Nico Lumma: "Manfred Spitzers Thesen langweilen"
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Digitale Demenz? | | von Annette Mattgey

Nico Lumma: "Manfred Spitzers Thesen langweilen"

Mit großem Getöse tourt Hirnforscher Manfred Spitzer gerade durch die Talkshows und Zeitungen. Im Gepäck: sein aktuelles Buch "Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kindern um den Verstand bringen". Social Media-Experte Nico Lumma widerspricht seinen Thesen vehement.

Jedes Jahr wieder gibt es die Diskussion, ob und wenn ja, wie schnell oder schlimm uns das Internet verdummen wird. Aktuell ist es Prof. Manfred Spitzer, der mit seinem Buch "Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen" Aufsehen erregt, nicht zuletzt weil viele Zeitungsredaktionen seine Thesen mit Vergnügen verbreiten, da das Internet an sich ja sowieso böse ist.

Hauptsache dagegen. Das bringt Aufmerksamkeit.

Wenn man sich anguckt, was Spitzer so schreibt, dann erinnert mich das sehr an den Beschluss des SED-Politbüros zur Beatmusik aus dem Jahr 1963: "Niemandem fällt ein, der Jugend vorzuschreiben, sie solle ihre Gefühle und Stimmungen beim Tanzen nur im Walzer- oder Tangorhythmus ausdrücken. Welchen Takt die Jugend wählt, ist ihr überlassen: Hauptsache, sie bleibt taktvoll!" - im Klappentext zu Spitzers Buch ist das dann so formuliert: "Bei Kindern und Jugendlichen wird durch Bildschirmmedien die Lernfähigkeit drastisch vermindert. Die Folgen sind Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht, Gewaltbereitschaft und sozialer Abstieg."

Mich langweilen diese Thesen und natürlich gibt es immer irgendwelche Studien, die irgendwas belegen. Das Gegenbeispiel lieferte Steven Johnson mit dem Buch "Die neue Intelligenz: Warum wir durch Computerspiele und TV klüger werden" bereits 2006 und im Gegensatz zu Spitzer formuliert er eine positive Entwicklung.

Digital Literacy ist das Thema, nicht Verunsicherung!

Ich würde mal postulieren, dass es Kinder und Jugendliche auch in ihrer Entwicklung behindern würde, wenn sie den ganzen Tag über nur Micky Mouse oder die BILD-Zeitung lesen. Wichtig ist doch, dass schon frühzeitig damit begonnen wird, Medienkompetenz zu vermitteln. Im Englischen spricht man gerne von "digital literacy" und damit wird sehr deutlich gemacht, worum es geht. Kinder und Jugendliche müssen frühzeitig lernen, die digitalen Medien zu nutzen und eine entsprechende Einordnung der Inhalte vornehmen zu können. Ich bin selber Vater von drei Kindern und wir halten uns nicht ansatzweise an das immer noch allgegenwärtige Paradigma "nur 30 Minuten Mediennutzung am Tag!", denn schliesslich nutzen die Kinder nicht nur digitale Medien zur passiven Berieselung, sondern auch zur Interaktion mit anderen Kindern oder zum Lernen. Ich sehe es durchaus positiv, dass wir direkt am iPad anhand der Wikipedia klären können, wie schwer ein Brontosaurus war oder mit Google Earth herausfinden, wo der Urlaubsort ist und wie es dort aussieht. Wenn meine Tochter abends mit dem Kindle ankommt und sagt, dass sie ein neues Buch benötigt, weil sie gerade wieder ein Buch durchgelesen hat, dann freut das sicherlich Amazon etwas mehr als mich, aber ich kann nicht wirklich behaupten, dass sie sich dem sozialen Abstieg zu nähern droht.

Natürlich verändert die digitale Nutzung den Alltag der Kinder und Jugendlichen, aber wie bei vielen Dingen kommt es auf das gesunde Maß an. Wenn meine Tochter zu mir sagt, sie muß ein Referat halten und dafür noch etwas nachgooglen, dann zeigt dies mir, dass ihr schon recht klar ist, wo sie Informationen findet. Ich hätte damals den Brockhaus konsultiert, den wir selbstverständlich im Haus hatten. Aber so ändern sich die Dinge eben, das ist noch kein Grund, fatalistisch in die Zukunft zu blicken.

Mit Zukunftspessimismus und einer geballten Ladung Mimimi kommen wir nicht weiter, wenn wir Kindern und Jugendlichen beim Heranwachsen unterstützen wollen. Ein frühes Heranführen an digitale Medien sorgt vielmehr dafür, dass Kinder und Jugendliche eigenständig agieren können. Oftmals ist es allerdings auch angebracht, älteren Menschen mehr digital Literacy zu vermitteln, damit sie sich nicht verloren fühlen in der digitalen Welt und aus lauter Angst wilde Thesen formulieren, die vor allem Zukunftspessimismus und Skepsis bei Neuerungen an den Tag legen. Es kommt auf das richtige Maß der Nutzung an und auf die Vermittlung von Medienkompetenz.

Nico Lumma arbeitet derzeit als COO für Digital Pioneers N.V. in Hamburg, zuvor brachte er die Werbeagentur Scholz & Friends als Director Social Media auf Vordermann. Er bezeichnet sich selbst als "stolzer Vater von drei Kindern und glücklich verheiratet mit meiner Frau". Seine Gedanken teilt er der interessierten Öffentlichkeit seit Jahren via lumma.de mit. Darüberhinaus sucht er Einfluss durch seine politische Arbeit, unter anderem im Gesprächskreis Netzpolitik des SPD-Parteivorstandes und als Leiter des AK Digitales Leben und Arbeiten in Hamburg der SPD Hamburg.

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