Was TV-Apps erfolgreich macht
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Smart TV | | von Annette Mattgey

Was TV-Apps erfolgreich macht

Wer Apps für den Fernseher bauen will, muss sich von Konzepten, die auf dem Smartphone oder iPad funktionieren verabschieden. Bettina Streit, Geschäftsführerin der Agentur Coeno, rät im ersten Teil ihres Gastbeitrags dazu, es dem Benutzer möglichst einfach zu machen. In Teil 2 erklärt sie, mit welchen Kosten man für die Erstellung rechnen muss.

Noch ist „Smart-TV“ ein eher vager Begriff, den jeder Hersteller mehr oder weniger gut mit Sinn zu füllen versteht. Wie der Benutzer „TV-Apps“ erlebt, das unterscheidet sich von Hersteller zu Hersteller, teils sogar von Gerät zu Gerät. Daher können clevere Entwickler in diesem jungen und fragmentierten Markt mit soliden Anwendungen noch positiv auffallen.

Besonders interessant ist das für Anbieter von Bewegtbild-Formaten gleich welcher Natur: Denn obwohl man sich beim Thema Smart TV meist auf das „Surfen am Sofa“ kapriziert, geht es dem Zuschauer doch in der Regel darum, neue Bewegtbild-Zusatzangebote jenseits von Kabel und Satellit zu nutzen.

Wer mit Bewegtbildern erfolgreich sein will, kommt also gar nicht darum herum, neben Apps für Handy und Tablet auch Apps für TV-Geräte und Settop-Boxen zu entwickeln. Am Beispiel der On-Demand-Videothek maxdome zeigt sich, wie wichtig es ist, in Apps zu denken: Vor nicht allzu langer Zeit konnte man maxdome nur am PC sehen – am Fernseher ging es erst später und mit einer ganz speziellen Settop-Box, die dem Zuschauer nur eine „weitere Kiste neben dem Fernseher“ bescherte.

TV-Apps haben diese Situation grundlegend verändert: maxdome braucht keine Box mehr, stattdessen haben heute viele verkaufte Fernseher, Player und Receiver namhafter Unternehmen eine maxdome-App schon eingebaut. Mit VoD-Angeboten wie Acetrax, Lovefilm und Viewster folgen weitere Systeme. Auch Musik-TV-Apps wie tape.tv, Putpat oder Qtom erreichen auf dem Fernseher effizient zusätzliche Zielgruppen. Nische ist kein Problem mehr, siehe etwa die TV-App der Berliner Philharmoniker und ihrer „Digital Concert Hall“.

8 Dinge, die bei TV-Apps wichtig sind

Dass der Zuschauer derzeit das „Fernsehprogramm“ von „Smart TV“ trennt, liegt nur daran, dass diese noch immer sehr getrennt serviert werden. Doch in Wirklichkeit will der Zuschauer am Fernseher vor allem eines: Er will etwas Schönes erleben. Und es ist ihm völlig egal, auf welche technische Weise das geschieht, solange es für ihn keine zusätzlichen Hürden aufbaut.

Für App-Entwickler bedeutet das: Umdenken für den Fernseher, am Besten völlig neu denken. Wer mit den Gestaltungsgewohnheiten von Computer, Tablet und Web an TV-Apps herangeht, scheitert zwangsläufig.

1. Benutzer-Erwartung berücksichtigen

TV-Apps müssen auf die Bedürfnisse der Benutzer eingehen. Klingt trivial, doch wer einen Smart-TV-Fernseher hat und nutzt, weiß, wie wenig selbstverständlich das ist. Erfahrene TV-UX-Entwickler gehen daher von Anfang an auf die Erwartungen des Zuschauers ein.

Die Frage darf nicht lauten: Was können wir technisch bieten? Die Frage muss lauten: Was erwartet der Anwender von unserer App? Beispiel Radio-Anwendung: Wollen Musikfans wirklich durch ein Gestrüpp von Radiosendern navigieren und einen Sender oder bestimmte Gruppen wählen? Oder wollen sie mit wenigen Einstellungen drei einfache Parameter wie Stimmung, Stil und Tempo festlegen und sich berieseln lassen?

2. Bewusstsein geänderter Usage-Philosophien

Interface-Designer müssen sich am TV von lieb gewonnenen Bediengewohnheiten verabschieden: Der Couch-Zuschauer muss den Fernseher heute (und auf absehbare Zeit primär) mit einer Fernbedienung steuern. Jenseits einiger Ausnahmen bei High-End-Geräten sind diese Fernbedienungen aus Kostengründen oft unsinnig aufgebaut und mit Tasten überfrachtet, um das wachsende Feature-Set von Fernsehern abzubilden.

