Mike Schnoor, Senior Partner der Digitalagentur Guts & Glory.
Mike Schnoor, Senior Partner der Digitalagentur Guts & Glory. © Foto:Guts & Glory, Christian Metzler

Mike Schnoor | | von Mike Schnoor

Chapeau, Netflix! Blutige Plakatkampagnen funktionieren doch

Eine neue Serie beim Streaming-Dienst Netflix wird crossmedial beworben. Einen großen Teil davon macht Out-of-Home aus mit Motiven von klein geschnittenen Fingern und Innereien. Was ist schöner, als eine Zombie-Serie mit dem Lieblingsessen aller Untoten zu garnieren? Natürlich passt das wie die berüchtigte Faust auf's Auge und an jeder Ecke und an jeder Hauswand finden sich die "Santa Clarita Diet"-Plakate wieder.

Doch kaum hängt die Netflix-Kampagne, hagelt es in Deutschland etliche Beschwerden beim Werberat. Prüderie erwartet man eigentlich aus Übersee, denn die Deutschen sind sonst aufgeklärt und haben mit den meisten Dingen im Leben kein Problem. Aber hier steht die Ethik auf der Kippe. Die armen Kinder. Denn einen abgehackten Finger sollte niemand wie eine Berliner Currywurst bewerben und aus dem Milchshake-Becher trinkt bitte niemand blutigen Brei. Wenn Plakate kein fröhliches Happywonderland zeigen, sondern wie Fastfood arrangierte Finger braucht es einen Aufschrei unter den Bürgern.

Zwar muss nun die Plakatwerbung für die Netflix-Serie zurückgezogen werden, aber am Ende hat Netflix doch alles richtig gemacht. Ja, man sollte Netflix für diese Plakatkampagne in den Himmel loben – gerne auch ausführende und beteiligte Agenturen. Der Grund für die Euphorie ist einfach erklärt: Werbung soll die Menschen beeinflussen, sie zum Kauf eines Produktes bewegen und sie anregen, spezielle Handlungen zu vollführen. Das funktioniert mit den Kampagnenmotiven extrem gut. Hier wird die Neugierde erweckt!

Hat man Netflix im Abo, lädt man die neue Serie und beginnt das Bingewatch-Ritual. Wer noch kein Netflix besitzt, wird vermutlich den Probemonat abschließen, um zu verstehen, warum Drew Barrymore sich auf eine Kannibalen-Diät einlässt. Wer schon gekündigt hat, wird wieder ein neuer Kunde werden, denn die Einstiegshürden sind weitaus geringer als bei den Abofallen mancher Pay-TV-Anbieter. Netflix könnte den Vogel abschießen, wenn tatsächlich ein Plus an Abonnenten und Wiederkehrern zu vermelden ist. Marketing á la carté, also á la Netflix.

Wer sich an solchen Motiven stört, darf niemals wieder im Supermarkt einkaufen, denn die Schreckensbilder von echten Krankheiten auf den Zigarettenpackungen sind wirklich ekelig – und erfüllen hoffentlich ihren Zweck. Werbung soll die Rezipienten unbedingt auf emotionaler Ebene aktivieren und darf dabei mit extremen Situationen polarisieren. Werbung darf anecken, mit den Leuten spielen, sie veralbern und sogar Missstände anprangern und extreme Situationen ausreizen. Dies alles vollzieht Netflix mit der in die Kritik geratene Kampagne auf bravouröse Weise. Der Witz ist, dass die Menschen offenbar extrem durch die Out-of-Home-Werbung polarisiert sind und darüber ausführlich diskutieren.

Der PR-Effekt ist umso mehr geglückt, wenn obendrein unzählige Medien nebst der Werbefachwelt sich auf den Kampagnenskandal stürzen. Außenwerber wie Ströer werden ebenfalls zu den Gewinnern zählen, denn nur durch die großformatigen Motive der breit gestreuten Out-of-Home-Kampagne konnte Netflix einen Sieg auf ganzer Linie einfahren. Der Dämpfer mit dem Werberat und den rund 50 Beschwerten lässt sich jetzt locker wegstecken.

Und mal ganz ehrlich, wer glaubt denn, dass Untote wirklich auf der Straße wandeln und ein paar Finger aus einer Pommestüte oder als Currywurst garniert essen? Nein, echte Zombies springen einen an und zerfleischen einen. Dazu muss man nur "The Walking Dead" schauen, um der Fiktionalität ins Auge zu blicken – diese Serie ist auch bei Netflix verfügbar.

Mike Schnoor, Senior Partner der Digitalagentur Guts & Glory, ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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