SXSW 2014 | | von Irmela Schwab

Festival-Trends: 2014 wird das Jahr des Social Selling

Jeder Tag auf dem SXSW Festival in Austin beginnt mit Yoga. Sicherlich hat das mit dem Alternativ-Glamour zu tun, mit dem sich die texanische Musikmetropole schmückt: Aus Bars und Restaurants dröhnt der Beat bis auf die Straßen. Doch die Verrenkungsübungen haben durchaus auch einen praktischen Mehrwert. Denn bei vielen Sessions herrscht ein solcher Andrang, dass die Besucher, wenn sie überhaupt in die Säle im Austin Convention Center und der umliegenden Hotels eintreten können, im Yogisitz saßen. Manche standen wie in der Yoga-Übung “Baum”.

Da versteht es sich von selbst, dass die meisten “Southby”-Besucher - echte Insider sparen sich das “Southwest” - Jeans, Hoodie und ausgelatschte Turnschuhe trugen. Und den Buzzthemen 3D-Printing, Wearable Technologies, Social Selling und vor allem Big Data zwar interessiert gegenüber standen, aber auch sehr skeptisch. Viele der Diskussionen drehten sich darum, wie man digitale Technologien nutzen sollte und wem das Internet gehört. Den Verbrauchern, der Werbung oder gar den Regierungen.

Den Verbrauchern, findet offenbar David Byttow. Byttow, der vor gut fünf Wochen das Netzwerk Secret gelauncht, zeigte sich fest davon überzeugt, dass echte soziale Konversationen einen geschützten Rahmen benötigen. Während Facebook- und Twitter-User viel dafür tun, um innerhalb ihrer Peers eine gute Figur abzugeben. “Bei Secret können sich User über ihr tatsächliches Befinden austauschen und auch besser helfen.” Das anonyme Social Network reiht sich damit in die junge Tradition von Diensten wie Whisper und Snapchat ein, die Daten verschleiern statt enthüllen.

Die digitale Sphäre wird somit mehr und mehr zur Spielwiese zum Verstecken und Finden. Auf der einen Seite diese, die nach Daten jagen und Profile daraus basteln, auf der anderen Seite jene, die sich davor schützen möchten. Wikileaks-Gründer Julian Assange formulierte es im Skype-Talk mit Benjamin Palmer von der Digitalagentur The Barbarian Group so: “Menschen sind Produkte, die an Werbungtreibende verkauft werden.” Ein Tanz auf Messers Schneide auch für Facebook, die den Newsfeed ihrer User neuerdings mit weniger Werbebotschaften, dafür mit mehr News anreichern.

Vielleicht mit ein Grund, warum immer mehr Unternehmen auf Twitter setzen, um ihre Produkte zu bewerben. Auf dem Festival, das für Technik-Freaks und Digitalstrategen heute zu Ende geht, hat die Mondelez-Keksmarke Oreo vorgeführt, wie sich über 3D Printing leckere Kekse machen lassen. Kooperationspartner dabei ist Twitter. In der "Trending Vending" Lounge konnten sich Besucher ihre eigene Keksfüllung auf das Oreo-Gebäck ausdrucken, und dabei aus Twitters Trend-Themenkiste wählen, wie z.B. Oscar-Selfie. Ein netter Showeffekt, den Mondelez bei den Cannes Lions nochmal wiederholen will. Auch in vielen weiteren Sessions war zu hören, wie Händler, Marken, Hotels und Restaurants mit neuen Technologien wie iBeacon spielen sowie Social noch stärker einzubinden, um künftig direkt über soziale Kanäle zu verkaufen. So werde 2014 laut Will Young, Director bei Zappos Labs, das Jahr des Facebook- und Instagram-Commerce. Die großen Konzepte dafür fehlen jedoch noch.

