Die Zukunft der Cebit: Mehr als Krawattennadeln und Kaltakquise
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Christoph Salzig | | von Christoph Salzig

Die Zukunft der Cebit: Mehr als Krawattennadeln und Kaltakquise

Es hätte so schön sein können. März. Frühling. Ein Abstecher nach Texas. Über 30 Grad. Was haben uns in den letzten Tagen nicht für tolle bunte Bilder aus Austin erreicht. Denn dort findet derzeit mit der "South by Southwest" (kurz: SXSW) das wohl größte Festival für Nerds und Geeks weltweit statt. Leider ohne mich. Stattdessen quäle ich mich zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett und kämpfe mich durch bitterkalten Ostwind und Nebel. Schon die Gespräche, die ich während der Zugfahrt aufschnappe, verheißen nichts Gutes. Von "EDVlern, die in ihrer autistischen Welt leben" ist da unter anderem die Rede. Spätestens aber die wie an der Perlenschnur entlang der Messegänge aufgereihten IT-Vertriebsmenschen in ihren anthrazitfarbenen Anzügen, bewaffnet mit Krawattennadel und einem wenig verheißungsvollen Lächeln, wie ein Tiger auf dem Sprung zur Kaltakquise, machen klar: Hier ist nicht die SXSW, Austin - hier ist die Cebit, Hannover.

Kaum möglich: Wie geringe Erwartungshaltungen (fast) unerfüllt blieben

Nun gehöre ich nicht zu den Menschen, die der Cebit mit übergroßen Erwartungen begegnen. Ich hatte immer ein mehr oder weniger festes Bild, was diese Messe eigentlich ist oder besser: sein sollte. Denn leider hat sich dieses Bild einer reinen B2B-Plattform für digitale Lösungen nie komplett mit den Vorstellungen der Messeveranstalter gedeckt. Auch dieses Jahr waren wieder einige Elemente in das Messegeschehen eingebettet, die - zumindest bei mir - mehr Frage- als Ausrufezeichen hinterlassen haben. Eine eigens für Drohnen-Wettflüge eingerichtete Messehalle, ein "Loft", in dem die Zukunft digitaler Anwendungen erfahrbar sein soll, sich aber leider mehr als Luftnummer entpuppte. All das hat nach meinem Empfinden hier eigentlich nichts verloren. Und so keimte in den ersten Stunden meines Messeaufenthalts tatsächlich so etwas wie Ernüchterung auf - bei einer - das sei noch einmal unterstrichen - ohnehin geringen Erwartungshaltung.

Endlich: Mit Salesforce & Co. zur fokussierten B2B-Messe

Wäre da nicht die von der Messe in Kooperation mit dem Fachmedium "t3n" ausgerichtete Bloggertour gewesen, ich hätte meine Zelte vielleicht recht schnell wieder abgebaut. Diese Tour aber hat vieles kompensiert: neue Ideen, großartige Technologien, klare Businessbezüge und Partner, die den immer noch sehr großen Marktplatz Cebit offenbar zu schätzen wissen. So ist etwa die Partnerschaft mit Salesforce, die ihre World Tour in einer eigenen Halle ausrichten, ein echter Gewinn für die Cebit. Lange hat man offenbar im Hintergrund verhandelt, wie das Cebit-Geflüster von Michael Kroker (Wirtschaftswoche) aus dem Jahr 2013 belegt. Es hat sich rentiert, unterstreicht das doch den Fokus auf B2B-Themen mehr als deutlich.

Überhaupt haben die Messehallen, die in früheren Tagen dank großer Aussteller wie SAP, Microsoft und Co. als steril und unzugänglich empfunden wurden, deutlich an Attraktivität zugelegt - interessanterweise mit den gleichen Ausstellern. Allein: Es fällt schwer, die echten Perlen zu finden. Hier muss den Besuchern noch viel mehr Orientierungshilfe an die Hand gegeben werden. Zu dominant ist immer noch der wenig zeitgemäß anmutende Standardmesserummelplatz mit seinen Kompakt- und Komplettständen sowie zum Teil verwaisten Messebühnen. Da klafft mit Blick auf die präsentierten Lösungen und Technologien eine gewaltige Innovationslücke.

Hoffentlich: Mit Startups zu innovativeren Messepräsentationen

Ein wenig anders sieht es in Halle 11 aus, wo sich eine Vielzahl junger Unternehmen und Startups präsentieren, die ansonsten - ohne wirklich erkennbare Nomenklatur - weitgehend wahllos über die verschiedenen Gemeinschaftsstände der Bundesländer und Standortinitiativen verteilt sind.

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Der Founders Fight Club in Halle 11 der Cebit 2016.

In ihrer komprimierten Form in einer eigenen Halle wirkt das hingegen viel strukturierter und so wie man es sich als Besucher eigentlich wünschen würde. Hier kann die Cebit von neuen Marktplätzen wie dem Dubliner Web Summit (mein Text dazu: "Geeks der Welt, schaut auf diese Stadt!") immer noch lernen.

Die Gespräche mit langjährigen Vertrauten, die ich seit fast zwei Jahrzehnten in Hannover immer wieder mal bei der Cebit treffe, bestärken mich letztlich in dem Gefühl, dass die Messe insgesamt aber besser geworden ist. Das liegt vor allem am klaren B2B-Bezug, der bei allen Schwächen, die einer so großen Messe offenbar nicht so schnell auszutreiben sind, sehr wohltuend ist. Das gilt auch für die Dauer der Messe. Fünf Tage geben sowohl Ausstellern wie Besuchern genügend Zeit (sich) zu informieren. Es ist bei weitem nicht so hektisch, wie es etwa auf einer Dmexco zugeht. Auch ist es längst nicht mehr so laut wie noch vor wenigen Jahren. Alles wirkt seriöser, fokussierter und unaufgeregter. Gerade deswegen ist die Cebit meiner Meinung nach immer noch ein eminent wichtiger Marktplatz für Businesstechnologien.

Und schließlich...

Es ist eben nicht die Strahlkraft eines Barack Obama oder die (im doppelten Sinne des Wortes) gefühlte Hitze, wie eine SXSW sie zu bieten hat. Es ist vielmehr die Beharrlichkeit einer Angela Merkel und der sich (im doppelten Sinne des Wortes) lichtende Nebel, mit dem die Cebit 2016 aufwarten kann. Und sie tut gut daran, alle unnötigen Störfaktoren weiter zu beseitigen und Besuchern mehr konkrete Orientierung an die Hand zu geben. Denn es geht hier vor allem um Relevanz - und nicht um Reichweite. Das wiederum ist zeitgemäß. Und es ist an der Zeit, dass auch die Messemacher das endlich begreifen.

Christoph Salzig ist Inhaber der Kommunikationsberatung Primus Inter Pares mit Sitz in Münster. Der ehemalige Pressesprecher des BVDW ist ein versierter Kenner der digitalen Wirtschaft und einer der "Digital Leader", einer festen Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

PS: Auch Nico Lumma kommentiert die diesjährige Cebit: "Die Cebit setzt schon lange keine Impulse mehr, sonder sorgt eher für Mitleid."

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