Dabei gilt: Ist das Benutzerinterface durchdacht genug gestaltet, reichen wenige Knöpfe auch für zahlreiche Einzelfunktionen. Blind bedienbare Pfeil- und OK-Tasten gehören heute zum Beispiel zum Standard bei Fernbedienungen – und mehr als das braucht niemand. Doch um ein Interface für die Bedienung mit nur fünf Tasten zu entwickeln, reicht weder die Erfahrung einer Werbe- und Design-Agentur noch zum Beispiel das Know-how von Flash- und Webdesignern oder Tablet-Entwicklern.

Auch hier zeigt sich: Auf dem Fernseher ist völlig neues Know-how notwendig, um eine positive User Experience zu entwickeln. Das gilt auch für kommende Techniken wie Spracherkennung und Gestensteuerung, die schon aus Kostengründen noch einige Zeit auf sich warten lassen werden.

3. An realen Personen testen

Während jeder weiß, dass Computer ständig Ärger machen, ist zugleich jeder beim Fernseher daran gewöhnt, dass man einen Knopf drückt und das Programm erscheint. Komplizierter dürfen Apps nicht werden. Dass es Spaß macht, sie zu nutzen, wird die erfolgreiche von der ignorierten TV-App unterscheiden.

Für die Bedienfreundlichkeit eignet sich der Usability-Prozess nach DIN-ISO 9241, also nach einer Kontextanalyse die Nutzungsanforderungen analysieren und daraus einen ersten Prototyp oder Klickdummy entwickeln. Testen sollte man aber mit echten Nutzern, nicht mit Mitarbeitern aus dem eigenen Unternehmen. Denn wer sich mit der Materie auskennt, hat keine unbefangene Erwartungshaltung mehr. Es lohnt sich, hier auf externe Spezialisten für Usability-Tests zu setzen. Die nehmen einem zum Beispiel die Mühe ab, unbefangene Testpersonen zu finden. Und man kommt nicht in die Versuchung, den Versuchsaufbau so zu gestalten, dass erwünschte Ergebnisse herauskommen.

4. Kerneigenschaften festlegen

Webdesigner haben viel Platz, TV-Apps-Designer nicht. Reduzieren ist dort das wichtigste Gebot. Die Frage lautet: Was sind die Kernfunktionen meines Angebotes? Was braucht der Nutzer wirklich? Welche Features sind eigentlich (auf dem TV-Gerät) verzichtbar? Die Antwort fällt oft unabhängig davon aus, welche Features der Anbieter technisch umsetzenkönnte.

Weniger Funktionen sind besser, solange es die richtigen Funktionen sind. Funktionen, die dem Benutzer das geben, was er sich von der TV-App erwartet hat. Beispiel mediale On-Demand-Angebote: Eine Fülle vorhandener Titel kann man natürlich möglichst vollständig abzubilden versuchen. Man kann sie mit zahlreichen Kategorien, Genres und anderen Attributen strukturieren und mit Suchfunktionen versehen. Doch all das macht die Sache unnötig kompliziert. In Wahrheit holen sich die meisten Zuschauer jene Titel, die gerade neu sind oder im Trend liegen. Den Zugang dazu möglichst einfach zu gestalten – das führt zum Erfolg.

5. Second Screen

Anders als bei PC, Tablet oder Smartphone macht beim Fernseher ein „Second Screen“ Sinn: Touch-fähige Tablets und Smartphones könnten dabei als erweiterte Fernsteuerung fungieren. Doch wer bei der Bedienung auf Smartphone oder Tablet ausweicht, gesteht sein Unvermögen ein, das TV-Gerät schon über eine Fernbedienung problemlos und uneingeschränkt bedienbar zu machen. Auch sind TV-Second-Screen-Lösungen bislang noch selten: Heute und in nächster Zukunft wird der Couch-Zuschauer sein TV-Gerät noch mit einer Fernbedienung steuern. Zudem ist nicht jede virtuelle Extra-Fernbedienung eine Verbesserung, belastet sie den User doch mit noch einem System, das vom TV ablenkt und neue Probleme beschert.

Sinnvoll ist der Second Screen als eigenes System für kontextbezogenen Informationszugriff. Einige Blu-ray-Titel verbinden hier zum Beispiel den Film via Netzwerk mit Anmerkungen und Making-ofs zum laufenden Film. Das ergibt auch bei TV-Apps Sinn.

Die können sogar noch einen Schritt weiter gehen und Funktionen einer vollwertigen Tablet-App mit denen einer vollwertigen TV-App verschränken. Doch auch hier darf man nicht unterschätzen, was den Nutzern wirklich wichtig ist. Wenn man auf dem Tablet einen Film an Stelle X stoppt, diese Stelle aber später am TV nicht als Startpunkt verwenden kann, dann ist das keine positive Erfahrung.

