Paolo Anania (re.) im Gespräch mit den "Perspective Daily"-Gründern Maren Urner und Han Langeslag.
Paolo Anania (re.) im Gespräch mit den "Perspective Daily"-Gründern Maren Urner und Han Langeslag. © Foto:P. Anania

Interview mit den Gründern | | von Paolo Anania

"Perspective Daily": Lösungen auf Seite 1

"Konstruktiver Journalismus" ist das zentrale Schlagwort des viel beachteten Medien-Startups "Perspective Daily". Mit einer Crowdfunding- Initiative werben die Gründer derzeit um zahlende Mitglieder der Plattform, die von "Perspective Daily" mit einer täglichen Dosis an gut recherchierten Artikeln zu wichtigen Themen versorgt werden sollen – relevante Hintergrundinformationen und konstruktive Lösungsvorschläge inklusive. Und das "komplett ohne störende Werbung", wie die Gründer Maren Urner und Han Langeslag betonen. Paolo Anania, CEO der Düsseldorfer Digitalberatung Granpasso, im Interview mit den beiden Gründern.

Wenn man eure Homepage öffnet, findet man direkt ein Video, in dem neben anderen prominenten Unterstützern Klaas Heufer-Umlauf und Nora Tschirner eine Rolle spielen –­ der Traum eines jeden Startups. Wie kam es dazu, dass ihr solche Unterstützer habt?

Maren Urner: Wir haben Nora über ihre Agentur eine E-Mail geschrieben und kurze Zeit später einen begeisterten Rückruf von ihr selbst bekommen. Sie hatte sich schon vorher viel mit ähnlichen Gedanken beschäftigt und war sofort Feuer und Flamme für die Idee. Alles Weitere für das Crowdfunding-Video und die Auftritte hat sie organisiert: das Drehbuch, das Filmteam, Klaas, die Fernseh- und Radioauftritte. Unglaublich, mit wieviel Energie sie Perspective Daily unterstützt.

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Nora Tschirner: "Ich glaube, dass dieses Projekt eine realistische und vielleicht die einzige Chance ist, das Ruder der Politikverdrossenheit herumzureißen."

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Wir selbst haben natürlich auch sehr viel Zeit in die Kontaktaufnahme zu Medien, zu Multiplikatoren und zu Netzwerken investiert. Die Kampagne wird bereits seit Februar 2015 vorbereitet. Ein guter Teil dieser Zeit ist für die Gewinnung der Unterstützer verwendet worden.

Mit "Perspective Daily" wollt ihr Nachrichten anders machen und einen Journalismus, der fragt: "Wie kann es weitergehen." Das nennt ihr "Konstruktiven Journalismus". Was heißt das für Euch und wie seid ihr auf die Idee gekommen? Warum braucht Deutschland "Perspective Daily?"

Han Langeslag, Gründer: In seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften erkannte Han, dass diese stark von psychologischen Fragen abhängen und studierte beides parallel. Über seine Faszination für die Funktion der menschlichen Wahrnehmung landete er bei den Neurowissenschaften.

Han Langeslag: Weil die problemfokussierten, sehr ins Negative gehenden Nachrichten der Massenmedien uns stressen, uns ein pessimistisches Weltbild vermitteln und Hoffnungs- bzw. Hilflosigkeit hervorrufen können. Die Menschen werden so teilweise passiv und hören auf, etwas gegen die bestehenden gesellschaftlichen Probleme zu tun. Wir wollen mit "Konstruktivem Journalismus" Hoffnung geben und zeigen, dass die Welt nicht so schlecht ist, wie wir sie häufig wahrnehmen. Trotz vieler Probleme ist es lohnenswert, über Lösungen zu sprechen. Denn nur dann können Lösungen gefunden werden.

Die Gründer und Autoren von "Perspective Daily" sind unterschiedlichste Persönlichkeiten mit umso vielfältigeren fachlichen Hintergründen. Wie habt Ihr als Gründer zusammengefunden und was schweißt Euch zusammen? Was ist Euer Gründungsmythos?

Maren Urner: Der Startpunkt klingt eher unspektakulär: Han und ich saßen an unserem Küchentisch in London. Dort dachten wir über die Frage nach, woher wir alltäglich Informationen bekommen. Und wir fragten uns, warum all diejenigen, die täglich an Lösungen arbeiten, so selten auf Seite 1 zu finden sind. Wir haben uns gewundert, warum dort bevorzugt Einzelereignisse landen, die wirklich dringenden Probleme der Menschheit jedoch nicht. Das wollen wir anders machen.

So ist die Grundidee hinter "Perspective Daily" entstanden. Das ganze Konzept im Detail haben wir dann nach und nach entwickelt und uns informiert, wie wir es umsetzen können. Im Frühjahr 2015 stand dann der Entschluss, eine dritte Person an Bord zu holen. Das war dann Bernhard Eickenberg, den ich schon seit der Schulzeit kenne.

Was uns zusammenhält sind der Wille, etwas zu verändern und die ständige Frage nach dem "Warum?": Warum wählen Journalisten bestimmte Nachrichten aus? Was macht eine Nachricht aus? Und ist es sinnvoll, einige "Relevanz-Kriterien" vielleicht zu überdenken?

