Microsoft wird sozial: Was hinter der neuen Plattform So.cl wirklich steckt
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Eric Kubitz | | von Annette Mattgey

Microsoft wird sozial: Was hinter der neuen Plattform So.cl wirklich steckt

Suchen wird sozialer, wei├č Eric Kubitz, Gesch├Ąftsf├╝hrer der Contentmanufaktur und erfahrener SEO-Experte. Darum ist das neue Netzwerk So.cl f├╝r Microsoft strategisch wichtig. Unternehmen k├Ânnen sich dagegen gelassen zur├╝cklehnen. So.cl erfordert keine neue Strategie  - es gilt der gleiche Rat wie f├╝r Facebook und G+: relevante Inhalte.

Text: Eric Kubitz

Nun also "So.cl". Am Dienstag ├Âffnete Microsoft sein Social Network geradezu heimlich f├╝r die ├ľffentlichkeit. Gestartet ist der Dienst vor einem halben Jahr als Studenten-Netzwerk, jetzt darf jeder rein. Doch der Start auf dem Campus ist wohl die einzige Parallele, die Microsoft zu Facebook ziehen m├Âchte. Denn selten hat sich der Software-Konzern so dem├╝tig und zur├╝ckhaltend gezeigt. Nicht einmal eine offizielle Mitteilung wurde zum Start verschickt, es bleibt den Usern ├╝berlassen, selbst schlau daraus zu werden. Bisher begr├╝ndete Microsoft die Existenzberechtigung von So.cl studentisch: Die User k├Ânnen dort Gemeinschaften bilden, miteinander lernen, Recherchen und Bilder miteinander teilen. Klar, das k├Ânnten sie auch auf Facebook, aber auf So.cl nach den Pl├Ąnen aus Redmond besser. Wobei noch eine Menge Bugs und fehlende Funktionen an der Begeisterung der Studenten f├╝r So.cl zweifeln lassen.

Das User-Frontend ist in der Tat sehr schlank und schick - doch nach jahrelanger ├ťbung mit dem immer ├╝ppiger werdenden Facebook ist man geradezu misstrauisch gegen├╝ber einer derart ├╝bersichtlichen Benutzerf├╝hrung. Der Funktionsumfang ist noch sehr gering und liegt irgendwo zwischen Bing-Bildersuche und den allerersten Google+ Funktionen - doch ohne Circles und Picasa. Auf den ersten Blick verbl├╝ffend ist, dass sich die neuen User auch per Facebook-Connect anmelden k├Ânnen. Das kann man entweder clever nennen - weil man dadurch vom Start weg auf die gr├Â├čte Login-Gemeinde der Welt zugreifen kann. Oder man nennt es dem├╝tig. Und Microsoft hat guten Grund, dem├╝tig zu sein: Hat man nicht erst die Suche von Bing eng mit dem Netzwerk von Facebook verzahnt? Die Vorschl├Ąge und Empfehlungen der Facebook-Freunde sollen dort die Suchergebnisse bei Bing verbessern. Eine strategische Kooperation, mit der man bei der Suche gegen Google punkten m├Âchte. Denn dort kann die Verbindung zwischen Suche und Social Network viel weiter gehen - da alle Daten aus dem gleichen Datenzentrum kommen.

Doch, wenn die Kooperation mit Facebook steht, warum tut sich Microsoft dann den Aufbau einer Community an? Wo doch bei Google zu erkennen ist, wie schwer dies sein kann. Warum nicht einfach auf die Verzahnung mit Facebook setzen? Soll  So.cl eine Backup-Variante sein, f├╝r den Fall, dass sich die Freundschaft zwischen den beiden Internet-Konzernen eintr├╝bt? Ich denke, es steckt mehr dahinter. Denn mit einem eigenen Netzwerk erf├Ąhrt Microsoft mehr ├╝ber die Fragen und W├╝nsche der Benutzer, als man ├╝ber den Partner Facebook jemals erfahren w├╝rden.  

Auff├Ąllig bei So.cl ist n├Ąmlich die starke Integration der Suche ins Soziale Netz. W├Ąhrend man sogar beim Suchgiganten Google ├╝ber dem Nachrichtenstream nur eine rudiment├Ąre Suchfunktion in den Postings von Google+ findet, bietet So.cl eine vollst├Ąndige Bing-Suche, mit der fast automatisch die gefundenen Webseiten empfohlen und damit auch gespeichert werden k├Ânnen. Fast ebenso prominent ist ein kleines Bookmarklet mit dem Titel "Share on So.cl", das man per Drag & Drop dazu verwenden kann, interessante Webseiten zu empfehlen. Und die Frage in den Einstellungen, So.cl als Browsersuche zu verwenden zeugt von gro├čem Such-Selbstbewusstsein. Ganz offensichtlich soll Microsofts j├╝ngster Dienst vor allem dem Bewerten von Webseiten dienen.

