebnis schlimmer und natürlich nicht mit der freien Wirtschaft zu vergleichen: Parteien oder Gruppierungen, wie die AfD/ PEGIDA machen sich die neuen Kommunikationsmöglichkeiten zunutze und gewinnen dadurch erst an Bedeutung. Gleichzeitig profitieren sie von Politikverdrossenheit und schlechter Wahlbeteiligung und am Ende ist unsere Demokratie und freie Gesellschaft in Gefahr, ohne dass jemand es richtig mitbekommen hat. Dies geschieht ausgerechnet in einer Zeit, in der es durch das Internet aus technischen und monetären Gesichtspunkten nie einfacher war, sich zu verbinden, zu kommunizieren und zu diskutieren. Dies sollte eigentlich die Paradedisziplin der Politik sein und gerade das Gegenteil ist der Fall. Das ist das eigentliche Armutszeugnis der heutigen politischen Kommunikation der politischen Parteien in Deutschland.

Svenja Teichmann, Gründerin und Geschäftsführerin der Agentur Crowdmedia, ist einer der "Digital Leader", die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreiten. Mehr zur Autorin und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Das Versagen der Politik in der digitalen Kommunikation hilft der AfD

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

Leserkommentar

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht