"Fuck data": John Hegarty hasst Daten, aber liebt Influencer
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Websummit Lissabon | | von André Gebel

"Fuck data": John Hegarty hasst Daten, aber liebt Influencer

Emails und Posts mit reißerischen Botschaften wie "Restlos ausverkauft", "60.000 Teilnehmer" oder "Höchste CEO-Dichte Europas" rufen bei mir eher posttraumatische Erinnerungen an die letzte South by Southwest in Austin wach. Ich sehe mich schon eingereiht in kilometerlangen Warteschlangen, um auf dem Websummit Lissabon die Top-Stars der Digital-Branche oder Show- und Politgrößen wie François Hollande, Wladimir Klitschko oder Wyclef Jean live zu erleben.

Umso mehr bin ich überrascht, dass die Ausgabe der Teilnehmer-Badges direkt am Flughafen von Lissabon erstaunlich reibungslos funktioniert. Kein Chaos und erst recht keine "Line" halten mich jetzt mehr von der "besten Technologie-Konferenz des gesamten Planeten" (objektive Meinung des Veranstalters) ab und ich düse mit dem Taxi direkt zur Opening Night in die vollgepackte Altice Arena. Angeblich hatte nur jeder zehnte Teilnehmer das Losglück im weiten Rund der Veranstaltungshalle einen Platz zu ergattern, so dass ich eigentlich voller Ehrfurcht und Dankbarkeit auf die LED-Walls der riesigen Centre Stage starren müsste. Doch die Vorfreude schlägt schnell in überstrapazierte Langeweile um, schließlich lässt man uns Web-Lemminge glatte 105 Minuten zappeln, bevor Organisator Paddy Cosgrave endlich die Veranstaltung eröffnet und direkt mal klarstellt, dass der Websummit zum Networken gedacht ist. Danach folgen ein paar belanglose Key Notes von Startup-Chef Nuno Sebastiao (Feedzai) oder Kernel-Gründer Bryan Johnson sowie eine Video- Botschaft des Astrophysikers Stephen Hawking, bevor am Ende Premierminister António Costa das offizielle Go für die kommenden drei Tage gibt. Die ersten "awesomes" und "amazings" zwitschern durch den Twitter-Feed und dokumentieren, wie leicht wir uns doch gegenseitig immer noch begeistern können.  

Genug der Vorreden, denn jetzt geht es auf 12 Bühnen und in über 100 Vorträgen pro Tag ans Eingemachte und das im 20 Minuten-Takt, denn lange Reden gehören anscheinend in die analoge Mottenkiste, was zur Folge hat, dass für tiefschürfende "Insights" leider keine Zeit mehr bleibt. Hinzu kommen die unzähligen Startup Pitches, die hier auf 3 Bühnen rund um die Uhr im "Höhle der Löwen-Format" ausgetragen werden. Das ist hoch unterhaltsam, wie junge, überzeugte Gründer ihr Geschäftsmodell einer vierköpfigen Jury samt Publikum zum Fraß vorwerfen.

Doch kümmern wir uns nun um die vielen Vorträge und Ausblicke ins Digitale Zeitalter im Jahr 2018 und starten direkt mit Google, das mit Amit Singh gleich seinen VP für Virtual & Augmented Reality ins Rennen schickt. Er berichtet von der neuen Version seiner VR-Content-Plattform "Daydream", schwärmt von Augmented Reality, die zukünftig Standard eines jeden Android Handys sein wird und freut sich über die Möglichkeit, virtuelle Möbel im eigenen Wohnzimmer zu platzieren. Hatte Ikea das nicht schon vor 3 Jahren präsentiert? Aber gut, dafür verspricht er uns verrückte Innovationen wie augmented footsteps, die uns zukünftig noch einfacher ans Ziel bringen, ob im Baumarkt oder direkt und überall bei Google Maps.

Ganz ohne Navigations-Hilfe schaffe ich es dann zur Panda Conf Stage, deren eng gestaffelte Bestuhlung perfekt zum Eröffnungs-Referenten, Ryanair-CMO Kenny Jacobs, passt. Dieser preist, ganz Marketeer, seine meist besuchte Airline-Website und die dazu passende meist genutzte Airline-App an und ist stolz wie Bolle drauf, bisher keinen Cent in Google Ads gesteckt zu haben. Zudem plant er die Transformation seiner Buchungs-Engine in eine Vertriebsplattform für Reiseprodukte, was im Prinzip ein genialer Schachzug in bester Aldi-Manier ist.

Widmen wir uns dem Trendthema der letzten Monate. Kryptowährung? Nicht ganz, denn der Growth Summit scheint dem enormen Interesse auf Bitcoin & Co mit der gefühlt kleinsten Bühne auf dem Summit begegnen zu wollen. Von daher spreche ich eher von Influencer Marketing, symbolisiert und diskutiert von Werber-Legende Sir John Hegarty, Whalar-CEO Neil Waller und den beiden Instagram-Stars Murad & Nataly Osman, die für die berühmte "followmeto" Travel-Optik verantwortlich zeichnen. Es geht primär um die Zusammenarbeit zwischen Marken und Influencern, deren Zukunft in nativer und möglichst kreativer Geschichtenerzählung liegt. Das heißt, weg von platten Werbe-Deals, hin zu Kooperationen, die für den User nachvollziehbar sind. Und John Hegarty bricht gar eine Lanze für die Gattung Influencer an sich, haben sie doch bottom-up-mäßig eine neue kreative Form des Storytellings in unsere Werbewelt getragen, ganz im Stil der 60er-Jahre-Revolution, die auch von der Arbeiterklasse losgetreten wurde.

Mit einem "Fuck Data" verschwindet er von der Bühne und überlässt CMO Geraldine Calpin von Hilton das Wort, die ihre neue Hero App vorstellt und mit dem Begriff "phygital", einer Kombination von physischen Erlebnissen in einer digitalen Welt, gleich ein neues Buzzword kreiert. Features wie eine exakte Zimmerbuchung via Google Maps samt Favoritenspeicherung für den nächsten Aufenthalt oder einem digitalen Schlüssel, der die Zimmertür per "Touch" aufs Smartphone öffnet, machen die App zur angeblich besten der Branche. Kleiner Ausblick: Demnächst kann man den Weg seines, beim Zimmerservice bestellten, Burgers live mitverfolgen und weiß genau, ob das Ding noch in der Pfanne brutzelt oder schon im Aufzug steckengeblieben ist.

Um die Beliebtheit vergangener Staatsoberhäupter scheint es gerade nicht zum Besten zu stehen, jedenfalls haben selten so viele Menschen die Arena fluchtartig verlassen, wie beim Auftritt des französischen Ex-Präsidenten François Hollande. Das war schon ein glatter Exodus, der durch die Sprachwahl französisch mit unglücklich umbrechenden englischen Untertiteln, nicht gefördert wurde. Also hören wir doch bei den "fliegenden Autos" vom deutschen Startup Volocopter mal rein. Dieser elektrisch angetriebene Multikopter, der als innerstädtisches Taxi fungieren soll, hat gerade seinen ersten unbemannten Test überstanden und kommt vielleicht schon in 3-5 Jahren auf den Markt.

Fliegen wir zurück zur Centre Stage und eröffnen gemeinsam mit 10.000 Teilnehmern die Technologiebörse NASDAQ und stehen anschließend Pate für das neue Followmeto-Websummit-Motiv der Osmans, um dann von Facebook-Messenger-VP Stan Chudnovsky zu erfahren, dass gerade über 100.000 Entwickler an der beliebten Chat-Plattform arbeiten, damit zukünftig Services, die aktuell über das Telefon ablaufen, in den Messenger migrieren. Aus der hartnäckigen Computerstimme in der Service-Line wird dann ein selbstlernender Chatbot, sonst ändert sich nichts. Dafür gibt es demnächst ein Messenger-Plugin für Webseiten und ein soziales Bezahlsystem an dem Facebook gerade mit Partnern wie Paypal oder Mastercard arbeitet. Bei Themen wie Sicherheit und Datenschutz wird Stan Chudnovsky eher schmallippig bis politisch und zitiert immer wieder Mark persönlich, dem angeblich alles wichtiger ist, als der Profit aus seiner gut geölten Werbepresse.

Nicht viel Neues also, was durch das Startup MoBike aus China nur zementiert wird. Mitbegründer Joe Xia ist es jedenfalls gelungen, 1 Millionen Dollar für seine Bike-Sharing-Company zu generieren, in dem er das allseits beliebte Car2go-Modell einfach auf das Zweirad adaptiert hat. Made in China halt.

Der Tag neigt sich dem Ende entgegen und die Massen strömen zum Sunset Summit, der insbesondere das Veranstalterland Portugal kulinarisch und kulturell in Szene setzt. Ein paar Bands klimpern im Hintergrund, während die Sonne langsam im Tejo versinkt und die "Networker" ihre Netze auswerfen. Gefangen wird die Beute aber wohl eher am späten Abend im Bairro Alto, der Altstadt von Lissabon, denn die Veranstaltungsfläche rund um die Altice Arena ist weit weg vom bunten Leben in den Kopfsteinpflastern dieser wunderbaren Stadt. Die vielen freiwilligen Helfer haben sich jedenfalls schon ins richtige Wechsel-Shirt mit der Aufschrift "Pub summit" geworfen und steuern die Besucher auf ihrer User-Journey zu den richtigen Touchpoints (Bars & Pubs), um dem Grundgedanken von Paddy Cosgrave (Networking) doch noch gerecht zu werden.   

A. Gebel

André Gebel, Geschäftsführer der Münchner Digitalagentur Coma, ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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