6. Schnelle Reaktion statt Effektgewitter

GUI-Designer geizen nicht mit Grafik. Im Web gibt es wenig Grenzen, auch Tablets unterstützen effektreiche Darstellungen. Auf Fernsehern sieht das völlig anders aus: Sie sind langsam und träge, zu viel Schnickschnack erhöht Ladezeiten und vergällt jedem Nutzer die TV-App. Selbst ein schneller und beeindruckender Effekt-Übergang fällt dem Nutzer nach einigen Wochen auf den Wecker.

Und während zum Beispiel auf einem Tablet eine App schnell und problemlos eine andere App (etwa den Browser) aufrufen kann, ist dies derzeit bei fast allen Fernsehern mit langen Wartezeiten verbunden, wenn nicht unmöglich. Es reicht also nicht, einfach nur die Buttons größer zu machen, um der größeren Distanz zum Fernseher gerecht zu werden: Man muss die auf TV-Geräten vorhandenen Detailprobleme (etwa auch bei Linienstärken, Farbwelten, Helligkeiten) kennen, sonst kommt nur App-Murks heraus.

7. Social und interaktiv, aber vorsichtig

Mit „social TV“ zieht scheinbar mehr Interaktivität in den Fernseher ein. Aber Vorsicht: Der Nutzer will Interaktivität nicht aufgezwungen bekommen, sondern sich berieseln lassen. Selbst wer aktiv mitmachen will, wird mit den heute üblichen Fernbedienungen und Eingabemethoden keine Statusmeldungen auf Facebook und Twitter schreiben oder chatten. Und Fernbedienungen mit Tastatur werden aus Kostengründen die Ausnahme bleiben.

Trotzdem ist Fernsehen natürlich ein Gemeinschaftserlebnis, man denke nur an die Tatort-Fans. Die Herausforderung für den UX-Experten ist hier, Interaktionsnotwendigkeiten aufs Hochintegrierte zu reduzieren und dem Zuschauer dennoch soziale Interaktivität zu ermöglichen. Das aktuelle Programm kann zum Beispiel als Text automatisch in den Post geschrieben und mit einer Auswahl von Mood-Meldungen versehen werden, damit wenige Knopfdrücke reichen, um mitzuteilen, was man sich gerade ansieht und wie es gefällt.

8. Erfolg messbar machen

Ist die TV-App erst einmal am Start, wird man früher oder später auch ihren Erfolg messen wollen, zum Beispiel für Werbereichweiten. Hier fehlen durchweg Erfahrungswerte, denn die Diskussion über die Messbarkeit zum Beispiel von HbbTV-Apps via IVW hat gerade begonnen. Rein technisch ist Messbarkeit hier nicht das Problem, die Prüfbarkeit vergleichbarer Messungen ist es. Das Thema ist zudem höchst komplex, da die meisten Marktteilnehmer die Chance nutzen wollen, ihre eigenen Standards durchzudrücken. Offen ist auch die Frage, ob TV-Apps zu „online“ gehören oder zu „TV“.

Fazit

Für eine gute TV-App darf man Vorhandenes nicht in neue Gewänder pressen. Android und bald auch Windows 8 wollen beide ihre auf PCs und Tablets optimierten Apps auch auf das TV-Gerät bringen. Das Scheitern ist hier programmiert, sofern man nicht Spezialisten anheuert, die mit den komplett anderen Bedingungen und Anforderungen der TV-Welt umgehen können.

Gute TV-App-Spezialisten gehen nicht von technischen Möglichkeiten aus, sondern von den Erwartungen des Benutzers an das Produkt. Unternehmen müssen sehr früh überlegen, was sie mit der App eigentlich anbieten wollen – und was nicht. Ausgehend von definierten Erwartungen sind die Anforderungen an das System abzuleiten: Erst dann widmet man sich den technischen Hürden, wobei nicht das an den Fernseher angepasste HTML das Hexenwerk ist, sondern ein gesunder Minimalismus, der den vollkommen anderen Bediengewohnheiten am TV entspricht und sich dabei auch für Neuerungen wie innovativen Steuermöglichkeiten oder Second Screen öffnet. Wichtig ist dabei stets, möglichst früh und in einem agilen Entwicklungsprozess immer wieder mit realen Nutzern zu überprüfen, ob deren Erwartungen sich erfüllen. All das zusammengenommen macht klar, dass normale Werbe-, Media- und Web-Agenturen die Entwicklung einer TV-App selten schultern können. Hier sind Spezialisten gefragt, die die vielfältigen Aspekte der TV-App-Entwicklung beherrschen.

Bettina Streit, 46, ist eine ausgewiesene User-Experience-Spezialistin. Mit der von ihr 2004 gegründeten Agentur coeno realisiert sie UX-basierte TV- und Entertainment-Lösungen für die wichtigsten Player der Branche, darunter Kabel BW, maxdome, nacamar und Vodafone. Streit studierte Linguistik, Markt- und Werbepsychologie sowie Informatik in München. 

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