Und genau das ist es auch, was die Verbindung zwischen Social Network und Suche strategisch so wichtig macht: Die Suchmaschinen brauchen die soziale Suche - und zwar dringend. Denn die Communities eignen sich m├Âglicherweise nicht zum Geld verdienen. Doch als Erg├Ąnzung f├╝r die lukrativen Suchmaschinen sind sie Gold wert.

Die Empfehlungen von Freunden k├Ânnten zum Schl├╝ssel f├╝r die Suchergebnisse werden. Aus zwei Gr├╝nden:

1. Empfehlungen sind heute vertrauensw├╝rdiger als Links in Suchmaschinen
Die Idee, die Larry Page und Sergey Brin 1998 hatten, war es, die Ergebnisse ihrer Suchmaschine nicht nur an dem Inhalt der Webseiten zu messen, sondern vor allem an den Verlinkungen anderer Seiten. Denn deren Webmaster w├╝rden schon wissen, was vertrauensw├╝rdiger und guter Inhalt sei. Je mehr Links eine Seite hatte, umso besser wird sie sein.
Das hat in den vergangenen Jahren allerdings zu einer Link-├ľkonomie gef├╝hrt, bei der h├Ąufig nur diejenigen gute Platzierungen aufweisen, die sich die meisten Links beschaffen k├Ânnen. Unabh├Ąngig davon, wie gut der Content auf der Seite ist. Alle gro├čen Google-Updates der letzten Jahre zielten deshalb darauf ab, diesen Fehler im System mit allen m├Âglichen Mitteln zu korrigieren. Und nun kommen die starken Communities ins Spiel. Denn w├Ąhrend noch vor wenigen Jahren  nur die Betreiber von Webseiten Links erstellen konnten, ist heute jeder ein potentieller Publisher von Bildern, Videos und eben auch Links.
Was liegt also n├Ąher, als den so genannten Link-Graph zumindest teilweise durch einen Social-Graph zu ersetzen? Facebook und Twitter liefern daf├╝r schon jetzt Daten. Doch die sind f├╝r die Betreiber von Suchmaschinen nicht ausreichend. Man kann daran zwar erkennen, wie oft eine Seite geshared oder per Tweet verbreitet wurde - doch man wei├č wieder nicht viel dar├╝ber, wie vertrauensw├╝rdig der Sender dieses Shares ist. Und schon jetzt ist der Spam in Facebook und Twitter betr├Ąchtlich. Also: Nur mit einem eigenen Netzwerk kann man die Benutzer und damit auch ihre Empfehlungen richtig einsch├Ątzen.

2. Durch User lernen Suchmaschinen die Webseiten besser kennen
Au├čerdem erhoffen sich die Suchmaschinen-Betreiber mit Google+ und So.cl mehr Erkenntnisse f├╝r die semantische Suche, die Google zuletzt mit dem "Knowledge Graph" wieder ins Spiel gebracht. Man kann dies als gro├če Sehnsucht begreifen, dass Maschinen etwas mehr so denken k├Ânnen wie ein Mensch. Was hat der User gerade mit "Golf" gemeint? Das Auto? Die Sportart? Den Golf von Mexiko? Und wie kann man die Klammern erkennen, die die Begriffe "Berlin", "Paris" und "London" zusammen halten? Da versagt derzeit jeder Algorithmus. Doch wenn man Internet-Usern bei ihren Streifz├╝gen durch das Internet ├╝ber die Schulter schauen kann, werden Muster erkennbar, die besuchten Webseiten werden zu einem Teil dieses Musters. Und die Semantic Search ist wieder ein Schritt n├Ąher gekommen.
 
Deshalb nun alles auf So.cl?
Die Social Networks von Google und Microsoft sind bei aller Skepsis also zum Gewinnen verdammt. Keiner der beiden kann es sich leisten darauf zu verzichten. Sollte man als Unternehmer also m├Âglichst schnell neben Facebook, Twitter und Google+ auch in Microsofts Community Pr├Ąsenz zeigen? Ich denke nein! Denn noch wirkt der Dienst zu hei├č gestrickt und ziellos. Microsoft wird zwar alles daran setzen, zumindest mit Google+ gleich zu ziehen. Doch der Konzern muss erst noch beweisen, dass er das auch schaffen kann. Wenn nicht, wird So.cl m├Âglicherweise auf die Suche einen unverh├Ąltnism├Ą├čig gro├čen Einfluss haben. Allerdings nur auf Bing, und dessen Relevanz f├╝r den deutschen Markt ist sehr gering.
In jedem Fall ist So.cl eine sehr gute Erinnerung daran, was wirklich z├Ąhlt: Gro├če wie kleine Marken und Unternehmen sollten sich darauf besinnen, mit tollen Inhalten ihre Basis an Fans und Followern st├Ąndig zu vergr├Â├čern, sie zu Markenbotschattern machen. Denn selbst, wenn mit Communities kein direkter Umsatz m├Âglich ist: Search wird immer st├Ąrker auf Social setzen. Und eine gute Sichtbarkeit in den Suchmaschinen ist heute bekanntlich ├╝berlebenswichtig.  

So sieht die Suche bei So.cl aus:

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