HuffPo | | von Christian Faltin

Arrogant und ignorant: Wie deutsche Medien mit „Gratisbloggern“ umgehen

Muss man in einer Zeit, in der das Twitter-Intermezzo zwischen Boris Becker und Oliver Pocher die Verkaufszahlen der Becker-Biographie treibt, Journalisten sagen, dass Aufmerksamkeit einen realen Wert hat? Anscheinend ja. Was haben sich vor allem die Publikumsmedien zwischen Flensburg und Garmisch nicht ausgemährt über den Start der Huffington Post in Deutschland. Da kommt ein Geschäftsmodell auf den Markt, das Menschen den Platz bietet, freiwillig zu schreiben – nur entgolten durch Reichweite und Aufmerksamkeit (Disclaimer: unsere Agentur hat den Start der HuffPost in Deutschland unterstützt). Die Antwort der deutschen Medien (von FAZ bis DJV) war vorprogrammiert und er hat sehr zuverlässig funktioniert: ein heftiger Beißreflex.

Von Aufmerksamkeit, so das Fazit unzähliger Berichte (und ich habe über 300 davon gelesen, gehört und gesehen), kann man nicht abbeißen. Deshalb wurde zugebissen. Liebe Journalisten, Aufmerksamkeit in unserer Branche hat verschiedene Namen. Die heißen dann Leser pro Ausgabe, Einschaltquote, Hörer pro Stunde, Visits, Views, Likes oder oder oder. Die ganze Kommunikationsbranche lebt davon, Aufmerksamkeit herzustellen. Und ihr lebt davon, weil die Werbung, die ein Bestandteil der Aufmerksamkeitsökonomie ist, Eure Arbeitsplätze zum Großteil mitfinanziert. 

Am meisten gestört hat mich persönlich aber der unreflektierte Umgang vieler Journalisten mit den „Bloggern“. Gemeint waren die Gastautoren, die einen Beitrag erstellen - für die Huffington Post oder für ihre eigenen Blogs. Sie wurden entweder als mitteilungssüchtige Profilneurotiker oder als belanglose Langeweiler dargestellt. Hatten wir die Schlacht Blogger vs. Journalisten nicht schon längst in eine friedliche Koexistenz umgewandelt? Nein. Gratisblogger, so ein Tenor der breiten Berichterstattung, „gefährden die Zukunft des Journalismus in Deutschland“. Tenor 2: Wir haben gar nicht genügend relevante Blogger in Deutschland. Tenor 3: Die veröffentlichen aber eh nur belangloses Zeug. Ja, was denn nun? Dabei gibt es doch schon einige erfolgreiche Blogger in Deutschland (von denen viele früher als Journalist gearbeitet haben), die mittlerweile gratis schreiben können, weil sie ihre Miete, ihren Tankwart und den Bäcker mit den Umsätzen bezahlen, die Ihnen Beratungsaufträge, Vorträge oder bezahlte Beiträge bringen. Fragen Sie doch mal Klaus Eck, Richard Gutjahr, Jochen Mai, Thomas Knüwer, Sascha Lobo & Co.

Zwischen Arroganz und Angst

Vielen Journalisten geht – Entschuldigung – der Arsch auf Grundeis. Das ist verständlich. Jede Woche kommen neue Meldungen von gestrichenen Lokalredaktionen, zusammengelegten Mantelredaktionen und Stellenabbau – vorrangig in gedruckten Medien. Das ist bitter und das Ende lange noch nicht abzusehen. Aber Blogger dafür abzuwatschen, trifft die absolut Falschen. Nicht Blogger, die von ihrem Schreiben nicht hauptberuflich leben (müssen), gefährden den Journalismus, sondern der Beharrungswillen vieler Medienhäuser und auch Journalisten, an herkömmlichen (oft schrumpfenden) Geschäftsmodellen festzuhalten. Und der fehlende Mut, neue Wege auszuprobieren, auch wenn etliche davon scheitern werden. Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit online,  hat jüngst auf einer DJV-Veranstaltung das Fazit gezogen: „Alle Thesen und Prognosen, die wir in der Vergangenheit aufgestellt haben, sind nicht in Erfüllung gegangen. Alle Thesen im digitalen Journalismus sind falsch.“   

Also müssen wir den Journalismus in Teilen neu denken. Das erfordert eine Menge Hirnschmalz, Flexibilität und Freude am Improvisieren. Wäre es im ersten Schritt nicht ein wesentlich vielversprechenderer Weg, Menschen, die gut, pointiert und kenntnisreich schreiben können, einfach an das eigene Medium zu binden, statt sie als Konkurrenz und Arbeitsplatzvernichter zu sehen?  

Die mit Abstand besten, weil differenziertesten Beiträge zur Huffington Post und zum Thema gratis Bloggen habe ich übrigens in Blogs gelesen. Und das Medium, für das ich hier gerade gratis schreibe, hat einen Blogger (Karsten Lohmeyer, Lousy Pennies), der sich vorher mit Gratisartikeln einen Namen gemacht hat,  dann dafür bezahlt, über die Huffington Post zum Start zu schreiben. „Der Journalist der Zukunft wird auch ein Kommunikationsexperte sein müssen, anders geht es nicht“, hat der DJV-Vorsitzende Michael Konken vor kurzem im WDR gesagt. Lieber DJV, ihr werdet parallel akzeptieren müssen, dass auch Kommunikationsexperten und normale Menschen durch das Web auf einmal journalistisch tätig werden. Und Artikel in Blogs gelegentlich mal kenntnisreicher und (im schönsten Fall) auch noch meinungsstärker sind als  Beiträge „klassischer“ Journalisten.     

Übrigens liebe Journalisten, es gibt noch eine Plattform, die lässt Autoren, darunter auch jede Menge Journalisten und andere Kommunikationsmenschen, gratis für sich schreiben. Und keiner regt sich darüber auf. Zu Recht, wie ich finde. Wikipedia hat Unterstützung verdient.  

P.S.: Ich habe selbst 13 Jahre lang als Journalist gearbeitet. Die meiste Zeit davon sehr gerne.  

Christian Faltin ist einer der "Digital Leader", einer festen Gruppe von Bloggern, die ab sofort ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreiten. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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