Modernes Digital Signage: Kunden erkennen und ganz persönliche Inhalte ausspielen
Modernes Digital Signage: Kunden erkennen und ganz persönliche Inhalte ausspielen © Foto:Sensape

Digital Signage | | von Yvonne Göpfert

Digitale Empfehlungen am POS - ganz individuell

Wer heute in einen Laden geht und auf einen Werbebildschirm trifft, stellt fest: Sie hängen nur da und sind passiv. Unsere Bildschirme gehen dagegen auf die Leute zu, sagt Justus Nagel, zuständig für  Business Development bei Sensape. Sensape ist angetreten, mit Hilfe von Bilderkennung und künstlicher Intelligenz Bildschirme zu interaktiven Werbeflächen in stationären Ladengeschäften zu machen. Ein nicht ganz unumstrittenes Unterfangen.

LEAD digital: Wie funktioniert eure Lösung?

Justus Nagel: Unser Ziel ist es Kunden im Einzelhandel optimal zu beraten und mit den Informationen zu versorgen, die sie interessieren. Dafür hauchen wir unseren Bildschirmen Leben ein. Was das heißt? Die von uns entwickelte Software kann aktiv auf vorüberschlendernde Kunden eingehen und passende Inhalte ausspielen und sie so für gewisse Themen oder Produkte aktivieren. Dahinter steht unsere eigene künstliche Intelligenz, die standardmäßig Geschlecht, Alter und auf Wunsch auch Emotionen der Kunden erkennen kann. Zudem identifiziert die Software, welchen Gegenstand der Kunde in der Hand hält – ein Ansatzpunkt für individuelles Marketing. Hat die Software erkannt, dass sich ein Mann dem Bildschirm nähert, so werden beispielsweise Männerhemden oder Männer-Jeans ausgespielt. Geht eine Frau vorbei, werden Produkte präsenteiert, die auf Frauen zugeschnitten sind. Dabei werden für junge Frauen andere Produkte gezeigt als für ältere Frauen. Durch Personalisierung passt sich der Bildschirm dem Kunden an. So können nicht nur für jede Zielgruppe unterschiedliche Produkte beworben werden, sondern auch eine bessere Zielgruppenansprache ist möglich:  junge Leute werden geduzt und ältere Kunden gesiezt. Gerne verbinden wir unsere Installationen auch mit Augmented Reality Elementen, damit die Kunden zusätzlich ein atemberaubendes Erlebnis erhalten.

LEAD digital: Bilderkennung klingt nach mehreren Problemen. Erstens wie viel Rechenpower braucht euer System? Und wie sieht es mit der Akzeptanz aus? Real hat seinen Test immerhin wegen heftiger Proteste im Juni dieses Jahres abgebrochen.

Justus Nagel: Zur Rechenpower: Es ist relativ einfach, eine Flasche oder ein Schokoladentafel in der Hand zu erkennen. Dazu machen wir rund 100 Aufnahmen des Gegenstandes von allen Seiten, mal gehalten von einer Frau, mal gehalten von einem Mann. Deutlich komplizierter wird es, wenn die Software beispielsweise verschiedene Ohrringe oder verschiedene Brillenmarken erkennen soll. Das Problem bei der Bilderkennung ist, dass die Erkennung in Echtzeit erfolgen muss, jedoch lokal nur begrenzte Rechenkapazität zur Verfügung steht. Daher schauen wir immer je nach Use-Case, welche Parameter wirklich Mehrwert schaffen und beschränken uns auf diese Erkennungskriterien - je nach Leistungsfähigkeit der Steuerungshardware der Monitore.

Und die Akzeptanz? Welche Erfahrungen habt ihr hier gemacht?

Justus Nagel: Die Akzeptanz ist großartig, denn unsere Installationen sind nicht dazu da „einfach nur zielgerichtet zu werben“ und die Technik zum Selbstzweck und zur Datensammlung zu nutzen. Wir denken nämlich immer an den Mehrwert für den Endkunden. Schaffen wir eben diesen Mehrwert (z.B. Spaß, Rabatt, Einkaufserlebnis, Beratung oder was auch immer) wird auch unser Kunde (der Händler) sehr zufrieden sein. Es ist also eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

LEAD digital: Nun haben die Deutschen ja panische Angst vor Datensammlern. Nehmen wir an, ein Kunde hat seiner Frau erzählt, er wäre in Düsseldorf. Tatsächlich ist er mit seiner Geliebten jedoch in Hamburg. Muss dieser Kunde Angst haben, dass seine kleine Lüge auffliegt, weil vor einem Bildschirm eurer Bildschirme gestanden hat?

