Mahan Shahi, Managing Director des Berliner Meltwater-Büros.
Mahan Shahi, Managing Director des Berliner Meltwater-Büros. © Foto:Meltwalter

Interview | | von Annette Mattgey

4 Mio. Postings: Das Social Web wird in Frankreich zur Wahlkampfbühne

Am Sonntag wählen die Franzosen im ersten Wahlgang zwei Präsidentschaftskandidaten für die Stichwahl Anfang Mai. Der Anbieter für Media-Intelligence-Lösungen, Meltwater, hat über den Zeitraum der letzten vier Monate analysiert, wie französische Medien und User die vier Spitzenkandidaten besprechen und bewerten. Dafür greift Meltwater auf einen internationalen Online-Quellenpool sowie eine Pressedatenbank zurück, die 270.000 digitale Nachrichtenquellen sowie die Print-Ausgaben ausgewählter Verlagshäuser umfasst. Mit LEAD digital sprach Mahan Shahi, Managing Director des Berliner Büros, über die Rolle des Social Web im Wahlkampf und ob klassische Meinungsumfragen noch zeitgemäß sind.

Infografik: Knappes Rennen zwischen Macron und Le Pen erwartet | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Herr Shahi, haben klassische Meinungsumfragen vor Wahlen ausgedient?

Ich denke, auch in Zeiten von Social Media sind Umfragen weiterhin ein mächtiges Werkzeug, um Tendenzen innerhalb der Bevölkerung zu ermitteln. Aber: Volksentscheide wie der Brexit und die US-Wahlen, bei denen Donald Trump als überraschender Sieger hervorging, haben gezeigt, dass wir solche Prognosen mit Vorsicht genießen müssen.

Als Konsequenz daraus hat die Pariser Zeitung "Le Parisien" im Januar angekündigt, im französischen Präsidentschaftswahlkampf 2017 gänzlich auf die Erhebung eigener Meinungsumfragen zu verzichten.

Diese radikale Distanzierung von Wahlumfragen kann aber auch nicht die Lösung sein. Wir empfehlen Kunden, die ein zuverlässiges und ganzheitliches Meinungsbild (beispielsweise bezüglich ihrer Produkte) brauchen, immer eine Kombination aus klassischen Meinungsumfragen und Social-Media-Monitoring. Die Aussagen direkt aus dem Social Web sind wertneutral, da sich die User, wenn sie hier ihre Meinung äußern, nicht in einer Umfragesituation befinden. Dadurch erhält man einen breiten Datensatz, der ein klareres Bild zeichnet.

Welche Schlüsse lässt die Meltwater-Infografik (siehe unten) für den Wahlausgang am Sonntag zu? Verrät sie einen Gewinner?

Einen Wahlsieger können wir nicht vorhersagen. Gerade bei komplexen Vorgängen wie einer politischen Wahl spielen viele gesellschaftliche Faktoren eine entscheidende Rolle. Wir können jedoch ablesen, wie User im Social Web und Redakteure in Zeitschriften die Parteien und ihre Kandidaten besprechen und kommunikativ einordnen.

Unsere Infografik zeigt, dass François Fillon, Präsidentschaftskandidat der Partei "Les Republicains",  sowohl im Social Web als auch in klassischen Medien die stärkste Berichterstattung erhält.

Das ist besonders im Hinblick auf die Ergebnisse der Wahlumfragen spannend. Diese sehen vor allem Emmanuel Macron und Marine Le Pen als Favoriten. Wir dürfen also gespannt sein, welchen Einfluss die mediale Präsenz in klassischen Medien und im Social Web auf die Wählerstimmen hat.

Lassen sich aktuelle Trends im digitalen Wahlkampf erkennen?

In Europa setzt sich gerade fort, was Barack Obama bereits 2008 während seines beeindruckenden Online-Wahlkampfes gestartet hat: Politische Wahlen werden zu digitalen Ereignissen. Das beweist auch ein Blick auf die vier französischen Spitzenkandidaten, die durch die Bank weg sehr stark im Social Web vertreten sind. Durch individuelle Kampagnen-Hashtags zeigen sie, dass sie die Mechanismen unserer digitalen Gesellschaft verstanden haben und diese zur Mobilisierung ihrer Wählerschaft nutzen.

Besonders spannend ist übrigens der Blick auf die Kampagnen-Hashtags: Während Marine Le Pen (Front National, #Marine2017) und Emmanuel Macron (En Marche!, #MacronPrésident) beide sehr personenbezogene Hashtags gewählt haben, setzt Jean-Luc Mélenchon mit #LaForceDuPeuple auf einen Hashtag der an die demokratischen Grundsätze Frankreichs appelliert.

Die 4 Kandidaten sind alle stark im Social Web.
4 Mio. Postings: Das Social Web wird in Frankreich zur Wahlkampfbühne

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!