Triplesense-Chefin Saswito prophezeit das Ende der iPad-Magazine
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Digitale Zeitschriften | | von Annette Mattgey

Triplesense-Chefin Saswito prophezeit das Ende der iPad-Magazine

Alles nur ein Hype? Das prognostiziert zumindest Julia Saswito, Geschäftsführerin von Triplesense, wenn es um die Zukunft des digitalen Lesens via iPad geht. Webmagazine sind nutzerfreundlicher als iPad-Magazine und werden deshalb mehr Leser erreichen und erfolgreicher sein, meint die Chefin der Frankfurter Digitalagentur. Für LEAD digital erklärt sie exklusiv ihre Thesen.

These 1: iPad-Magazine sind eine geschlossene Welt.

•    Momentaner Trend: Verlage setzen auf iPad-Magazine. Aber sind iPad-Magazine wirklich besser als die Online-Versionen der Magazine?
•    In einer App einen Artikel zu lesen, bedeutet in einem abgeschlossen Umfeld zu lesen: Der Nutzer kann nicht verlinken oder in ein anderes digitales Szenario wechseln. Zudem wollen Benutzer personalisierte Inhalte aus ihren Social Streams. Einfache Dinge, wie Copy & Paste werden unterdrückt. Für einen Benutzer absolut unverständlich.

These 2: iPad-Magazine schöpfen die technologischen Möglichkeiten nicht aus.

•    Damit iPad-Magazine nutzerfreundlicher sind, müssten die Verlage die Herausforderung annehmen, die Inhalte für das digitale Medium zu optimieren und den Lesern nicht nur eine reine Adaption der Zeitschrift als App vor die Nase setzen. Das Vorgehen vieler Verlage ist falsch, den Inhalt der Printausgabe eins zu eins zu übernehmen - ohne die Besonderheiten des digitalen Mediums zu berücksichtigen.
•    Das gelingt, wenn Verlage folgendes beachten: Periodische Ausgaben entsprechen nicht dem digitalen Benutzerverhalten - kontinuierliches Publizieren ist der richtige Weg. Benutzer werden so permanent auf das Magazin hingewiesen. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Ein Papiermagazin liegt physisch auf einem Tisch, ein digitales Magazin verschwindet relativ schnell vom Homescreen - oder der Zeitungskiosk auf dem iPad - und gerät in Vergessenheit.
•    Problem des Downloads: Magazine müssen heruntergeladen werden und sind im besten Fall nur 500 MB groß und im schlimmsten Fall bis zu zwei GB (bei einem iPad mit 16GB Speicher, eine zusätzlich Hürde). Bis der Nutzer zum Lesen kommt, dauert es. Zudem können viele Magazine die neue Ausgabe nicht im Hintergrund herunterladen. Sprich, der Leser muss zunächst ca. zehn Minuten in der App warten, bis er das Magazin lesen kann - abhängig von der Verbindung, die er nutzt: WLAN oder 3G. Das ist absolut benutzerunfreundlich.
•    Online-Printausgaben müssen hoch personalisiert sein. Eine nur leicht adaptierte Magazin-Kopie kann darüber hinaus nur wenig komfortabel auf Tablets gelesen werden und verfehlen komplett das digitale Benutzerverhalten.

•    Das ideale iPad-Magazin:

o    Gelungene iPad-Magazine überzeugen durch eine kreative und intelligente, optische Aufbereitung, die einen echten Mehrwert bietet.
o    Die iPad-Magazine sollten alle Möglichkeiten der multimedialen Anwendungen ausschöpfen wie beispielsweise eine auf den Inhalt optimierte Navigation, welche  die vier Fragen für Navigation auf jeder Seite beantwortet (Wo bin ich, wo kann ich hingehen, wie komme ich dorthin und wie komme ich dahin zurück, wo ich hergekommen bin?) und ein schlüssiges Konzept zur Gestensteuerung, das diese vier Fragen unterstützt.
o    Außerdem sollten sich Produkte, die die der User sieht, direkt kaufen lassen – und zwar am besten ohne die Lektüre zu unterbrechen. Im Idealfall klickt der User ins Bild, legt das Produkt in einen Warenkorb auf einem übergeordneten Layer, liest weiter und sieht sich am Ende den Warenkorb an, um mit einem weiteren Klick alles zu kaufen.
o    Bei all diesen Funktionen und Informationen wäre ein stets sichtbares Inhaltsverzeichnis ideal, um den Überblick zu behalten und in allen gekauften Ausgaben suchen zu können. Und wenn der User interessante Inhalte gefunden habe, sollte er sie schnell und unkompliziert teilen. Dabei helfen Facebook Share-Buttons, die immer sichtbar sind und ein Feature, mit dem sich Ausschnitte kopieren und per Mail versenden lassen. Gut wäre es, wenn sich Seiten virtuell herausreißen ließen: Dazu könnte man Artikel oder Ausschnitte als Liste speichern oder ein Lesezeichen setzen. Zeitgemäß und interaktiv sind darüber hinaus Kommentarfunktionen und ein direkter Kontakt zum Autor oder der Redaktion.

