Digitale Demenz | | von Svenja Teichmann

Die Digi-Branche schmort zu sehr im eigenen Saft

Ich habe kürzlich in Hamburg zum vierten Mal in diesem Jahr nach einer Woche Seminar 15 Online-Marketing Manager bei der HKBiS in Hamburg mit IHK-Zertifikat entlassen. Die Teilnehmer kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen – meistens rund um Marketing & Vertrieb – haben Knowhow aus der „alten Welt“ und starten mit dem Seminar in das Abenteuer Internet. In den Seminaren und Gesprächen dieses Jahr wurde mir eins klar: Es ist noch ein langer Weg bis sich in der deutschen Wirtschaft das Bewusstsein für den so genannten "digitalen Wandel" abschließend durchgesetzt hat.

Und noch schlimmer: In Bildungsinstituten findet die digitale Welt häufig noch gar nicht statt, Führungs- und Leitungsebenen lehnen das Thema aufgrund von Angst und Unwissenheit noch immer ab.

Mit dem Google-Trends-Tool habe ich mir mal das Suchverhalten der Deutschen angeschaut. Mit ernüchterndem Ergebnis:

Angeheizt durch die Medien und das gleichnamige Buch von Professor Manfred Spitzer sorgt der Begriff "digitale Demenz" für Aufmerksamkeit und Interesse, was sich im Suchvolumen auf Google wiederspiegelt.

 

Quelle: Google Trends

Für die Begrifflichkeiten "digitaler Wandel" oder "digitale Transformation" kann kein Suchvolumen gezeigt werden, weil es zu wenig ist.

Anscheinend scheint das Thema "digitaler Wandel" niemanden zu interessieren...

Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass sich Unternehmen und ihre Mitarbeiter viel stärker mit dem Thema auseinandersetzen sollten und habe dafür einige Thesen und Beispiele aufgeführt:

Digitale Wandel findet statt, ob man will oder nicht

Die Digitalisierung findet überall statt, ob wir wollen oder nicht. Die Rasanz der Entwicklung ist nicht von der Hand zu weisen. In Hamburg fand gerade der Talent Day IT/Medien statt – mit dem Ziel, Schüler für die Branche zu begeistern. Bei meinem Vortrag vor Schülern der 10. und 11. Klasse ist mir aufgefallen, dass es weder die Branche noch meine jetzige Tätigkeit gab, als ich 2001 Abitur gemacht habe. Das wird den heutigen Schülern wahrscheinlich nicht anders gehen: Wer weiß schon, mit welchen Berufsbildern man in zehn Jahren im Netz erfolgreich ist?

Umso wichtiger ist es, dass man sich mit der stetigen Veränderung auseinandersetzt.

Fehlende digitale Themen an Schulen und Unis

Sowohl bei Seminar-Teilnehmern frisch von der Uni als auch bei Praktikumsbewerbern versuche ich immer herauszuhören, was so gelehrt wird (insbesondere im Marketing). Mit dem erschütternden Ergebnis, dass die meisten Studenten oder Absolventen noch die gleichen Inhalte haben, wie ich sie damals im BWL-Studium gelehrt bekommen habe. Die digitale Welt kommt gar nicht vor. Wenn es dann mal ein Studienfach mit digitalen Themen gibt, hat es leider keine Verbindung zu anderen Studienfächern. Gleiches habe ich bei Azubis von kaufmännischen Ausbildungen beobachtet.

Entscheider brauchen Online-Basis Wissen

Auf der Entscheider-Ebene werden u.a. Strategien und Budgets verabschiedet. Ich bin der Meinung, dass ein Basis-Online-Wissen zwingend notwendig ist, um heute und zukünftig bestmögliche Entscheidungen treffen zu können. Ein Beispiel: Wenn ich weiß, dass mein Ladengeschäft nicht aufzufinden ist, wenn kein Schild außen dran hängt, kann ich entscheiden, ob es wichtig ist, ein Schild aufzuhängen. Wenn ich aber nicht verstanden habe, wann eine Unternehmensseite in den Top Ten der organischen Suche (Bereich ohne Anzeigen) bei Google angezeigt wird, kann ich auch nicht entscheiden, was dafür notwendig ist.