Maren Urner, Gründerin: Ihre wissenschaftliche Karriere hat die promovierte Neurowissenschaftlerin über Kanada, die Niederlande und England zurück nach Deutschland geführt. Maren beschäftigen besonders die Fragen, was Menschen antreibt und wie eine lebenswerte Zukunft für alle aussehen kann.

Das klingt alles unique und innovativ– gibt es in Euren Augen direkte Wettbewerber, die ähnliches anbieten? Welche Abos kann ich getrost kündigen, wenn ich bei Euch Mitglied werde?

Han Langeslag: Wir sehen "Perspective Daily" nicht als ein Medium, das andere Medien verdrängt. Wir sind eher ein Zusatzangebot, das es den Menschen erlaubt, Hintergründe und Zusammenhänge zu verstehen und wie gesagt vor allem über mögliche Lösungen nachzudenken. Interessanterweise stoßen wir gerade bei Menschen, die sich häufig schon sehr stark von den "klassischen Medien" abgewandt haben, auf großes Interesse.

Was stört euch denn konkret an der Medienlandschaft und dem Journalismus, wie er heute ist? Wie wirkt sich die Berichterstattung in den Mainstreammedien auf unsere Psyche bzw. die Wahrnehmung unserer vermeintlichen Realität aus?

Han Langeslag: In den letzten 45 Jahren hat sich die Zahl der Toten durch Naturkatastrophen halbiert – das ist doch toll! Aber wenn wir die Menschen auf der Straße und bei unseren Veranstaltungen danach fragen, dann schätzen 94 Prozent von ihnen, dass die Zahl gleich geblieben ist oder sich sogar verdoppelt hat. Dieses negative Bild wird uns von den Medien (besonders den digitalen) suggeriert. So entsteht dann eben auch ein zu negatives Weltbild, das uns zynisch und passiv werden lassen kann. Wir hören von jeder Katastrophe und jedem Skandal, jedem Flugzeugabsturz und Terroranschlag. Aber die vielen positiven, langfristigen Veränderungen entgehen uns häufig.

Gibt es Erkenntnisse darüber, wie sich dagegen konstruktiver Journalismus auswirkt?

Maren Urner: Erste Forschungsergebnisse zeigen, dass konstruktive, lösungsorientierte Texte ein größeres Interesse für eine Thematik wecken und handlungsbereiter machen als "klassische", problemzentrierte Texte. Konstruktive Beiträge werden von Lesern vermehrt in in sozialen Medien geteilt und im Familien- und Bekanntenkreis diskutiert. Darüber hinaus gibt es einige Erfolgsgeschichten von konstruktiven Beiträgen, wie zum Beispiel die Berichterstattung zum bedingungslosen Grundeinkommen in den Niederlanden und zum Klimawandel in Großbritannien.

Ihr denkt dabei nicht, wie im klassischen Journalismus üblich, in Ressorts. Aber was sind die Themen, auf die Ihr Euch fokussiert und wie wählt Ihr diese aus? Wie findet der Leser sich zurecht, bei der Vielzahl von Artikeln und Meinungen?

Maren Urner: Wir planen und denken in Themenblöcken, wie etwa Energie & Rohstoffe, Geld & Handel, Migration & Integration, Bildung oder Ernährung & Landwirtschaft. Zusätzlich formulieren wir konkrete Fragen, die für die redaktionelle Arbeit zentral sein werden. In jedem Fall hängen die konkreten Schwerpunkte von unseren Autoren ab: Ihre Fachgebiete geben die Richtung vor. Gleichzeitig laden wir unsere Mitglieder ein, mitzubestimmen.

Das Konstruktive in eurem Verständnis von modernem Journalismus liegt neben dem Erklären von Zusammenhängen und Hintergründen auch immer im Anbieten von Lösungen – ist also jeder Eurer Artikel eine Art Meinungskolumne oder wie sieht das im Detail aus?

Han Langeslag: Die Frage bekommen wir häufiger gestellt, meist in Verbindung mit der Frage nach der "Objektivität" von "Perspective Daily". Dazu können wir nur sagen: Journalistische Objektivität ist ein Mythos! Denn die scheinbar objektive Präsentation von ausgewählten "Fakten" und Informationen in den klassischen Medien kann sehr stark manipulieren. Aber eine Meinungskolumne? Nein. "Meinung" klingt uns zu sehr nach einem Journalisten, der eine vorgefertigte Meinung hat und diese recherchiert, ohne sie zu hinterfragen und so am Ende seine eigene Meinung zu bestätigen. Das werden wir nicht tun. Aber wir erlauben unseren Autoren, eine Haltung zu haben. Bedingung ist, dass sie diese Haltung und die dahinterliegenden Werte und Argumente transparent vorstellen.

Bei der Recherche wird viel Wert darauf gelegt, offen an die entsprechende Thematik heranzugehen und Gegenargumente wirklich ernst zu nehmen. Da bei uns jedes Thema im Team diskutiert wird, passiert das automatisch.