Doch SXSW wäre nicht SXSW wenn am Ende nicht doch noch ein großer Knaller präsentiert worden wäre. Und der kam so überraschend wie einem betagten Totgeweihten dabei zuzusehen, wie er dem Tod kurzerhand von der Schippe springt - um vielleicht gleich Highlander viele schöne Jahre weiter zu leben. Genau, die Rede ist von Print: Um Produkte mit Emotionen aufzuladen, setzen viele Unternehmen heutzutage wieder auf die Story hinterm Produkt - und die lasse sich nirgendwo so gut transportieren wie über ein Magazin, glaubt Ethan Song, CEO des kanadischen Online-Shops Frank & Oak. Print sei womöglich das “next big thing”.

Festival-Trends: 2014 wird das Jahr des Social Selling

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Zukunftsvision: Wenn die Wearables unter die Haut gehen

von Annette Mattgey

In jeder Hinsicht heißer als auf der Cebit ging es diese Woche in Austin, Texas, zu. Das SXSW (South by Southwest) versammelt traditionell nicht nur Anzugträger, sondern Kreative, Musiker und Gründerpersönlichkeiten. Die politischeren Töne waren in diesem Jahr wieder deutlicher zu hören, erzählt Adrian Rosenthal, Head of Digital and Social Media bei MSL Germany im LEAD digital-Interview. Ihn haben vor allem die Zukunftsaussichten der Wearables fasziniert.

Haben Sie dort "The Next Big Thing" gefunden?

Wie auch schon in den letzten zwei bis drei Jahren gab es auch 2014 keinen Trend, keine Innovation und auch keine neue Plattform, die als The Next Big Thing in die Annalen der SXSW eingehen wird. Vielmehr haben die Trends des letzten Jahres auch dieses Mal wieder einen Löwenanteil der mehr als 1.000 Sessions eingenommen: Storytelling & Content-Marketing,Wearables & Quantified Self oder Big Data. Alle diese Bereiche wurden jedoch in neuer Tiefe und Breite als noch vergangenes Jahr diskutiert.

Welches Thema haben Sie in Austin dieses Jahr besonders intensiv verfolgt?

Ich habe versucht, jeden Tag mindestens eine Veranstaltung zum Thema Wearables, von denen es täglich mehrere gab, anzuschauen – und auch einige Devices auf der angeschlossenen Trade Show unter die Lupe zu nehmen. Ich nutze selber seit einigen Monaten ein Nike Fuelband und bin fasziniert von Quantified Self, kam mir damit aber fast schon altmodisch vor. Andy Goodman sprach in einem der Talks zum Thema bereits von Embedabbles, also Devices, die im Körper sitzen und mit Blick auf das Thema Mobile Health natürlich noch einmal ganz andere Perspektiven eröffnen. Zudem habe ich mir die Smartwatch Pebble besorgt, die ich mir in den nächsten Tagen genauer angucken werde.

Was hat sie vor Ort überrascht?

Zum Interactive-Teil der SXSW kommen mittlerweile Teilnehmer aus der ganzen Welt. Auch wenn die großen Platzhirsche – seien es Facebook, Paypal oder Yahoo – nach wie vor aus den USA kommen, ist es immer wieder interessant zu sehen, wie es trotz der immer weiter voranschreitenden digitalen Vernetzung von Land zu Land bzw. Region zu Region immer noch Unterschiede gibt. Xing zum Beispiel, dieses Jahr einer der Partner des German Haus auf der SXSW, ist nach wie vor das stärkste Business-Netzwerk in Deutschland. Besonders fällt dies bei den mobilen Messenger Apps auf. Während Whatsapp in Deutschland mit mehr als 30 Millionen Nutzern immer noch dominiert, spielt der Dienst in den USA eher eine kleinere Rolle. In Asien sind hingegen Dienste wie Line und WeChat beliebt. Wir waren mit fast 40 Kollegen aus der ganzen Welt vor Ort und hatten natürlich die Herausforderung, uns auch hier ständig austauschen zu können – und haben schließlich auf Whatsapp gesetzt, weil dies doch von der Mehrheit genutzt wird.