Mitarbeiter müssen bei den digitalen Veränderungen mitgenommen werden

Natürlich soll nicht bei den Entscheidern halt gemacht werden. Gerade Mitarbeiter im operativen Geschäft, wie z.B. Marketing, Personal, Kundenservice sollten in dem digitalen Wandel nicht außer Acht gelassen werden. Auch im Tagesgeschäft dreht sich das Rad sehr schnell. Mit Social Media haben wir Kanäle, die am besten dann funktionieren, wenn im Content Bereich möglichst viele Unternehmen eines Unternehmens Inhalte beitragen. Dafür müssen sie aber in der Regel erst von der Wirksamkeit überzeugt werden. Einige Unternehmen haben festgestellt, dass ihre Social Media-Aktivitäten dann am erfolgreichsten sind, wenn sie über die Mitarbeiter als Markenbotschafter verbreitet werden. Dafür müssen Mitarbeiter aber erst technisch und vom Knowhow her in die Lage versetzt werden.

Digitale Themen müssen auch außerhalb der digitalen Welt diskutiert werden

Ich habe dieses und letztes Jahr einige tolle Events besucht wie z.B. die re:publica in Berlin, das barcamp in Hamburg, Themenabende der Digital Media Women, Social Media Conference in Hamburg u.v.m. Hier werden genau diese Themen diskutiert. Doch finden sich dort immer die gleichen Personen ein, die vom Digitalen Wandel bereits überzeugt bzw. offen für das Thema sind. Das heißt, digitaler Wandel wird äußerst inzestuös diskutiert. Unsere Aufgabe muss es sein, diese Themen auch in Kreise außerhalb der Onlineaffinen-Filterblase zu tragen.

Zurück zur Anfangsfrage: Warum interessiert sich niemand für den digitalen Wandel, aber für die digitale Demenz?

Veränderung und Neues macht erst mal Angst, wenn ich nicht viel darüber weiß und führt daher zu Ablehnung. Es ist im ersten Moment einfacher, auf die digitale Demenz zu schimpfen und die digitale Welt zu verfluchen, als sich überlegen zu müssen, was alles in Unternehmen verändert werden muss: Geschäftsmodelle, Strategien, Kulturen, Führungsstile, Prozesse etc.

Daher stimme ich Dieter Kempf (Präsident Bitkom) in seinem Artikel der FAZ zu: „Analoge Ignoranz ist auch nicht besser als Digitale Demenz – es ist jedoch ein leichtes mit den Ängsten der Menschen zu spielen“.

Wo stehen wir im digitalen Wandel?

Es gibt einiges an Initiativen in Deutschland. Angefangen vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie bis zu vielen einzelnen Projekten und Initiativen. Aber irgendwie scheint das alles nur sehr langsam zu fruchten.

Im September dieses Jahres erschien ein weltweites Ranking hinsichtlich der Zahl der mobilen Breitbandabschlüsse, in dem Deutschland abgeschlagen auf Platz 40 lag. So schreibt die Wirtschaftswoche:

„Dies stellt einen beträchtlichen Standortnachteil für Deutschland dar: Immerhin ist der schnelle Internetzugriff per Smartphone und Tablet laut ITU-Analyse mit einem jährlichen Plus von 30 Prozent einer der wichtigsten technologischen Wachstumstreiber.“

So ein Ranking wird veröffentlicht und wieder nur in der digitalen Welt diskutiert. Ein weiteres Indiz, dass es die Vielzahl der Unternehmen gar nicht interessiert. Weil sie eine gänzlich fehlende Online-Strategie nicht um den mobilen Aspekt erweitern können...

Eine weitere kürzlich erschiene internationale Studie vom MIT Center for Digital Business und der Unternehmensberatung Capgemini bescheinigt den CEOs digitale Unreife. Bernhard Steimel hat die wichtigsten Aussagen der Studie zusammengefasst und benennt die Hauptursachen für den (noch) fehlenden Leidensdruck in den Chefetagen: Selbstgefälligkeit und Ignoranz

Wie treiben wir den Digitalen Wandel voran?

Eine Lösung habe ich nicht, aber aufklären, schulen und weiterbilden kann auf jeden Fall nicht schaden. Ansonsten ist es die Mischung aus Kunden, Umsätzen und der Generation Y, die in der Gesamtheit den Druck auf Unternehmen wohl erhöhen werden. Zusätzlich ist jeder Einzelne gefragt, seinen Teil dazu beizutragen.

Naja vielleicht doch noch eine Bemerkung – solange die Publikumsmedien in Deutschland Themen wie Shitstorms, Facebook-Partys & Co. dermaßen schwer gewichten, wird die Angst vor dem Neuen natürlich weiter geschürt. Hier wünsche ich mir eine objektive Berichterstattung, die Risiken und gleichermaßen Chancen beleuchtet.

Svenja Teichmann ist einer der "Digital Leader", einer festen Gruppe von Bloggern, die ab sofort ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreiten. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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