Justus Nagel: Ganz wichtig: Es werden niemals Bilder gespeichert. Die Bilder gehen eine Millisekunde über die Cam in den Arbeitsspeicher. Das passiert 30 Mal pro Sekunde. Die Daten werden niemals gespeichert. Und man kommt an diese Daten auch niemals heran. Das was übrig bleibt ist ein anonymisierter Datensatz mit Zeitstempel. Und es ist immer noch nur eine Schätzung des Computers, nicht der fotografierte Personalausweis eines Menschen. Unsere Daten sind nicht personenbezogen. Wir erkennen die Menschen nicht. Und somit erkennen wir auch nicht, ob ein Mensch wiederkehrt und zum zweiten, dritten oder vierten Mal am Bildschirm vorbei geht. Unser Anwendungsszenario fällt auch nicht unter das Bundesdatenschutzgesetz. Das hat jüngst auch der bayerische Landesdatenschutzbeauftragte bestätigt. Also keine Angst!

LEAD digital: Wo ist Sensape denn schon im Einsatz?

Justus Nagel: Konkret ist Sensape schon in der Leipziger Supermarktkette Konsum im Einsatz: Geht eine Frau am Bildschirm worüber, werden auf dem Screen andere Rezepte präsentiert als für Männer. Die Kunden können durch die Rezepte scrollen und sich die Rezepte ausdrucken, um die Kauflust für die entsprechenden Zutaten zu wecken. Derzeit haben Sensape und Konsum verschiedene Rezepte entweder Frauen oder Männern zugeordnet. Noch bessere Ergebnisse könnten wir jedoch erzielen, wenn wir eine Empfehlung-Engine wie beispielsweise die Prudsys Recommendation Engine einsetzen. Da wollen wir in Zukunft hin. Auch mit Werbung für Oreo-Kekse haben wir schon experimentiert. Wenn ein Kunde im Supermarkt eine Packung Oreo-Kekse in der Hand hält, erkennt das System die Packung. In diesem Moment könnte ein Rezept auf dem Screen angezeigt werden, um den letzten Kaufimpuls zu setzen. Oder es werden Coupons ausgespielt, die für Produkte werben, die häufig zusammen mit Oreo-Keksen gekauft werden wie beispielsweise Milch.

LEAD digital: Was, wenn mehre Leute vor dem Bildschirm stehen?

Justus Nagel: Stehen mehr Menschen vor dem Bildschirm wird die Person genommen die am nächsten zum Bildschirm steht. Wir gehen davon aus, diese den Bildschirm am besten sieht und daher die Wahrnehmung der Inahlte am größten ist.

LEAD digital: Ist es schon mal passiert, dass ihr anfangs Produktvorschläge hinterlegt hattet, die überhaupt nicht funktioniert haben?

Justus Nagel: Klar. Auch das kommt vor, da wir Menschen, die zur Zeit der Maschine noch sagen was sie wem anzeigt soll, natürlich auch Fehler machen. Deshalb bauen wir ja das System immer weiter aus, damit wir unabhängiger vom menschlichen Fehler werden und in Zukunft das System immer eigenständiger wird.

LEAD digital: Rechnet sich die personalisierte Werbung am POS?

Justus Nagel: Die kleinste Absatzsteigerung, die wir mit Sensape Technologie am POS verzeichnet haben, lag bei im Durchschnitt 120 Prozent – also ein Fünftel mehr Verkäufe. Im besten Falle konnten wir den Absatz sogar um 900 Prozent steigern. Interessanterweise bringt Couponing nicht immer den größten Erfolg. Im Falle von Oreo hat die Rezept-App viel besser funktioniert als der Rabatt-Coupon. Dies bestätigt auch wieder unsere Endkunden-Mehrwert-orientiertes Vorgehen.

LEAD digital: Wenn ihr euch etwas wünschen dürftet (es ist ja bald Weihnachten): Was wären eure Wunschkunden?

Justus Nagel: Tendenziell wollen wir mit allen Händler und  Marken-Herstellern sprechen. Am liebsten sind uns aktuell Marken mit eigenem POS oder Shop-in-Shop Lösung wie beispielsweise Toblerone oder Tommy Hilfiger. Als Marke verstehen sie den Mehrwert der Customer Experience und als Shop die Wichtigkeit der Absatzsteigerung am POS. In diesem Fall ist der Fit zwischen dem was wir bieten und dem was der Kunde braucht, am größten.

LEAD digital: Was kostet eure Lösung für Händler?

Justus Nagel: Für den Händler fallen Kosten für die Monitore an plus die Lizenz für den Mediaplayer. Dazu kommt ggf. noch etwas Beratung und Customization. Insgesamt hängt es natürlich stark von Anzahl, Laufzeit, etc. ab, aber ich kann dir versichern, dass es auch für kleinere Händler stemmbar ist.

LEAD digital: Danke für die spannenden Insights.

 

Digitale Empfehlungen am POS - ganz individuell

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!