Wie interaktiv ist das Ganze? Sind bei Euch die Leser Teil der Diskussion, also gibt es zu jedem Artikel ein entsprechendes Forum, in dem Lösungsansätze diskutiert werden?

Maren Urner: Auf jeden Fall! Für den Anfang starten wir mit einem Kommentarbereich unter den Artikeln. Wer jetzt denkt: Das gibt doch Chaos und Hassposts, der darf beruhigt sein: Bei uns dürfen nur Mitglieder kommentieren. Andere Projekte haben gezeigt, dass die Diskussionskultur durch diese Maßnahme komplett verändert wird und sehr konstruktiv ist. Unsere Autoren beteiligen sich an den Diskussionen unter den Artikeln. Was wir langfristig an weiteren technischen Möglichkeiten des Austauschs einbauen, machen wir vom Budget und den Wünschen der Mitglieder abhängig.

Bei digitalen Plattformen sind neben den Inhalten das Design, aber auch die Performance wichtig. Tinder wäre nicht so erfolgreich, wenn es da nicht die Swipe-Funktion gäbe. Air BnB und andere stecken sehr viel Zeit und Kraft in die kleinsten Kleinigkeiten, was die User Experience angeht. Wie geht ihr mit dem Thema User Centered Design um?

Maren Urner: Mit unserem neurowissenschaftlichen Hintergrund haben wir uns bereits viele Gedanken dazu gemacht. Wir setzen zum Beispiel auf einen hohen Grad an Interaktivität: Gamification-Elemente wie Quizze oder interaktive Grafiken erhöhen das Lesevergnügen. Wie weit und wie schnell wir das technisch entwickeln können, hängt natürlich stark vom Budget ab.

Wie arbeitet Ihr zusammen? Seht Ihr Euch täglich, habt Ihr ein gemeinsames Büro oder nutzt Ihr digitale Kollaborationstools?

Han Langeslag: Wir nutzen Glip als Kollaborationstool, legen aber starken Wert auf persönliche Präsenz. Wir arbeiten die meiste Zeit aus unserem Büro in Münster. Auch die Kernredaktion von "Perspective Daily" wird eine Präsenzredaktion, im Gegensatz zu vielen anderen Online-Redaktionen. Der persönliche Austausch fördert das Teamwork und hilft, eine gemeinsame Linie für unser Medium zu entwickeln.

Zum Gründen gehören Fehler dazu. Gibt es etwas, wo ihr sagt: "Das hätten wir lieber anders gemacht"?

Han Langeslag: Wir haben anfangs zu sehr auf Businessplan-Wettbewerbe gesetzt, durch die wir uns Finanzierung und Kontakte zu Investoren erhofft hatten. Aber für die war unser Projekt nicht greifbar genug. Online-Journalismus ist ja auch nicht gerade eine boomende Branche. Und wir haben anfangs zu wenig auf die Persönlichkeiten hinter "Perspective Daily" und zu sehr auf die Idee und das Konzept gesetzt. Das passen wir aktuell online an.

"Perspective Daily" soll ohne "störende Werbung" auskommen. Deshalb habt Ihr Euch für Crowdfunding entschieden. Wie genau funktioniert Euer Geschäftsmodell?

Han Langeslag: Die Mitglieder zahlen eine Jahresmitgliedschaft von 42 Euro bzw. 60 Euro nach Beendigung des Crowdfundings. Mit diesem Geld finanzieren wir die Autoren, die Entwicklung der Website und was sonst noch alles an Kosten anfällt. Für das erste Jahr brauchen wir 12.000 Mitglieder, die wir derzeit per Crowdfunding-Kampagne sammeln.

Wir denken, dass wir "Perspective Daily" allein über die Mitglieder finanzieren und so von anderen Geldquellen unabhängig halten können. Eine Zweitnutzung einzelner Inhalte für mehr Reichweite können wir uns durchaus vorstellen.

"Perpective Daily" ist ein rein digitales Medium – wie sorgt Ihr für Reichweite über Eure Mitglieder hinaus, auch um weitere zu gewinnen?

Han Langeslag: Wie der niederländische "De Correspondent" setzen wir stark auf die Mitglieder, die ihre Lieblingsbeiträge über soziale Medien im Bekannten- und Verwandtenkreis teilen und so für Reichweite sorgen. Darüber hinaus können die Autoren die Beiträge auch teilen und weiterleiten.

Wo seht Ihr Euch in 10 Jahren?

Maren Urner: Bei "Perspective Daily", der deutschen und vielleicht auch internationalen Stimme für "Konstruktiven Journalismus", die gemeinsam mit anderen Redaktionen und Journalisten für einen "lauten" Konstruktiven Journalismus sorgt.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Paolo Anania, Gründer und CEO von Granpasso, einem Düsseldorfer Full-Service Dienstleister für digitale Transformation. Das Hybridunternehmen aus Strategieberatung und Digital-Agentur berät internationale Konzerne und mittelständische Unternehmen auf dem Weg in und durch die digitale Welt. Anania ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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