Warum ist es für sie wichtig, in Austin zu sein?

Die Welt wird immer digitaler, das ist nun wirklich kein Geheimnis mehr. Die SXSW ist dabei der ideale Ort, um eben diese fortschreitende Digitalisierung der Kommunikation und auch von Produkten zu beobachten und zu diskutieren, die neuesten Trends unter die Lupe zu nehmen, Tools und Plattformen auszuprobieren. Und sich vor allem auch – mit Hilfe virtueller Tools – direkt in Austin mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Dieses Jahr haben sich mehr als 150 deutsche Teilnehmer in einer Facebook-Gruppe versammelt und sich ausgetauscht, von denen viele sogar zusammen in eigens angemieteten Häusern wohnten. Und da auch viele Kunden vor Ort sind, haben wir als Agentur gleich das globale Meeting der Digital-Experten der MSL Group vor Ort abgehalten, das einen Tag vor der SXSW stattfand. Danach konnten wir direkt auf der SXSW perfekt die Inhalte unserer Workshops vertiefen.

Welche Persönlichkeit hat Sie am stärksten beeindruckt?

Geht es nach dem Buzz in sozialen Netzwerken, haben mit Edward Snowden und Julian Assange zwei Personen, die nicht vor Ort, sondern nur per Livestream zugeschaltet waren, den meisten Buzz erzeugt. Mir selber bleiben vor allem zwei Sessions in Erinnerung: Brandon Stanton, der über sein (mittlerweile auch in Buchform erhältliches) Blog Humans of New York sprach, von dem ich schon lange ein Fan bin, da es tolles visuelles Storytelling ist. Sein Motto kann man daher auch ganz einfach zusammenfassen: It’s the story, stupid! Zudem die Keynote vom Astrophysiker Neil deGrasse Tyson, der einfach unglaublich unterhaltsam inspirieren kann. Und natürlich beeindruckt mich die unvermeidliche Grumpy Cat immer wieder nachhaltig.

Mehr Anonymität oder mehr Offenheit – wohin tendiert die Digital-Szene auf der SXSW?

Ich würde sagen, dass es in beide Richtungen geht. Auf der einen Seite werden immer mehr Daten eingesammelt – und gerade auch im Kontext des Self-Trackings stellen immer mehr Leute ihre Daten zur Verfügung uns ins Netz. Auf der anderen Seite hat eine gewisse Sensibilisierung beim Thema Datenschutz und dem Umgang mit den eigenen Daten stattgefunden, auf jeden Fall mehr als in den vergangenen Jahren. Das ist im Zuge der Geschichte um Edward Snowden natürlich nicht überraschend.

Ihr Ausblick auf nächstes Jahr – und werden Sie wieder dabei sein?

Der Interactive-Teil wird weiter wachsen und stärker werden - und es scheinen auch immer mehr Teilnehmer aus Deutschland zu kommen. Zudem hat die diesjährige SXSW nicht nur im Kontext der Snowden-Affäre deutliche politischer Untertöne, ob zu Datenschutz oder digitalen Bürgerrechten, als zuletzt bekommen, die auch noch einmal von Bruce Sterling in seiner Abschlussrede thematisiert wurden. 2015 werde ich definitiv wieder dabei sein. Die SXSW ist bei mir inzwischen fester Bestandteil des Terminkalenders, da ich nirgends so eine Mischung aus thematischer Breite und Tiefe, Networking und Inspiration bekomme wie hier. Nur das Wetter muss wieder besser werden als dieses Jahr.

Adrian Rosenthal leitet als Head of Digital and Social Media die standortübergreifende Digital-Practice von MSL Germany und war dieses Jahr  zum dritten Mal auf der SXSW.

von Annette Mattgey - Kommentare Kommentar schreiben