These 3: Die Zukunft von Magazinen liegt im Web - nicht bei den Apps

•    Die Zukunft von iPad-Magazinen, wie wir sie derzeit kennen, ist ungewiss. Der Grund liegt an den Vorteilen des Web: Im Web steht die Seite jederzeit bereit, es ist kein Download mit Ladezeiten wie bei einer App nötig. Der Nutzer kann interessante Artikel teilen, abspeichern und zu einem späteren Zeitpunkt auch ohne Internetverbindung lesen oder in seinen RSS Reader, Flipboard, Instapaper etc. ablegen.
•    Vorteile für Verlage: Wichtig ist, dass Apps für Magazine für jede Plattform individuell entwickelt werden müssen: iPad, iPhone, Kindle Fire etc. Das kann die Produktionskosten für das Design pro Ausgabe verdreifachen. Im Web muss das Design nur einmal für die Devices entwickelt werden (bspw. mit Responsive Design).
•    Die Zukunft sind mit den neuesten Technologien umgesetzte Websites – optimiert für jedes Gerät: Desktop oder Laptop, Tablet oder Smartphone. Das könnte unserer Meinung nach das Ende der Apps als abgeschlossenes Online-Magazin bedeuten, da Verlage hier besser die Inhalte monetisieren und die Benutzer auf Gewohntes zurückgreifen können.
•    Geschäftsmodelle für Verlage können Kooperationen für die Integration von Inhalten sein (bspw. ein Flipboard Kanal) und intelligente Online-Abos, die die gleichen Inhalte ohne Werbung bieten und einfaches Teilen, Speichern und Durchsuchen ermöglichen. Attraktive Modelle wären auch intelligente Newsletter, die auf Basis sozialer Medien die Relevanz von Artikeln für den Leser individuell ableiten (wie es bspw. News.me macht). Wichtig ist in jedem Fall, dass die Angebote echte Multiplattformfähigkeit unterstützen, wie das automatische Versenden von Artikeln auf dem Kindle. Kernproblem bei dieser Art von Monetarisierung ist, dass Verlage sich neben der Content-Produktion auch als Technologieunternehmen begreifen müssen – welches derzeit nicht der Fall ist. Dies ist ein weltweites Problem.
•    Apps mit aggregierten, personalisierten Inhalten, die dem Nutzer die Möglichkeit bieten, zu sehen was Freunde gelesen haben - wie Flipboard oder Instapaper - werden sich durchsetzen. Sie haben eine gute Usability, nähren sich aus Inhalten aus dem Internet und haben den Charme einer App mit Magazin-Charakter. Allerdings nur zeitschriften- und verlagsunabhängig. Benutzer sind heute gewohnt, Artikel aus mehreren Quellen zu lesen und nicht nur von einer.
•    Wenn Verlage punkten wollen, müssen sie ein besonderes Geschäftsmodell anbieten. Paywalls dürfen sich nur durch Mehrwert unterscheiden. Zum Beispiel nicht gekürzte RSS-Feeds und keine Werbung auf der Seite. Also die User Experience der Seite deutlich erhöhen und auf das Lesen fokussieren. Der Inhalt muss mit oder ohne Paywall gleich bleiben. Ein interessantes Szenario, das sich durchsetzen kann, sind hochwertig gestaltete Paywalls ohne Werbung.

Seit 1999 leiten Julia Saswito und Katajoun Parandian-Kurz als geschäftsführenden Gesellschafterinnen die Frankfurter Digitalagentur Triplesense. Das Leistungsspektrum reicht von der Marketing- und Strategie-Beratung über Konzeption und Kreation bis hin zur technischen Realisierung und deckt von E-Commerce über Usability Engineering auch Mobile ab. Unter den Kunden sind Vorwerk, Fraport AG, Fraunhofer-Institut IAIS, RMV, EURO Kartensysteme, Suzuki, Deutsche Bahn und Neckermann.

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