Wie Erotik den E-Book-Markt auf Touren bringt
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Shades of Grey | | von Frank Zimmer

Wie Erotik den E-Book-Markt auf Touren bringt

Wer oder was verhilft dem E-Book endgültig zum Durchbruch? Amazon oder doch Apple? Darüber wird gerne in der Branche diskutiert. Dabei ist die Antwort doch so einfach. Sie lautet: Sex. Bernd Graff hat darüber einen lesenswerten Artikel im Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlicht. Seine These: Sex hat seit jeher die Medienindustrie vorangetrieben. Die erotischen Bücher von Pietro Aretino und Francois Rabelais stimulierten im 16. Jahrhundert das, was wir heute Print-Markt nennen. Obszöne Feldpost im Amerikanischen Bürgerkrieg unterstützte 300 Jahre später den Siegeszug der Fotografie und was Tutti-Frutti-TV und ähnliche Formate für das Privatfernsehen geleistet haben, das weiß nicht nur Hugo Egon Balder. Für die Internetwirtschaft des frühen 21. Jahrhunderts schließlich dürfte Erotik so wichtig sein wie die Automobilindustrie für das deutsche Bruttosozialprodukt.

Der amerikanische E-Book-Markt profitiert gerade vom Sado-Maso-Bestseller "Shades of Grey". Die Trilogie der bis dato unbekannten Autorin E.L. James (eine Art Joanne K. Rowling der Hardcore-Literatur) hat sich binnen sechs Wochen über 10 Millionen Mal verkauft und auch die deutsche "Bild"-Zeitung in Vorabdruck-Ekstase versetzt. Das besondere daran: Das 1200-Seiten-Opus verkauft sich als E-Book besser als in gedruckter Form. "Shades of Grey" wird überwiegend auf elektronischen Lesegeräten konsumiert (mehrheitlich von Frauen übrigens). Kindle und iPad bieten hier den Vorteil diskreter Beschaffung und noch diskreterer Lektüre.

In Deutschland kommt der erste Band am 9. Juli auf den Markt - gedruckt, elektronisch und als Hörbuch. Die offenbar sehnlichst erwartete Ausgabe der Bertelsmann-Tochter Goldmann führt bei Amazon.de schon jetzt die Print-Bestsellerlisten in den Kategorien"Erotik", "Belletristik/Gegenwartsliteratur" und "Belletristik/Liebesromane" an. Von der deutschsprachigen Kindle-Ausgabe ist ähnliches zu erwarten, zumal sie mit 9,99 Euro drei Euro günstiger ist als die gedruckte Fassung. Goldmann hat auch schon ein eigenes Blog zu "Shades of Grey" gestartet. Eine offizielle Facebook-Seite gibt es auch schon - wobei der deutsche Auftritt mit 167 Fans wohl noch ausbaufähig ist.

Die internationale Leserschaft bekennt sich schon freimütiger zur Sensations-Trilogie: 216.000 Fans sind auf www.facebook.com/FiftyShadesOfGreyTrilogy dabei. Wobei auch dieser Wert im Vergleich zur Zahl der weltweiten Leserinnen und Leser nicht sehr hoch ist. Aber das muss er wahrscheinlich auch nicht sein. Erotischer Content bleibt auch im Social-Media-Zeitalter eher Privatsache. Aus Sicht der bürgerlichen Leserschaft ist Pornografie vermutlich besser in den digitalen Tiefen des eigenen E-Readers aufgehoben, als im halböffentlichen sozialen Netzwerk oder im Wohnzimmer-Regal. Das ist eine große Chance für Buchverleger und so etwas wie Viagra für den gesamten E-Book-Markt.

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